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11. Januar 2016

Was zählt

Mutige Jungfische
Mutige Jungfische allein unterwegs: Was benötigen sie zur Vorbereitung auf die Anforderungen und Gefahren? (Bild: iStockphoto)

Vorletzte Woche habe ich Ihnen von der blöden 8 erzählt. Sie erinnern sich, das war eine der Ziffern, die meine Erstklässlerin vor Kurzem gelernt hat. Das Üben hat sich gelohnt, mittlerweile sehen die Dinger ganz passabel aus. «Mini Zahle sind dänn vill schönner als diini», hielt neulich eine Mitschülerin fest. Zum Beweis malte sie hinreissend schöne Achten auf. Ida staunte. «Ja, weisch, ich üebe scho sit em zweite Chindsgi mit mim Papi schriibe ... immer am Abig nach em Znacht.»

Ich muss gestehen: Herr Leinenbach und ich, wir haben das schlicht verpennt. Bei uns gabs vorm Schulstart weder Arbeitsblätter noch lustige Rätselblöcke für Lese- und Rechenanfänger. Noch nicht einmal «Malen nach Zahlen»-Vorlagen. Auweia. Kennen Sie das Emoji mit den aufgerissenen Augen, dem kleinen Strichmund und den roten Bäckchen? Ungefähr so fühlte ich mich, als ich von diesen Papi-Lektionen hörte. Ich könnte jetzt trotzig behaupten, dass wir uns bewusst gegen das vorschulische Homeschooling entschieden haben. Und dass all jene, die nach dem Abendessen noch Achten mit ihren Kindern geübt haben, sich schämen sollten. Einfach so der armen Lehrerin die Arbeit abzunehmen. Gaht gar nöd.

Ist es wirklich das, was beim Schulstart zählt? Dass die Kinder Bildli malen können? Nichts anderes sind Ziffern und Buchstaben, wenn man sie aus dem Kontext reisst oder ohne pädagogisches Konzept weitergibt. Ich finde: nein. Es gibt wichtigere Dinge, auf die sich Mami und Papi konzentrieren sollten.
Hierzu ein kleines Beispiel aus dem Tierreich: Sagen wir, unsere Kinder wären Fische. Wenn sie eingeschult werden, verlassen sie ihren kleinen, geschützten Teich und paddeln Richtung See. Wenn ich See schreibe, dann denke ich an ein grosses Gewässer, eines mit Strömungen und Untiefen, mit unbekannten Ufern und voller fremdartiger Kreaturen. Die harmlosen anderen Fischlein sind nicht das Problem. Aber die Sorte, die für ihr Leben gern Jungfische frisst, hingegen schon. Wie gut, wenn ein Neuankömmling genug Selbstvertrauen hat, sich dennoch in die Fluten zu wagen. Wenn ihn die Neugier antreibt, sodass er immer neue Buchten entdecken kann. Wenn er auch dann noch ausdauernd schwimmt, wenn das Wasser rauer wird. Und nicht sofort umkehrt, wenn er den Weg nicht findet. Der kleine Fisch sollte natürlich auch wissen, wo seine Grenzen sind. Merke: Mäuler voller nachwachsender, spitzer Zähne sind gefährlich. Und gemeinsam ist besser als einsam. Also Obacht geben! Und immer schön auskundschaften, wo die nächste Seegraswiese wächst (zum Verstecken).

Sie sehen, ein schulreifes Fischlein muss einiges können, um im See zu bestehen. Wenn Sie mich fragen, dann ist Schönschrift eher sekundär.

Buchtipp: «Stark in die Schule. Was Kinder vor der Einschulung brauchen». Von Klaus Hurrelmann und Adolf Timm. Beltz Verlag 2015

Autor: Bettina Leinenbach