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25. Februar 2013

Wehe, sie täubeln

Wenn Kinder ihren Willen entdecken, ist das für die Eltern zwar anstrengend, aber kein Grund, an den erzieherischen Fähigkeiten zu zweifeln.

Legt das Kind richtig los, heisst es cool bleiben
Legt das Kind im Trotz 
so richtig los, heisst es cool bleiben: Am besten, man lässt es sich austoben. (Bild: Getty Images)

SICH EINSCHLIESSEN, NAHRUNGSVERZICHT UND VIEL KREATIVITÄT
Verraten Sie uns die verrücktesten oder längsten Trotzreaktionen ihrer Kinder – und ob sie damit Erfolg hatten – als Kommentar unten auf dieser Seite.

Leon ist schon ganz blau im Gesicht. Er wälzt sich am Boden und schlägt um sich. Sobald Fiona, seine Mutter, etwas zu ihm sagt, brüllt er: «Doch!» Zuhören mag er nicht — und kann er nicht. Denn er ist ganz ausser sich, weil seine Mutter ihm verboten hat, noch länger mit dem Lichtschalter zu spielen.

Leon ist ein ganz normaler Dreijähriger. Trotzdem verlässt seine Mutter in solchen Momenten manchmal der Mut. Vor allem wenn Leons Ausraster in der Schlange vor der Kasse passieren oder im Tram. Da fühlt sie sich nicht nur hilflos, sondern auch als schlechte Mutter, die vor aller Augen versagt und ihr Kind nicht im Griff hat.

Eine schlechte Mutter ist sie deshalb noch lange nicht. «Es gehört zum ganz normalen Verhalten von Kleinkindern, auf Frustration mit Trotz zu reagieren. Das Trotzverhalten ist nicht bedenklich. Im Gegenteil. Sein Ausbleiben wäre es», sagt der renommierte Kinderarzt Remo Largo (69).

Sogar Erwachsene reagieren temperamentvoll auf Frust

Im zweiten Lebensjahr beginnen Kinder den eigenen Willen zu entwickeln, meist zwischen dem 18. und 24. Lebensmonat. Sie wollen mitbestimmen und handeln, und sie begreifen, dass ihr Handeln eine Wirkung hat. Wenn Leon beispielsweise auf den Lichtschalter drückt, kann er damit das Licht an- und ausschalten.

Merken Kinder, dass Menschen und Gegenstände nicht immer so reagieren, wie sie wollen, können sie daran regelrecht verzweifeln. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Wenn Fiona Leon verbietet, ständig das Licht an- und auszuschalten, ist das für ihn eine bodenlose Ungerechtigkeit, und er sieht rot. Je nach Temperament weinen, toben, heulen, brüllen und strampeln Kinder dann, einige laufen blau an.

Remo Largo, Autor und Kinderarzt. (Bild: zVg.)
Remo Largo, Autor und Kinderarzt. (Bild: zVg.)

Eltern, vor allem unerfahrene, fallen meist aus allen Wolken, wenn ihr süsses Baby plötzlich zu einem fuchsteufelswilden Geschöpf mutiert und nicht mal die eigene Mutter an sich heranlässt. «In dieser Situation sollen Eltern das Kind einfach in Ruhe lassen. Alle Versuche, es jetzt in den Arm zu nehmen oder zur Vernunft zu bringen, nützen ohnehin nichts», sagt Remo Largo. Wichtig sei jedoch, betont der Autor diverser Bestseller, dass die Eltern nicht weglaufen. «So zeigen sie ihrem Kind, dass sie es nicht verlassen. Alles andere würde die Situation nur noch schlimmer machen.»

Die gute Nachricht: Im Normalfall dauert die sogenannte Trotzphase bis etwa zum Kindergartenalter an und hört dann von selbst auf, zumindest weitgehend. Je nach Charakter und Belastung können aber auch Erwachsene noch mit Tobsuchtsanfällen und Jähzorn auf Frust reagieren.

Sind Eltern also völlig ohne Einfluss auf die Aussetzer ihrer Kleinen? «Nicht ganz», relativiert Largo, «die temperamentvollen Auftritte können zwar selbst die geduldigsten Eltern nicht verhindern. Doch deren Häufigkeit ist sehr wohl vom elterlichen Verhalten abhängig. Geben sie nämlich nach, wird das Kind immer öfter so reagieren, um seinen Willen durchzusetzen. Die Strategie hat sich ja bewährt. Bleiben die Eltern jedoch ihrer Haltung treu und geben nicht nach, werden die Anfälle immer seltener.»

Laut Largo ist es auch sinnlos, mit dem Kind nach einem Aussetzer darüber zu reden, was passiert ist. Damit seien die Kinder höchstens überfordert, und an künftigen Trotzsituationen ändere sich dadurch gar nichts.

Bücher von Remo Largo:

«Babyjahre», Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren, Verlag Piper, Fr. 15.10.

«Kinderjahre», Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung, Verlag Piper, Fr. 11.90.

Beide Bücher sind bei Ex Libris erhältlich.

Autor: Andrea Fischer Schulthess