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10. April 2017

Was der Osterhase mit Jesus zu tun hat

In vorchristlicher Zeit feierte man statt Ostern die Fruchtbarkeitsgöttin – daher die Hasen und die Eier. Doch der Theologe Arnold Landtwing hat noch eine ganz andere Erklärung für die beiden Symbole. Und er sagt, warum Ostern heute noch so wichtig ist.

Osterprozession von Mendrisio TI
Die Osterprozession von Mendrisio TI mit Hunderten von Laiendarstellern zählt zu den eindrücklichsten Bräuchen des Landes. (Bild: Getty Images)

Das Problem beginnt schon mit dem Hasen: Nicht nur legt dieser keine Eier, er hat auch keinerlei christliche Bezüge. Wieso also spielt er an Ostern, wo die christliche Welt die Auferstehung des gekreuzigten Sohn Gottes feiert, eine so prominente Rolle?

Ganz einfach, sagen einige Historiker: Die christliche Interpretation ist nur übergestülpt. Die Menschheit feiert schon seit Tausenden von Jahren den Frühlingsbeginn, wenn nach langem, hartem Winter alles wieder zu blühen beginnt. Was wir heute ­Ostern nennen, war in vorchrist­licher Zeit eine Feier zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttin. Deshalb auch die Eier und der Hase, die beide ­diese Fruchtbarkeit symbolisieren – Letzterer schon im alten Ägypten.

Wichtiger als Weihnachten
Der katholische Theologe Arnold Landtwing widerspricht und offeriert eine andere Erklärung (siehe unten). In jedem Fall gilt Ostern als wichtigstes christ­liches Fest überhaupt – wichtiger noch als Weihnachten. Papst Franziskus brachte in seiner Osteransprache 2015 auf den Punkt, weshalb: «Jesus Christus ist auferstanden. Die Liebe hat den Hass überwunden, das Leben hat den Tod besiegt, das Licht hat die Finsternis vertrieben. Mit seinem Tod und seiner Auferstehung weist Jesus allen den Weg zum Leben und zum Glück: Dieser Weg ist die Demut.»

Vielleicht nicht die schlechteste Botschaft in politisch unruhigen Zeiten, in denen jeder von seiner eigenen Interpretation der Welt felsenfest überzeugt ist. 

«Der Tod hat nicht das letzte Wort, das Leben siegt und geht weiter»

Arnold Landtwing (55) (55) ist katholischer Theologe und spricht das «Wort zum Sonntag» auf SRF. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. (Bild zVg)

Arnold Landtwing (55) ist katholischer Theologe und spricht das «Wort zum Sonntag» auf SRF. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Für viele besteht Ostern aus Eier­suchen, dem Geniessen eines langen Wochenendes und vielleicht noch «Ben Hur» im Fernsehen – ­bedauern Sie das?

Im Gegenteil, solange die Menschen suchend unterwegs sind, bestehen auch Chancen, dass sie den tieferen Sinn von Ostern wiederfinden.

Sie denken, dass es doch Leute gibt, die mehr suchen als nur Ostereier?

Ich denke, dass die Frage nach dem Sinn immer wieder auftaucht, ja. Denn ich bezweifle, dass Vergnügen und Genuss in Krisenzeiten Halt und Hilfe bieten. Und solche Zeiten mit Schicksalsschlägen erlebt jeder.

Was ist aus Ihrer Sicht die christliche Kernbotschaft von Ostern?

Der Tod hat nicht das letzte Wort, das Leben siegt und geht weiter. ­ Jesus ist am Kreuz gestorben und drei Tage später auferstanden – das ist der ­eigentliche Grundstein des ­christlichen Glaubens.

Hat diese Botschaft auch für säkulare oder wenig religiöse Menschen eine Bedeutung?

Ich denke schon. Ich habe lange in der Seelsorge gearbeitet und Menschen beim Sterben begleitet – da gibt es auch bei säkularen Menschen Fragen, die sie nicht loswerden: Woher komme ich? Was mache ich hier? Wohin geht es?

Wie kann es die Kirche schaffen, auch diesen Menschen ihre Botschaft näherzubringen?

Wir sollten die Freude, die in dieser Botschaft steckt, als Kirche stärker leben. Häufig werden wir in der Öffentlichkeit nur negativ wahrgenommen, dabei passiert so viel Positives im Hintergrund, das Freude, Leben und Mitmenschlichkeit ausstrahlt. Das müssen wir stärker und besser nach aussen tragen. Papst Franziskus macht es uns vor: Es gibt zwar eine kirchliche Lehre, aber zuerst kommt der Mensch. Und den muss man in seiner Situation abholen und respektieren.

Es gibt zwar eine kirchliche Lehre, aber zuerst kommt der Mensch.

Die Ostereier und -hasen sind ein Überbleibsel aus vorchristlichen Feiern. Ist Ostern also ein heidnisches Fest, dem ein bisschen christliches Make-up verabreicht wurde?

Das wird in gewissen Untiefen des Internets behauptet. Aber diese These ist unzureichend belegt, und es gibt gute Gegenargumente. Der Ostertermin orientiert sich am jüdischen Pessachfest. Mit diesem feierten die Juden die Befreiung aus Ägypten bereits vor 3000 Jahren. Auch Jesus feierte dieses Mahl mit seinen Jüngern, deutete es aber neu. Daraus entwickelte sich die Messfeier zum Gedächtnis des Todes und der Auferstehung von Jesus.

Und die Hasen und Eier?

Das Ei spielt beim jüdischen Sedermahl eine wichtige symbolische Rolle, in einigen Gegenden stand es später für die Auferstehung von Jesus. In der Ostkirche gibt es den Brauch, während der Fastenzeit auf Milchprodukte und Eier zu verzichten, an Ostern setzen sich dann alle an ein riesiges Buffet und essen das wieder. Sogar zum Hasen gibt es eine Verbindung: Er gilt als besonders wachsames Tier, und als Christen sollten wir genauso wachsam sein.

Es gibt aber offenbar Christen, die Ostern aufgrund seiner angeblich heidnischen Entstehungsgeschichte gar nicht feiern.

Das soll es geben, ich kenne aber niemanden, der so denkt. Und ich halte es auch für eine spirituelle Bankrotterklärung, wenn Christen das zentrale Fest ihrer Religion nicht mehr feiern, nur weil es seit 200 Jahren eine alternative, historisch schlecht abgesicherte Interpretation gibt.

Was machen Sie selbst an Ostern?

Wir feiern die ganze Woche vom Palm- bis zum Ostersonntag, an verschiedenen Anlässen und Gottesdiensten. Aber zu Hause haben wir natürlich auch Schokoladeneier und -hasen – das gehört zu Ostern einfach dazu,­ da freuen wir uns auch drauf. 

Autor: Ralf Kaminski