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23. Dezember 2013

Gemeinsam statt einsam

Auch Randständige, Mittellose und Migranten sollen über Weihnachten Nächstenliebe erfahren. Dafür setzen sich Menschen wie Rita Furrer, Pesche Michel und Isabella Günthardt ein.

Mehr zum Thema: Adressen und Telefonnummern von Hilfsorganisationen, die auch an den Festtagen mit helfender Hand bereitstehen: Zum Artikel

Rita Furrer, umgeben von ihren Mitstrickerinnen Klara Nietlispach (links) und Anni Braun (rechts)
Fröhliche Runde: Rita Furrer, umgeben von ihren Mitstrickerinnen Klara Nietlispach (links) und Anni Braun (rechts).

Stricken für Mittellose

Der Duft von Lindenblütentee, ein Gewirr von Frauenstimmen, untermalt von einem leisen Klappern. Im Pfarreiheim Bronschhofen SG hat sich wie jeden zweiten Freitagnachmittag die Strickgruppe versammelt. 16 Frauen lismen mit ihren Nadeln um die Wette. Sie stellen Weihnachtsgeschenke für Bedürftige her, und ein wenig helfen sie damit auch sich selbst.

«Wir verschenken Zeit und Wärme», sagt Leiterin Rita Furrer (74). Für ein Paar Socken braucht eine Strickerin im Schnitt zehn Stunden. 215 Pärchen haben die Frauen im vergangenen Jahr gestrickt. Macht mehr als 2000 Stunden. Dabei sind die Socken bloss eine Strickware unter vielen: Im Angebot der Bronschhoferinnen stehen auch Decken, Mützen, Schals sowie Kleider und Puppen für Kleinkinder.

Sie stricken seit mehr als 20 Jahren für einen guten Zweck

Die Gruppe besteht hauptsächlich aus älteren Damen, darunter viele verwitwete. «Das Stricken ist für uns ein sozialer Anlass», sagt Rita Furrer. Manchmal werde auch mehr «gschnäderet» als «glismet», aber das sei nicht schlimm, schliesslich würden alle zu Hause weiterstricken.

Strickgeschenke der Strickgruppe: Selbstgemachte Pullis, Socken, Kinerpuppen.
Aus dem Sortiment: In den Strickwaren der Bronschhoferinnen steckt viel Zeit, Liebe und natürlich Wärme.

Die Strickgruppe existiert schon seit mehr als 20 Jahren. Zu Beginn stand eigentlich bloss das Vorhaben, gemeinsam statt einsam zu stricken. 1990 warf Rita Furrer die Idee auf, man könnte nicht nur für die eigene Familie lismen, sondern zumindest die Restwolle für einen guten Zweck verwerten. Auf der Suche nach einem dankbaren Abnehmer stiessen die Frauen auf ein Kloster mit Verbindung nach Tansania. Das ging ein paar Jahre gut, bis sich der Transport derart verteuerte, dass sie sich nach anderen Bedürftigen umsehen mussten. Es folgten Lieferungen in den Ostblock: nach Russland, Rumänien, Litauen und Polen.

Hin und wieder ein Dankesbrief ist den Frauen Lohn genug

Schon bald benötigten die Strickerinnen mehr Rohmaterial. Sie erbettelten sich Restwolle in ihrem Bekanntenkreis, schalteten aber auch Inserate und stellten ihre Gruppe in der Lokalpresse vor. Das System funktioniert bis heute, wobei Rita Furrer gerne auch ganze Knäuel entgegennimmt: «Das gibt etwas mehr Freiheit bei der Wahl des Designs.» Und manche Stücke seien aufgrund der Resten etwas gar bunt.

Zuständig für die Logistik ist Rita Furrers Ehemann Egon. Er holt die Restwolle mit dem Auto bei den Spendern ab und fährt die fertigen Strickwaren zu den verschiedenen Institutionen. Heute stricken die Frauen vor allem für Bedürftige in der Schweiz, für Migranten im Chrischtehüsli Zürich, für Bewohner des Männerheims St. Otmar in Wil SG oder für Drogenabhängige in der Gassenküche St. Gallen.

Direkten Kontakt zu den Beschenkten pflegen die Bronschhoferinnen selten. Es genügt ihnen, wenn sie hin und wieder einen Dankesbrief erhalten. «Es ist einfach schön, wenn man jemandem eine Freude machen kann», sagt Rita Furrer. Zudem höre sie von den Betreuern, dass die Strickware oft das einzige Geschenk sei, das die Randständigen zu Weihnachten erhalten.

Moses aus Kenia (links) und Tekeste aus Eritrea (rechts) auf dem Sofa von Isabella Günthardt, die mit ihrer Familie in Obersiggenthal wohnt.
Feiern mit Familienanschluss: Moses aus Kenia (links) und Tekeste aus Eritrea (rechts) auf dem Sofa von Isabella Günthardt, die mit ihrer Familie in Obersiggenthal wohnt.

Weihnachten für alle

Viel gereist ist Isabella Günthardt in ihrem Leben. Sie trampte mit dem Rucksack durch die USA, Südamerika und Afrika und kam so in Kontakt mit der lokalen Bevölkerung. Heute wohnt die gelernte Vermessungszeichnerin mit ihrer Familie in Obersiggenthal bei Baden AG, in einem modernen Einfamilienhaus mit Fernsicht. Die Reisen sind heute mit einem Zweck verbunden. Isabella Günthardt hat in den vergangenen fünf Jahren mehrere Schulprojekte in Kenia aufgebaut und weilt deswegen jedes Jahr für mehrere Wochen in Afrika. Wegen der Verbundenheit zum Schwarzen Kontinent holt sich die Mutter zweier Teenager Afrika gerne auch nach Hause, auch an Weihnachten.

Gerade an Weihnachten ist das Heimweh besonders gross

Tekeste und Moses lachend und Hände haltend vor dem Weihnachtsbaum
Weihnachten 2012: Auch für Tekeste und Moses lagen Geschenke unter dem Baum.

Tekeste (30) aus Eritrea und Moses (37) aus Kenia werden den Heiligabend bei der Familie Günthardt verbringen. Den einen hat Isabella Günthardt im Verein Netzwerk Asyl kennengelernt, wo sie Deutsch unterrichtet; den anderen bei einem interkulturellen Event.

Die beiden Migranten sind sehr glücklich über den Familienanschluss: «An Weihnachten fühle ich mich in der Schweiz besonders einsam. In Kenia feiert man auf den öffentlichen Plätzen. Hier habe ich in den ersten Jahren vergeblich nach einem Fest gesucht», erzählt Moses, der seit 2006 in der Schweiz ist, bereits im vergangenen Jahr mit der Familie Günthardt gefeiert hat und auch während des Jahres in engem Kontakt mit Isabella Günthardt steht. Tekeste ist sogar schon zum fünften Mal mit dabei.

Isabella Günthardt hat ihr Herz an Afrika verloren

Der Eritreer, der seit 2008 in der Schweiz ist, kam früher auch unter dem Jahr oft zu Besuch. Seit er eine Lehre als Fachmann Betriebsunterhalt begonnen hat, bleibt ihm weniger Zeit. Für ihn war und ist die Gastfreundschaft der Familie Günthardt wichtig für die Integration. «Hier habe ich gelernt, Raclette zu essen und Deutsch zu sprechen», sagt er und lacht.

Auf ihre Motivation angesprochen, räumt Isabella Günthardt gleich mit einem gängigen Vorurteil auf: «Ich habe keinen Helferkomplex. Mir ist nur bewusst, dass wir alles Menschen sind, gleich, welcher Herkunft, Hautfarbe oder Religion, und dass wir einander Sorge tragen sollten.» Zudem habe sie halt einfach gerne das Haus voller Leute und interessiere sich sehr für andere Kulturen. Die afrikanische Lebensart findet Isabella besonders sympathisch: «Ich habe mein Herz an Afrika verloren. Die Menschen dort sind einfach so offen und fröhlich.» Sie lade zu Weihnachten aber nicht nur Afrikaner ein, sondern auch Nachbarn und Freunde. Dieses Jahr erwartet sie rund ein Dutzend Personen. Es gibt wahrscheinlich gegrilltes Fleisch mit verschiedenen Zutaten. Neben traditionellen Weihnachtsliedern und Gospeln wird Musik aus aller Welt zu hören sein – und auch afrikanische Trommelwirbel auf der Djembe werden bestimmt nicht fehlen.

Pesche Michel hinter dem Tresen.
Der Grund für seine soziale Ader liegt in der Kindheit: Pesche Michel vom Casa Marcello in Bern kennt es, nichts zu haben und zu niemandem zu gehören.

Beizer mit Herz

Seit 29 Jahren lädt das Casa Marcello in Bern über Weihnachten während dreier Tage zu einem Gratisbuffet. Der Einladung folgen vor allem Einsame, Alte und Randständige, die neben Schachspielern, Studenten und ganz normalen Büezern zur Stammkundschaft von Wirt Pesche Michel (65) gehören. Denn im Casa Marcello ist an 365 Tagen im Jahr jeder willkommen, der sich an die Spielregeln hält: kein Drogenkonsum, kein Drogendeal, keine Gewalttätigkeiten.

Zuweilen gehen verschrobene Gestalten in dieser Beiz an bester Lage in der Berner Altstadt ein und aus. Manche mit verschwitztem Gesicht, gehetztem Blick oder schmuddeligen Kleidern. Viele sind unnatürlich bleich. Für einige Berner ist das Casa Marcello eine verruchte Drogenhöhle, für andere der letzte Rettungsanker.

Eine Beiz für Andersartige und Gestrandete

Pesche Michel steht zu seiner Stammkundschaft. Er hat sie sich selbst ausgesucht. Schon immer hat er sich für Randgruppen eingesetzt. In den 80er-Jahren war das Casa Marcello eine Schwulenbar. «Viele meiner damaligen Angestellten waren homosexuell. Sie meinten: ‹Mach doch ein Lokal für uns auf›», erzählt der Wirt, der seit bald 40 Jahren glücklich verheiratet ist, Zwillinge und eine Enkelin hat.

Pesche Michel mit Handschuhen und einem Messer vor einem Tablett mit Poulets.
Der Chef richtet an: Pesche Michel bereitet die Poulets für das Weihnachtsbuffet 2011 vor.

Von den Schwulen zum kunterbunten Mix mit einem grossen Anteil Randständiger kam Pesche Michel wegen seines Kindermädchens, das ein Drogenproblem hatte. Als er die Sucht der Nanny entdeckte, entliess er sie nicht etwa, sondern half ihr beim Entzug. Im Laufe der Jahre nahm die Familie Michel immer wieder drogenabhängige und gestrandete Seelen auf. Viele von ihnen waren danach über Jahre treue und drogenfreie Mitarbeiter.

Wirt Pesche Michel möchte sein Glück teilen

Seit rund 30 Jahren verbringt die ganze Familie die Festtage im Casa Marcello. Nicht wenige meinten einst, aus den Kindern könnte nichts Richtiges werden, bei diesem Umgang. Die Tochter machte eine kaufmännische Ausbildung und führt den Betrieb seit 18 Jahren mit, der Sohn promovierte in Physik und versorgt das Casa Marcello mit selbst gebrautem Bier.

Wer die soziale Ader von Pesche Michel ergründen will, muss seine Kindheit kennen. Er wuchs elternlos im Berner Oberland auf, hatte einen Vormund, wurde überall stigmatisiert. Doch das Schicksal meinte es gut mit ihm: Pesche Michel lernte Maschinenmechaniker, ging nach Südafrika, machte Karriere und erwarb ein paar Jahre später mit einem Partner das Hotel Hirschen in Bern. Zudem war und ist da Gisela (59): Seine Frau, eine Schönheit aus gutbürgerlichem Haus, die damals nach Südafrika reiste, um ihren Pesche heimzuholen. «Ich bin ein Glückspilz. Aber ich weiss auch, wie es ist, nichts zu haben und zu niemandem zu gehören», fasst der 65-Jährige sein Leben zusammen. Deshalb fühle er sich verpflichtet, hin und wieder etwas zurückzugeben.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Nathalie Bissig