Archiv
31. Oktober 2016

«Weghören» bei Tinnitus

Etwa 20 Prozent der Bevölkerung in den Industrieländern leidet an der Volkskrankheit Tinnitus und hört Geräusche, wo keine sind. Manchmal hilft gezieltes Weghören.

Frau mit Tinnitus beim Arzt
Bei vielen Patienten verschwindet das störende Geräusch von selbst (Bild: GettyImages).

Zum überwiegenden Teil ist der Tinnitus ein Phantom, wie man es auch beim Phantomschmerz kennt. Für das Geräusch gibt es keine nachweisbare Schallquelle. Zugrunde liegt eine ­Verarbeitungsstörung in einem Teil unseres Gehirnsn – der Hörbahn –, die uns die von aussen kommenden Schallwellen bewusst werden und so einen Höreindruck hinterlässt.

Ihre Meinung interessiert uns!
Haben Sie selbst Erfahrung mit Tinnitus? Verraten Sie Ihr Rezept im Umgang mit der Hörstörung?


Die Ursachen einer solchen Störung sind vielseitig und können entlang des Schallweges, vom äusseren Gehörgang bis hin zum Hörnerv, lokalisiert werden. Neben Erkrankungen des Gehörgangs und des Mittelohrs spielen vor allem Krankheiten des Innenohrs und im Speziellen der Hörschnecke eine Rolle. Beispiele sind akute und chronische Schalltraumata, Folgen von Tauchunfällen, ein Hörsturz mit seinen vielseitigen Ursachen, Medikamentennebenwirkungen oder Altersschwerhörigkeit.

Es gibt aber auch körpereigene Störgeräusche, die nur gelegentlich oder pulsierend wahrgenommen werden. Sie sind sehr selten, bedürfen in jedem Fall einer spezialärztlichen Abklärung. Weitere Ursachen des Tinnitus können Störungen der Kiefergelenke sein. Das Ohrgeräusch kann auch nach Verletzungen der Halswirbelsäule auftreten. Wie die Geräusche entstehen, kann wissenschaftlich nicht erklärt werden.

Angenehmes überdeckt das Störende

Der akute, das heisst nicht länger als drei Monate andauernde Tinnitus verschwindet bei 80 Prozent der Betroffenen von selbst. Die Therapie der chronischen, über mehr als drei Monaten anhaltenden Ohrgeräusche ist komplex. Wesentlich ist die positive Einstellung des Patienten gegenüber der Behandlung. Man nützt dabei den Placeboeffekt. Der Einsatz von Medikamenten ist nur bei der Behandlung möglicher Begleiterkrankungen wie Schlafstörungen, Angstzustände oder Depressionen sinnvoll.

Im Zentrum der Behandlung steht die Gewöhnung an das Geräusch (Habituation). Man lernt dabei das «Weghören», wie das Leute können, die zum Beispiel an einer Zugstrecke leben. Die Tinnitus-Retraining-Therapie setzt unter anderem Rauschgeräte ein, die angenehme Geräusche, wie das Plätschern eines Baches, produzieren und so negative Empfindungen gegenüber des Tinnitus schmälern.

Erfolge in der Behandlung weist auch die kognitive Verhaltenstherapie auf, die den Umgang mit dem Störgeräusch verbessert. Bei Patienten mit schwerer Innenohrschwerhörigkeit können Cochlea-Implantate den Tinnitus bis zu 75 Prozent verbessern. Begleitendes autogenes Training, Qigong oder die progressive Muskelentspannung nach Jakobson können zu einer erfolgreichen Behandlung beitragen.

Beim chronischen Tinnitus sollte eine entsprechende Tinnitussprechstunde bei einem Ohren-Nasen-Halsarzt aufgesucht werden, damit die ­Abklärung und Behandlung erfolgversprechend durchgeführt werden kann.

Autor: Christoph Seitler