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29. Juni 2015

Lebenslektionen aus 80 Jahren Animationsfilm

Zeichentrickfilme sind beliebt bei Jung und Alt. Aber welche moralischen Werte und gesellschaftlichen Ideen vermitteln sie uns? Zum Kinostart von «Minions» blicken wir auf die Lebensweisheiten berühmter Animationsfilme aus den letzten 80 Jahren.

«Minions»
Die «Minions» erfreuen Klein und Gross ab 2. Juli in den Schweizer Kinos.

Was ist das Erste, was Schneewittchen tut, als sie im Wald das Haus der sieben Zwerge entdeckt? Sie fängt an, es zu putzen und für die Zwerge zu kochen, fröhlich und mit einem Lied auf den Lippen («Snow White and the Seven Dwarfs», 1937). Der Kontrast zu den beiden Prinzessinnenschwestern aus «Frozen» (2013) könnte stärker kaum sein – beides sind starke Frauen, die wissen, was sie wollen. Heldinnen, die keinen Prinz brauchen, der sie rettet und heiratet.

Im Animationsfilm der letzten Jahrzehnte ist viel passiert. Nicht nur sind die Geschichten heute meist auf zwei Ebenen erzählt, sodass Erwachsene mindestens so viel Spass haben wie ihre Kinder, die Werte und Botschaften, die Jung und Alt aus dem Kino mitnehmen, haben sich sehr stark verändert. So stark, dass konservative und religiöse Organisationen in den USA oftmals lauthals protestieren, weil sie fürchten, der eigene Nachwuchs werde durch diese scheinbar harmlosen Filme mit allzu liberalen Werten indoktriniert – etwa, wenn sich gegen Ende von «ParaNorman» (2012) eine der heldenhaften Nebenfiguren en passant als schwul herausstellt.

Ein sehr erfolgreicher Animationsfilm war auch «Despicable Me» (2010), in dessen Zentrum nicht etwa ein strahlender Held sondern ein cleverer Superschurke steht. Seine Handlanger, die Minions, kleine gelbe Kreaturen, die nichts lieber tun, als dem grössten Bösewicht der Welt zu dienen, waren derart populär, dass sie nun ihren eigenen Film bekommen haben. Der überaus vergnügliche «Minions» startet diese Woche im Kino und ist Anlass, mit der Kinderfilmexpertin Tamara Werner von der Universität Zürich auf 80 Jahre Animationsfilm zurückzublicken. Welche Botschaften und Werte vermitteln sie dem Publikum, und wie hat sich das im Laufe der Zeit verändert?

Snow White and the Seven Dwarfs (1937)

Quelle: YouTube / Catalina Denisa Tanase

Schneewittchen putzt und kocht nicht nur eifrig, sie spricht auch kaum, sondern singt vor allem – insbesondere zu den Tieren des Waldes. Dennoch verliebt der Prinz sich nach einem Blick unsterblich in sie und rettet sie dann auch mit einem Kuss, nachdem sie hilflos durch den vergifteten Apfel der bösen Stiefmutter im Glassarg liegt. Selbst besagte Stiefmutter, immerhin die Königin, interessiert sich nur für ihr Aussehen, regieren tut sie nie. Lektionen fürs Leben: Frauen sind primär für den Haushalt zuständig und ohne Mann völlig hilflos. Sagen müssen sie nichts, nur gut aussehen und ihre Pflichten im Haushalt mit Freude erfüllen.

Lady and the Tramp (1955)

Quelle: YouTube / mungx

Immerhin dürfen sich Lady, ein behütetes Hundemädchen aus gutem Hause, und der Tramp, ein gerissener Strassenstreuner, erst noch ein bisschen kennenlernen, bevor es funkt. Lady sehnt sich nach Liebe und Familie, aber erst kommt Nachwuchs bei ihrem Menschenpaar dazwischen, später dann ein fieser Babysitter mit siamesischen Katzen – böse orientalisch-exotische Biester, die ihr Frauchen clever gegen Lady manipulieren. Aber mit Hilfe der neuen Freunde geht doch noch alles gut. Lektionen fürs Leben: Man kann auch über Klassengrenzen hinaus Freunde finden, sogar Beziehungspartner. Vorsicht jedoch vor Asiaten! Das Leben ist hart, aber wenn man sich anstrengt und sich für seine Freunde einsetzt, winkt am Ende ein Happy End mit Familienglück.

The Jungle Book (1967)

Quelle: YouTube / CurlySVT

Mowgli hat zwar keine Eltern mehr (wie so viele Disney-Heldenfiguren), aber viele gute, sehr verschiedenartige Freunde und lernt von denen nicht nur alles, was wichtig ist, er hat auch richtig viel Spass im Dschungel. Bis der Tiger Shere Khan kommt – aber auch ihm muss er sich nicht ganz allein stellen. Und zum Schluss locken gar die Heimkehr in die Menschen- und der Eintritt in die Erwachsenenwelt. Lektionen fürs Leben: Keine Angst vor grossen Tieren! Wer sich Gefahren mit Freude, Mut und Geschicklichkeit – oder Ruhe und Gemütlichkeit – stellt, schafft es auch, sie zu bestehen. Freunde können Familie ersetzen, aber nur bis die richtige Frau daherkommt.

The Little Mermaid (1989)

Quelle: YouTube / RainybopStarWars

Auch Arielle, die Meerjungfrauprinzessin, kann es gut mit den Tieren und darf nicht nur sprechen, sondern gar gegen ihren königlichen Vater rebellieren. Der Grund dafür? Die Faszination mit der Menschenwelt und natürlich ein Prinz, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt. Die Liebe ist so stark, dass Arielle bereit ist, einen Deal mit der durchtriebenen Meereshexe einzugehen und ihre Stimme zu opfern. Was den Prinz nicht weiter stört, denn sie ist ja liebreizend und schön. Am Ende kommt natürlich alles gut, zwischen Menschen und Meeresvolk bricht Frieden aus. Allerdings muss Arielle zum Menschen werden, um ihren Prinzen zu heiraten. Lektionen fürs Leben: Frauen benötigen nicht unbedingt eine Stimme, sofern sie hübsch sind. Teenagerrebellionen führen zu Problemen. Eltern sollen Verständnis für die Wünsche ihrer Kinder haben. Grenzen lassen sich überwinden, die Liebe zwischen den Rassen und Völkern ist möglich, aber das Fremde muss sich anpassen.

Toy Story (1995)

Quelle: YouTube / NoIAmTheLaw

Das Zeitalter der reinen Computeranimation beginnt, gleichzeitig werden die Geschichten komplexer: Die Helden sind Spielzeuge, die befürchten, unbespielt in einer Ecke zu landen, weil ihr Junge neue, spannendere Spielzeuge entdeckt; sie haben Angst, den Sinn ihrer Existenz zu verlieren. Insbesondere der altgediente Cowboy Woody, bisher der unangefochtene Liebling, ist geradezu zerfressen vor Eifersucht auf den neuen coolen Space Ranger Buzz. Doch schliesslich müssen die beiden nach einem Unfall zusammenspannen, um überhaupt wieder zu ihrem Jungen zurückzufinden – aus Konkurrenten wird ein Team. Lektionen fürs Leben: Das Leben braucht einen Sinn, aber vielleicht muss man ihn in sich selbst suchen. Auch ältere Dinge haben ihren Wert. Ein Team ist stärker als der Einzelne. Keine Angst vor dem Fortschritt. Nichts geht über Freundschaft, mit ihr können alle Krisen überwunden werden.

Shrek (2001)

Quelle: YouTube / Alex Wong Yui Fai

Ein Quantensprung: Der Held ist ein hässliches, grünes, dickes, brummiges Monster, die Prinzessin eine starke Frau, die flucht, kämpft und weiss, was sie will. Am Ende finden sich die beiden nicht, indem das Monster plötzlich zum schönen Prinzen mutiert, sondern die schöne Prinzessin zum Monster. Ebenfalls finden sich ein Esel und ein weiblicher Drache, die (im zweiten Teil) trotz Grössen- und Speziesdifferenz erfolgreich Nachwuchs bekommen. Nicht die Monster sind die Bösen, sondern ein kleiner, machthungriger Pseudo-Napoleon, der das Königreich unter seine Kontrolle bringen will. Lektionen fürs Leben: Das Andere ist okay. Es kommt nicht auf Äusserlichkeiten an, sondern auf innere Werte. Frauen stehen Männern in nichts nach, im Gegenteil. Liebe braucht Arbeit und passiert nicht einfach so.

Ice Age (2002)

Quelle: YouTube / QualityIsNumber1

Im Angesicht einer drohenden Eiszeit finden drei Tiere zu einer aussergewöhnlichen «Herde» zusammen, um ein Menschenbaby zu retten: ein Mammut, ein Faultier und ein Säbelzahntiger. Wobei Letzterer hin und her gerissen ist zwischen seinem hungrigen und skrupellosen Rudel und der wachsenden Zuneigung zu seinen neuen Freunden. Am Ende triumphiert die Freundschaft über den Instinkt. Lektionen fürs Leben: Individuen aus ganz anderen Welten und Umständen können Freunde werden. Auch auf den ersten Blick Schwächere können Wichtiges beitragen; Verschiedenheit ist gut, alle haben ihren Wert. Freundschaften und emotionale Bindungen sind wichtig, gemeinsam kann man auch grosse Probleme bewältigen.

ParaNorman (2012)

Quelle: YouTube / MOVIECLIPS Trailers

Hier ist der Freak der Held, ein Junge, der Geister sehen kann. Das macht ihn zum Aussenseiter in der Schule ebenso wie in seiner Familie. Doch am Ende retten er und eine Gruppe ebenso ungewöhnlicher Helden die Stadt vor einem Fluch, der die Toten wieder auferstehen lässt. Dieser Fluch wurde ausgesprochen von einem Mädchen, das einst von den Stadtoberen als vermeintliche Hexe verurteilt und hingerichtet worden ist. Weder die erweckten Zombies noch die vermeintliche Hexe sind an sich böse, vielmehr hat die Gesellschaft das Böse geschaffen, aus ihrer Ignoranz und ihren Vorurteilen heraus. Lektionen fürs Leben: Das Andere ist okay und sollte akzeptiert werden. Das Böse ist nicht so leicht identifizierbar – und es ist nicht einfach da, es gibt meist eine Vorgeschichte. Freundschaft überwindet letztlich alle Schwierigkeiten.

Frozen (2013)

Quelle: YouTube / Walt Disney Animation Studios

Ein Film mit gleich zwei Prinzessinnen, beides starke Frauen, welche die Geschichte tragen. Die eine hat ungewöhnliche Eiskräfte, die sie zunächst versteckt, deren überraschende öffentliche Entfesselung das Volk dann so verschreckt, dass sie sich in die Einsamkeit zurückzieht und das Land dabei unabsichtlich mit einem ewigen Winter überzieht. Ihre Schwester versucht alles, um sie zurückzuholen und das Land wieder vom ewigen Eis zu befreien. Dabei erweist sich die vermeintlich grosse Liebe auf den ersten Blick, ein strahlender Prinz, als trügerisch. Das wahre Glück findet sich in einem simplen Burschen aus dem Volk. Und der Beweis für wahre Liebe ist nicht der Kuss eines Paars, sondern die Bereitschaft der einen Schwester, für die andere ihr Leben zu geben. Lektionen fürs Leben: Anders ist okay. Man sollte sich nicht verschliessen, nur weil man anders ist. Man sollte sich seinen Ängsten stellen. Es geht auch ohne Prinz und Hochzeit, aber gutes Aussehen hilft. Und: Jemanden erst mal richtig kennenlernen, bevor man von Liebe spricht!

Minions (2015)

Quelle: YouTube / Universal Pictures Switzerland

Die Vorgeschichte der kleinen gelben Helfershelfer des genialen Superschurken aus «Despicable Me»: Seit Urzeiten wollen sie unbedingt dem grössten Bösewicht dienen, aber das erweist sich als gar nicht so einfach. Über diverse Umwege und dank der Superschurkin Scarlett Overkill, die unbedingt Königin von England werden will, entdecken sie schliesslich in den wilden 60ern ihren künftigen Meister im Teenageralter. Im Zentrum steht zwar das Böse, aber es gibt weder Tote noch Verletzte, sondern nur ein klares Ziel, das um jeden Preis erreicht werden soll. Und das Kollektiv der Minions, ein Mix aus Familie und Freunden, hält unverbrüchlich durch dick und dünn zusammen. Lektionen fürs Leben: Man sollte uneingeschränkt füreinander einstehen. Auch Böse haben Schwächen, die ausgenutzt werden können. Frauen stehen Männern in nichts nach, sie können sogar Vorbild sein. Zudem: Queen Elizabeth II. ist cool!

Autor: Ralf Kaminski