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26. Oktober 2015

Warum Kinder wieder zu Babys werden

Manchmal fallen Kinder zurück in Verhaltensweisen, aus denen sie längst herausgewachsen sind. Meist heischen sie so nach Aufmerksamkeit.

Rückfall in das Verhalten eines Babys
Plötzlicher Rückfall in das Verhalten eines Babys: Oft signalisieren Kinder damit, dass sie Zuwendung brauchen.

Leila ist sieben Jahre alt. Windeln, Nuggi, «Düümele» oder Lispeln sind eigentlich längst passé. Doch nun lutscht sie vor dem Schlafengehen wieder am Daumen und fängt an zu lispeln, wenn sie zu Grosi auf Besuch ist. Ihre Mutter Sarah hofft, dass dies von selbst wieder vorbeigeht.
«Es gibt verschiedene Gründe, warum ein Kind sich wie ein Kleinkind verhält», sagte Andrea Christen (57), Psychologin an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. «Es kann einfach lustig sein, Kleinkind zu spielen. Durch die Reaktion der Erwachsenen wird das noch verstärkt. Grund kann auch sein, dass ein jüngeres Geschwister zur Welt gekommen ist – das ältere imitiert das kleine. Oder es ist ein einschneidendes Lebensereignis eingetreten: Trennung von wichtigen Bezugspersonen, Umzug, Scheidung der Eltern, der Schuleintritt.»

Aufmerksamkeit erzeugen
Solches Verhalten ist aber nicht grundsätzlich besorgniserregend. Dauert es jedoch länger als drei Monate an, sollten die Eltern reagieren: «Am besten das Gespräch mit dem Hausarzt suchen», empfiehlt die Psychologin.
Erziehungswissenschaftler Sascha Neumann (40) von der Universität Freiburg erklärt, dass Kinder mit regredierendem Verhalten Aufmerksamkeit erzeugen wollen und signalisieren, dass sie schutzbedürftig sind und Zuwendung brauchen. «Wichtig ist, angemessen darauf zu reagieren: mit Zuneigung und Aufmerksamkeit.» Bestraft oder ignoriert man das Kind, das plötzlich wieder klammert oder am Daumen lutscht, kann das negative Auswirkung haben.

Wichtig ist, das Warum abzuklären
«Dem Symptom selbst sollte man keine allzu grosse und unmittelbare Beachtung schenken», sagt Neumann. «Viel wichtiger ist, das Warum abzuklären.»
Auch bei Leila gab das regredierende Verhalten keinen Anlass zu ernster Besorgnis. Mami merkte bald, dass ihre Tochter mit dem plötzlichen Wechsel der Klassenlehrerin zu kämpfen hatte. Doch das «Bébélen» legte sich.

Wann spielt(e) Ihr Kind Baby?

Kennen oder kannten Sie das Phänomen bei Ihrem Nachwuchs auch?
In welchen Situationen versetzt(e) sich Ihr Kind in die Bébé-Rolle? Beim Essen, wenn man sich beeilen muss, wenn es allein oder gerade in Gesellschaft anderer Kinder ist?
Wie und wann hörte es wieder damit auf?
Verraten Sie Ihre Erfahrungen in einem Kommentar.

Autor: Claudia Langenegger