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21. November 2016

Warum sich Meinungsforscher immer öfters täuschen

Ob US-Wahl, Brexit oder Masseneinwanderungsinitiative: Meinungsforscher liegen mit ihren Wahl- und Abstimmungsprognosen zunehmend falsch. Wie kommt es zu solchen Fehleinschätzungen? Und welchen Einfluss haben die Prognosen auf das Stimmverhalten?

Schwer einzuschätzende Stimmbürger
Schwer einzuschätzende Stimmbürger: Manche lassen sich vor dem Urnengang nicht in die Karten blicken, andere ändern ihre Meinung. (Bild: Keystone)

Zu wissen, was die Zukunft bringt, ist ein alter Menschheitstraum: Die alten Griechen pilgerten einst zum Orakel von Delphi, der moderne Bürger setzt auf die Resultate von Meinungsumfragen. Die Prognostiker jedoch liegen mit ihren Zahlen zuweilen ziemlich daneben, wie kürzlich die US-Wahlen und in jüngster Vergangenheit auch verschiedene Schweizer Abstimmungen gezeigt haben.

Das A und O jeder Umfrage ist die Stichprobe. Damit eine Umfrage genug Aussagekraft für die Meinungsbildung der Schweizer Bevölkerung hat, sollten sich mindestens 1000 Menschen daran beteiligen. Das Feld der Teilnehmenden sollte sich so zusammensetzen, dass es die Gesellschaft in Miniaturform abbildet. Relevante Faktoren sind etwa der Bildungsstand, das Geschlecht oder das verfügbare Haushaltseinkommen.

Zu grosse Unsicherheitsfaktoren

Doch nicht alle Menschen, die man um ihre Meinung bittet, wollen diese auch kundtun. Ausschlaggebend ist zudem, in welcher Form diese Leute kontaktiert werden – per Telefon oder via E-Mail. Und es ist wichtig, wie der Adressenstamm zustande gekommen ist, welche Gruppen man mit dieser oder jener Methode erreicht oder nicht.

Es sind also so viele Faktoren zu berücksichtigen, dass es für den Laien unmöglich ist, die Resultate selber zu interpretieren. Nicht zu unterschätzen ist zudem der Faktor Mensch: Die Befragten können ihre Meinung ändern, oder aber sie geben bewusst eine Meinung kund, die nicht ihrem effektiven Wahlverhalten entspricht.

EXPERTENINTERVIEW

«Das Hauptproblem besteht darin, dass viele Leute das Interview verweigern»

Der Politologe Thomas Milic (45)
Der Politologe Thomas Milic (45) ist Projektmitarbeiter am Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) und Leiter des Bereichs Abstimmungen und Wahlen beim Meinungsforschungsinstitut Sotomo.

Thomas Milic, Meinungsforscher irren sich oft mit ihren Prognosen – jüngst auch bei den US-Wahlen. Warum?
In Prozentpunkten gemessen, lagen die Umfragen gar nicht so stark daneben – aber sie lagen auf der falschen Seite. In erster Linie unterschätzte man die Proteststimmen – und die waren letztlich entscheidend.

Warum wurden diese Stimmen in den Umfragen nicht erfasst?
Es fällt immer schwerer, eine repräsentative Stichprobe zu realisieren. Das Hauptproblem besteht darin, dass viele Leute das Interview verweigern. Bei Umfragen in den USA machen zum Teil nur noch zehn Prozent der Angefragten mit. Auch in der Schweiz sinkt die Teilnehmerrate: Bei den Vox-Nachbefragungen Ende der 1990er-Jahre etwa nahmen 40 bis 45 Prozent der Angefragten teil – zuletzt waren es nur noch rund 20 Prozent.Ich glaube, dass sowohl beim Brexit wie auch bei den US-Wahlen vor allem Anti-Establishment-Wähler die Umfragen bewusst boykottierten, weil sie diese als ein Instrument eben dieses Establishments betrachten.

Wie kann man diese Verzerrung ausmerzen?
Entweder schafft man Anreize, sodass die Leute vermehrt an Umfragen teilnehmen, oder man gewichtet die Stichprobe, damit die Verzerrungen korrigiert werden. Mittlerweile gewichten so gut wie alle Umfrageinstitute ihre Stichproben. Aber auch das hat Tücken: Unter Umständen führt das Gewichten nicht zu einer Verbesserung, sondern zu einer «Verschlimmbesserung» der Schätzung.

Wie lässt sich das Problem lösen?
Generell sollte man von unserer Seite her konsequenter auf die Unschärfe hinweisen, die jede Umfrage hat. Sie kann bei einer knappen Abstimmung auf beiden Seiten schnell mal bei drei Prozentpunkten liegen. In solchen Fällen müssten wir offen zugeben: «Wir können nicht mit Sicherheit sagen, wer das Rennen macht.» Auf der anderen Seite sind Journalisten und Konsumenten von Umfragewerten an solchen vagen Zahlen nicht interessiert, weil sie keinen Newswert haben. Wer ist schon interessiert an einer zwar korrekten, aber wenig hilfreichen Aussage wie «Partei xy wird einen Wähleranteil zwischen
12 und 16 Prozent erzielen»?

Sollte man Umfragen im Vorfeld von Abstimmungen und Wahlen vielleicht generell verbieten?
Nein. Und das sage ich nicht nur, weil ich selber in diesem Geschäftsfeld tätig bin. Denn man kann Umfragen kaum verbieten, höchstens deren Publikation im Vorfeld von Wahlen und Abstimmungen. Aber im letzteren Fall würden Umfragen trotzdem durchgeführt, etwa im Auftrag der Parteien.

Die Forderung nach einem Verbot entspringt der Angst, dass Prognosen Wahl- und Abstimmungsresultate beeinflussen. Können sie das?
Ich denke nicht, dass Umfragen beeinflussen können, ob jemand ein Ja oder Nein einlegt. Schwieriger zu beantworten ist die Frage, ob sie einen Einfluss auf die Mobilisierung haben. Dazu gibt es unzählige Studien – mit unterschiedlichen Antworten.

Glaubt man den Umfragen, könnte die Atomausstiegsinitiative am 27. November angenommen werden. Wie beurteilen Sie die Chancen, dass wir unsere AKWs tatsächlich nach 45 Jahren Laufzeit abschalten?
Das weiss ich nicht. Ich habe keine Umfrage dazu durchgeführt. Generell können wir aber sagen, dass Initiativen eine geringe Erfolgsquote haben, auch wenn diese in den vergangenen Jahren etwas angestiegen ist. Linke Initiativen haben es besonders schwer. Umweltinitiativen dagegen sind nicht ganz chancenlos. Sie haben dann Erfolg, wenn es zu einer Allianz zwischen Links und den tendenziell eher rechten Heimatschützern kommt – wie es bei der Zweitwohnungsinitiative der Fall war.

Der Politologe Thomas Milic (45) ist Projektmitarbeiter am Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) und Leiter des Bereichs Abstimmungen und Wahlen beim Meinungsforschungsinstitut Sotomo.

Autor: Andrea Freiermuth