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15. Februar 2016

Weckt ein Helm den Pistenrowdy in uns?

Helmträger riskieren mehr als ungeschützte Köpfe. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie aus England. Wähnen wir uns in falscher Sicherheit, wenn wir mutiger – weil besser ausgerüstet – die Hänge runterkurven? ETH-Risikorscher Andreas Diekmann nimmt Stellung.

Waghalsige Sprünge, halsbrecherische Moves
Waghalsige Sprünge, halsbrecherische Moves: Risikobereitschaft ist offenbar auch eine Frage der Ausrüstung. (Bild: Keystone)

Bekanntlich sind die Köpfe, die sich schützen, klug. Trifft das noch immer zu? Britische Psychologen haben herausgefunden, dass das Helmtragen die Risikobereitschaft erhöht: Das Plus an Sicherheit, das uns die Ausrüstung verschafft, machen wir durch offensiveres Verhalten zunichte. Anders gesagt: Der Helm weckt den Pistenrowdy in uns. In der Fachsprache heisst dieser Effekt Risikokompensation. Und er ist höchst umstritten.

So winkt etwa Giannina Bianchi von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) ab: «Unsere Erfahrungen entkräften diese Befürchtung.» Es sei bekannt, dass «kompensatorische Verhaltenseffekte» in den meisten Fällen nur vorübergehend, während einer Einführungsphase, auftreten – bei der ersten Abfahrt mit dem neuen Rückenpanzer etwa oder bei den ersten Schwüngen mit «scharfem» Airbag im Rucksack.
Giannina Bianchi: «Die Schutzwirkungen der Präventionsmassnahme sind deutlich grösser als allfällige Nebenwirkungen der Risikokompensation.»

Anderer Meinung ist der Risikoforscher und «Lawinenpapst» Werner Munter. Er ist überzeugt, dass ein Skihelm oder ein Airbag dazu verleitet, höhere Risiken einzugehen. «Die Leute möchten 100-prozentige Sicherheit und meinen, man könne sie kaufen», sagt er im «Tages-Anzeiger». Er plädiert dafür, mit den möglichen Risiken am Berg vernünftig umzugehen, statt bloss auf die Ausrüstung zu setzen. Eine Helmpflicht kommt für Werner Munter nicht infrage. Vielmehr fordert er ein Menschenrecht auf Risiko. 

Andreas Diekmann (64) ist Soziologe und Risikoforscher
Andreas Diekmann (64) ist Soziologe und Risikoforscher und lehrt an der ETH Zürich

«Wer glaubt, die Situation im Griff zu haben, unterschätzt oft die Gefahr»

Andreas Diekmann (64) ist Soziologe und Risikoforscher und lehrt an der ETH Zürich.

Andreas Diekmann, welches Risiko sind Sie zuletzt eingegangen?

Bewegungsmangel! Ich sitze schon viel zu lange am Schreibtisch. Das ist statistisch betrachtet viel gefährlicher als Bungee-Jumping. Wir fürchten uns vor den falschen Dingen.

Weshalb ist das so?

Weil wir glauben, wir hätten stets die Kontrolle. Der Autofahrer glaubt, dass er ausweichen kann, der Raucher denkt, dass er aufhören kann – und am Ende triffts ohnehin die anderen. Bekanntes Risiko ängstigt uns weniger als die Möglichkeit, durch einen Flugzeug­absturz ums Leben zu kommen.

Leben ängstliche Menschen länger?

Angst ist eine gute Erfindung der Evolution. Als Jäger und Sammler fürchteten wir uns vor dem Säbelzahntiger. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er mitunter vor den Dingen am meisten Angst hat, die selten eintreffen. So überschätzt er etwa das Risiko, vom Blitz getroffen zu werden, um ein 20-Faches. Eine Rolle spielen auch die Medien. Für gewöhnlich stirbt man aber nicht an den Risiken, von denen wir in der Zeitung lesen.

Auf den Skipisten hat sich der Helm durchgesetzt, Variantenskifahrer rüsten sich mit Airbags aus. Sind wir insgesamt sicherer unterwegs?

Im Vergleich mit ärmeren Ländern bestimmt. Die Sicherheitsbedenken haben zugenommen, die Unfallzahlen sind zurückgegangen. Ärgerlich ist, dass unsere Risikopolitik von Fehlwahrnehmungen geleitet wird.

Wie meinen Sie das?

Wie viele Steuermittel werden in die Terrorabwehr gesteckt, und wie viele sollen Antibiotikaresistenz verhindern? In den Spitälern zum Beispiel sterben viele Menschen an Keimerkrankungen. Das passiert meist unbemerkt, im Verborgenen. Jeder Franken, der hier für sinnvolle Prävention eingesetzt wird, macht sich doppelt bezahlt. Leider investieren wir an den falschen Orten in die Sicherheit.

Studien belegen: Helmträger agieren risikoreicher als Ungeschützte.

Behauptet wird, dass die Leute durch schnelleres Fahren den Gewinn an Sicherheit wieder zunichtemachen. Dass der Helm auf dem Kopf den Entscheid begünstige, die schwarze Piste runterzubrettern oder auf dem Töff mehr Gas zu geben. Das Ausmass dieser Risikokompensation ist aber oft gering oder gar nicht vorhanden.

Halten Sie eine Helmtragpflicht auf Skipisten für sinnvoll?

Die Zahl schwerer Kopfverletzungen und tödlicher Unfälle würde abnehmen. Im Strassenverkehr hat man mit der Gurtpflicht für Autofahrer und der Helmpflicht für Töfffahrer das Risiko tödlicher Unfälle klar gesenkt.

Technik ersetzt den Verstand – stimmen Sie dem zu?

Technik ist oft smarter als der Mensch, ob beim Einparken oder bei moderner Flugüberwachung. Ausnahmen bestätigen aber auch hier die Regel. Den Verstand sollte man daher trotzdem gebrauchen.

Sollte Risiko ein Menschenrecht sein?

Nicht, wenn man mit seinem Verhalten andere gefährdet oder ihnen hohe Kosten aufbürdet – und das ist oft ­ der Fall. Wer vergisst, den Gasherd aus­zuschalten, sprengt die Nachbarswohnung. Wer von einer Lawine ­verschüttet wird, bringt seine Retter in Gefahr. Trotzdem müssen wir mit Risiken leben. Wir verbieten ja auch keine Fussballspiele, weil man sich da das Bein brechen könnte.

Weshalb glaubt der Mensch oft, er sei unverwundbar?

Wer glaubt, die Situation «im Griff zu haben», unterschätzt oft die Gefahr. Ein typisches Beispiel ist schnelles Autofahren. Studien zeigen übrigens einen deutlichen Geschlechtsunterschied: Frauen gehen in der Regel geringere Risiken ein als Männer. Vielleicht hätten wir weniger Krisen, wenn mehr Frauen im Investmentgeschäft tätig werden.

Autor: Peter Aeschlimann