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26. Mai 2014

Wege aus der Gewalt

Immer schlimmer, immer häufiger, immer brutaler: So scheint sich die Jugendgewalt in der Schweiz zu entwickeln. Doch die Statistik zeigt ein anderes Bild. Und was der Experte Manuel Eisner erklärt (siehe Interview rechts), belegen die Geschichten von Renato und Blerim: Es gibt Wege aus der Gewalttätigkeit.

«Ich war auf dem Weg, mein Leben kaputtzumachen.»

Renato Kauz
Renato Kauz

Alles begann in der Schule. «Als Oberstüfler wurde ich gemobbt», sagt Renato Kauz (21). Er wehrte sich nicht, staute den Frust in sich an. Als er 16 war, verliess der Vater die Familie, der Teenager verlor den Halt. Er begann mit Gleichaltrigen um die Häuser zu ziehen und zu kiffen. «Bis auf Heroin habe ich nichts ausgelassen», sagt der junge Mann, «und jedesmal wurde ich aggressiv.» Und handgreiflich. Er pöbelte, provozierte, lieferte sich Schlägereien mit anderen Jugendlichen, drohte jemandem mit Mord. Kauz schüttelt beim Erzählen den Kopf: «So etwas würde mir im Traum nicht mehr einfallen.»

Das Umdenken begann im Jugenddorf Knutwil LU. Hierher kam er nach einem Drogenentzug. Die Gesprächstherapie belächelte er zuerst. «Doch bald erkannte ich meine Chance. Ich war ja auf dem Weg, mein Leben kaputtzumachen – und das meiner Mutter dazu.»

Das Jugenddorf arbeitet systemisch, bezieht das Umfeld der Jugendlichen mit ein. Gewalt und Gesprächstherapien kommen ebenfalls zum Einsatz. Der Alltag ist klar strukturiert und ausgefüllt. «Mir gab das wieder Halt», sagt Kauz, «und ich lernte, Konflikte verbal zu lösen.» Er bereue extrem, was er Menschen angetan habe. Die Jugendgewalt in der Schweiz beobachtet er mit Sorge: «Zu fünft auf einen wehrlosen Mann einprügeln, das gabs bei uns noch nicht.» Irgendwie sei alles noch ein wenig fairer gewesen. Manchmal sieht er Zwölfjährige mit Bierflaschen in der Hand herumhängen. «Dann erkläre ich ihnen, dass das nicht gut ist. Es sind doch noch Kinder!»

Kauz ist im vierten Jahr der Metallbauerlehre in der Schlosserei des Jugenddorfs. Seit dem Sommer wohnt er nicht mehr hier. Voller Vorfreude erzählt er, dass er nach der Lehre ein halbes Jahr in Sibirien arbeiten möchte. Irgendwann will er auch eine Familie gründen. «Sollte ich einen Sohn haben, will ich für ihn da sein. Wenn er sich zum ersten Mal rasiert zum Beispiel oder bei anderen wichtigen Sachen.» Mit Gewalt hat Kauz abgeschlossen. «Lieber laufe ich weg, als dass ich jemals wieder einen Menschen schlage.» Und Drogen? Er schüttelt den Kopf, schmunzelt dann: «Wenn ich eines Tages in Pension gehe, werde ich wieder mit Genuss kiffen.»

«Ich schlug jeden, der mich blöd anguckte.»

Blerim Krasniqi
Blerim Krasniqi

Eine lange Narbe von Schlüsselbein zu Schlüsselbein ziert Blerim Krasniqis(Name geändert) Brust. «Es wollte mir einer die Kehle aufschneiden», erklärt der 18-Jährige, «er hat aber zu tief angesetzt.» Krasniqi war damals nur ausnahmsweise das Opfer. Meist war er Täter. Einer der zehn schlimmsten Jugendgewalttäter der letzten Jahre im Kanton Zürich, wie sein pädagogischer Betreuer im Landheim Brüttisellen ZH erklärt.
Bewaffnete Raubdelikte, Körperverletzung und zahlreiche andere Gewalttaten gehen auf sein Konto. «Ich schlug jeden, der mich blöd anguckte», sagt Krasniqi. Warum? Er zögert. «Weil ich nichts überlegt habe», sagt er dann.

Warum hörte er damit auf? «Weil ich nicht mehr mit dem Gesetz in Konflikt kommen wollte.» Er möchte auch nicht mehr, dass seine Eltern seinetwegen traurig seien. Der ruhige und höfliche junge Mann stammt aus dem Kosovo und musste in seiner Kindheit Kriegsgräuel mitansehen, die ihn heute noch in Albträumen heimsuchen. Mit zwölf kam er in die Schweiz, seit April wohnt er im Landheim Brüttisellen, einem offenen sozialpädagogischen Jugendheim. Hier macht der Jugendliche eine Anlehre als Recyclingassistent. Er zerlegt gebrauchte Computer und Elektronikgeräte in ihre Einzelteile und hilft bei der Leerung von Sammelcontainern. In der Freizeit spielt er im Nachbardorf Fussball, malt oder trainiert mit Hanteln in seinem Zimmer des Jugendheims. «Ich führe ein ganz normales Leben», sagt er, das gefalle ihm. Ausser dass er wenig ausgehen dürfe. Der Ausgang ist für das Jugendheim eine Gefahrenzone, die als Entwicklungsraum genutzt und kontinuierlich erweitert wird.

Mit 22 wird Krasniqi voraussichtlich aus den Jugendmassnahmen entlassen werden müssen – das Gesetz will es so, auch wenn ein Jugendlicher nicht bereit ist für die Freiheit.
Bei Blerim Krasniqi sind die Chancen intakt. Im Jugendheim stellt man ihm gute Prognosen. Seine Eltern seien eine grosse Stütze, und bei ihnen will Krasniqi auch wieder leben, wenn er aus dem Jugendheim kommt. «Ich möchte meinem Vater beim Bau seines Hauses helfen», sagt er, «er ist mein grosses Vorbild.»

Soziologe Manuel Eisner
Soziologe Manuel Eisner

DER AUSSTIEG IST MÖGLICH
Das Interview mit Sozialwisschenschaftler Manuel Eisner zum Phänomen der Jugendgewalt und den Aussichten jugendlicher Gewalttäter.


Die Porträts und das Interview wurde erstmals am 2. November 2009 publiziert.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Esther Michel