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26. August 2013

«Was, warum?»

«Essen!» Nichts geschieht. Sie kennen das bestimmt. Man ruft die Kinder ein zweites, drittes Mal zu Tisch: «Cho ässe!» Wieder nichts. Längst habe ich aufgehört, doofe Drohgebärden anzuwenden: «Ich zähle jetzt noch bis drei, sonst …!» Man macht die Drohung ja dann doch nie wahr. Oder haben Sie Ihren Kindern schon mal das Nachtessen verweigert?

Man ruft zu Tisch. Nichts geschieht.

Es ist nun mal so. Kinder können abtauchen, unerreichbar bleiben. Und es muss nicht mal sein, dass sie sich mit Stöpseln in den Ohren auf dem Handy das neuste Katy-Perry-Video anschauen. Unsere Anna Luna kann auf dem Sofa ganz kopfhörerlos in ein Buch vertieft sein – aktuell: «Gemini Projekt, Alex Riders zweiter Fall» – und absolut nicht hören, dass man sie zu Tisch bittet. Der Weg müsste zu machen sein, das Sofa steht nur 95 Zentimeter vom Esstisch entfernt. Aber dazu müsste sie die Aufforderung ja zuerst hören! (Und unter uns: Eigentlich ist diese Hingabe ans Lesen ja beneidenswert.) Ihr Bruder ist bereits an Alex Riders siebtem Fall und noch fast schwerer an den Tisch zu bekommen. Sitzt er dann doch vor seinem Teller, ist alles Fragen meist vergeblich. «Möchtest du noch Lasagne?» Keine Antwort. «Hans, noch Lasagne?» Keine Antwort. «Ha-a-ns, noch …» – «Du, Vati, hast du gewusst, dass Lamborghini zur VW-Gruppe gehört?», schreckt er auf. «Ich habe gefragt, ob du noch Lasa…» – «Und Bugatti im Fall auch!» Ach, es ist zwecklos. Bleiben zwei Möglichkeiten: Erstens, man schöpft ihm noch Lasagne. Er wird erwidern: «Ich habe doch gesagt, dass ich nicht mehr mag.» Oder man lässt es bleiben. «Und ich bekomme nichts mehr, oder was?», wird er protestieren.

Ein Buch und daneben Kopfhörer
«Man ruft zu Tisch. Nichts geschieht.»

Spricht man unseren Sohn direkt an, ist oft Fehlanzeige. Spricht man aber über ihn, spätabends im Flüsterton hinter zugezogener Küchentür – dann meldet er sich aus dem Schlaf: «Was, warum?» Hans muss das von seiner Urgrossmutter geerbt haben. Er hat sie nur wenige Male gesehen, sie starb, als er zwei war. Dennoch erinnert er mich manchmal an sie. Goggi, wie wir sie nannten, war mit ihren bald 96 Jahren äusserst schwerhörig. Weil sie ihren Hörapparat nicht mochte, hörte sie nur noch, was sie wollte, und ich dachte mir dann: Wer zwei Weltkriege überlebt und in den 40er-Jahren als berufstätige Witwe zwei Kinder grossgezogen hat, darf das weghören, nicht mehr alles wissen wollen, sich taub stellen. Von den Zeitläuften ermattet, vom Weltgeschehen enttäuscht, hörte sie einen kaum noch, wenn man mit ihr sprach. Aber wehe, man sprach über sie! Tuschelte man in einem Nebenraum Dinge, die sie nicht hätte hören sollen – dann verstand die kleine, runzelige alte Frau plötzlich jedes Wort. «Du möchtest diese Stabelle erben? Wart, ich hefte grad einen Zettel mit deinem Namen dran.»

Geht es um ihn, ist Hans genauso hellhörig. Deshalb weichen wir zuweilen – und ich hatte mir geschworen, ich würde dies nie tun, weil meine Eltern mir damit so auf den Geist gingen – auf eine Fremdsprache aus, wenn es etwa um seinen Geburtstag geht. Aber was nützts? Schon ruft Hans, wiewohl dort recht laut Elvis’ «See See Rider» läuft, aus seinem Zimmer: «Was, warum? Was, ‹regalini per il suo compleanno›?» Aber solang er linientreu Elvis hört, mein Sohn, kann er mich eigentlich nicht vergrämen.

Bänz Friedli live: 30.8., Kleindöttingen AG

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli