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03. Januar 2012

«Was in Frauenheftli steht, ist unbrauchbar»

Die meisten extrem Übergewichtigen sind genetisch dazu prädisponiert, sagt Fritz Horber, Arzt und Leiter des Adipositaszentrums in Winterthur. Das Problem sei nicht der mangelnde Wille abzunehmen, sondern das fehlende Wissen, um gar nicht erst so dick zu werden.

Fritz Horber, Arzt und Leiter des Adipositaszentrums in Winterthur. (Bild: zVg.)

Fritz Horber, bei wie vielen Menschen ist das Übergewicht genetisch bedingt?

Fünf Prozent aller Menschen mit einem BMI über 35 haben einen Defekt in einem Gen, das kontrolliert, wie viel Energie verbraucht wird und was für einen Appetit man hat. Wer diesen Gendefekt hat, wird unweigerlich übergewichtig.

Alle anderen könnten also abnehmen, wenn sie sich nur bemühen würden?

Nein. Da spielen noch andere Gene rein. Mittlerweile haben wir 52 Genvariationen identifiziert, die zum Übergewicht prädisponieren.

Die meisten Menschen mit starkem Übergewicht haben also eine solche Genvariation?

So ist es. Wir haben in unserer Klinik rund 2000 Patienten danach untersucht; sie haben alle mindestens eine, manchmal sogar zehn oder 20 dieser Genvariationen. Das Problem ist, dass die meisten von ihrer Veranlagung nichts wissen und erst mit der Zeit merken, was mit ihnen passiert.

Das heisst, die Gene sind immer mindestens mitverantwortlich?

Ja, das gilt für alle Übergewichtigen mit einem BMI über 30. Und es gibt noch weitere Prädispositionen: Wird man als Kind in der Gebärmutter übermässig ernährt oder muss man hungern, kommt man also mit mehr als 4,5 oder weniger als 2,8 Kilogramm auf die Welt, hat man eine um 50 Prozent höhere Chance, übergewichtig zu werden.

Aber warum ist es so schwierig, das Zunehmen zu bremsen? Man sieht sich ja im Spiegel. Und wenn man dann bei 100 Kilogramm angekommen ist…

…dann ist es eben schon zu spät. Alle Studien zeigen, dass Menschen mit einem BMI über 30 langfristig im Schnitt nie mehr als sieben Prozent Gewichtsreduktion schaffen, bestenfalls zehn Prozent. Hat man erst mal ein derartiges Übergewicht, ist es fast unmöglich, es wieder wegzubekommen. Und macht man zusätzlich noch Fehler und versucht es mit irgendwelchen in der Presse angepriesenen Wunderdiäten, wird es nur noch schlimmer, dann kommt der Jo-Jo-Effekt. 99,9 Prozent von dem, was zu diesem Thema in den Frauenheftli steht, ist unbrauchbar! Dem müsste man dringend Einhalt gebieten.

Das heisst: sich von Anfang an viel bewegen, richtig essen und zusehen, dass Übergewicht gar nicht erst entsteht?

Richtig. Nur ist das gar nicht so leicht, wenn man sich nicht mit grossem Aufwand selbst informiert. Energiedichte Nahrung wird weder in Restaurants noch in Läden gekennzeichnet, Orangensaft zum Beispiel gilt noch immer als gesund, obwohl er für jeden Übergewichtigen eine Katastrophe ist. Das Wissen fehlt, und man bekommt weder vom Staat noch von der Schule noch von der Industrie genügend Hilfe, damit man lernt, wie man sich richtig ernährt. Da müsste man ansetzen.

Sind 2000 Kalorien pro Tag schon zu viel?

Das ist sehr variabel. Es gibt schlechte Futterverwerter, die essen deutlich weniger und nehmen trotzdem zu. Und Sie dürfen nicht vergessen: 50 Kalorien zu viel pro Tag ergibt 20 Kilo mehr innert zehn Jahren. Das sind gerade mal vier Guetsli pro Tag. Nicht alle Dicken sind also einfach Fresssäcke. Es sind die geringen Mengen zu viel, die sich über die Jahre summieren. Und stellt man seine Essgewohnheiten um, muss man das ganze Leben lang durchhalten. Man muss an der fein duftenden Bratwurst vorbeigehen – für immer.

Sie waren selbst übergewichtig. Wie haben Sie das Gewicht unter Kontrolle gekriegt?

Mit einer radikalen Umstellung meiner Bewegungs- und Essgewohnheiten. Ausserdem habe ich bei mir zu Hause im Winter nur 18 Grad. Das verbraucht mehr Energie.