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01. Juni 2015

Warum die Schweiz starke Fechter hervorbringt

Im Juni trifft sich die europäische Elite des Fechtsports in Montreux. Zu den Favoriten zählen auch die Schweizer. Wieso bringt unser Land immer wieder starke Fechter hervor? Ein Essay von Sportpsychologe Jörg Wetzel.

Fechter sind laut Jörg Wetzel intelligent, clever, stolz, konsequent, macht­orientiert, angriffslustig und mental stark
Fechter sind laut Jörg Wetzel intelligent, clever, stolz, konsequent, macht­orientiert, angriffslustig und mental stark (Illu: Tina Berning/2agenten).

Es ist ein Schweizer Degenfechter, der in einem hochdramatischen Finish zum letzten Angriff ansetzt und den Final dieses Weltcupturniers gewinnt: Er springt fluchtartig von der 14 Meter langen Piste, auch Planche genannt, um sich vor dem frenetisch jubelnden Publikum zu krümmen und all die Anspannung aus sich herauszuschreien. Die Halle bebt, und man fühlt diese intensiven Emotionen. Als Aussenbetrachter könnte man von dieser Geste verunsichert sein. Authentisch? Max Heinzer wiederholt diese emotionale Entladung immer wieder. Geschehen am Weltcup im deutschen Heidenheim im Januar dieses Jahres, die gleiche Szene wiederholt sich gar – und das ist atypisch im Fechtsport – einen Monat später in Vancouver, Kanada.

Jörg Wetzel (46) ist Sportpsycho­loge, sechsfacher Schweizer Meister im militärischen Fünfkampf und ausgebildeter Sportlehrer. Buch: «Gold – mental stark zur Bestleistung» .

Die Schweizer Degenfechter mit den Zugpferden Max Heinzer und Fabian Kauter sind die grossen Aushängeschilder neben Benjamin Steffen und Peer Borsky, die das Team ergänzen. Wenn man die letzten Jahre betrachtet, so kann die Schweiz sehr stolz auf diese Athleten sein: Kauter und Heinzer befinden sich konstant in den Top Ten der Weltrangliste und führten das Klassement gar schon an – die Schweiz ist demnach wahrlich eine Fechtnation.

Wie kommt es dazu, dass die Schweiz immer wieder erfolgreiche Fechtkarrieren hervorbringt?Die Sportart als solche prägt die notwendigen Eigenheiten eines Fechters. Einst aus kriegerischer Notwendigkeit entstanden, ist die Fechtlehre im europäischen Raum mit der asiatischen Kampf- und Lebensschule vergleichbar. Kein Sieg ohne Niederlage. Man muss einstecken können. Der Fechter steht allein auf der Piste und trägt die volle Verantwortung. Er duelliert sich mit dem Gegenüber, muss blitzschnell Entscheidungen treffen, Niederlagen positiv verarbeiten, daraus lernen, um wieder erfolgreich angreifen zu können. Dazu benötigt er eine grosse Portion Selbstbewusstsein, mentale Stärke und Auftrittskompetenz – einst auch Ritterlichkeit genannt. Im Kampf fordert man dem Konkurrenten bis an die Grenze der Legalität alles ab, um ihm und seinem Trainer (Maître) nach einem zermürbenden Kampf die Hand zu geben und damit Respekt zu zollen. Es gehört sich nicht zu hadern, denn der Fechter ist ein stolzer Mensch, der die Contenance zu bewahren weiss.

Nur wenige andere Sportler weisen diese Eigenschaften auf und wissen dementsprechend zu faszinieren. Es ist die hohe Kunst des Angreifens und Loslassens, des Gewinnenwollens und Niederlageneinsteckens; eben nicht kopflos, sondern mit klarer Strategie oder Intuition. Der Fechter scheint mir intelligent, clever, konsequent, machtorientiert, angriffslustig und mental stark zu sein. Er ist manchmal Tänzer und Stilist, manchmal auch ein Bluffer und Gambler, um dann wieder ein Duellant und Stratege zu sein.

Wenn es innen stimmt, dann zeigt es sich auch gegen aussen. Wir reden dann von authentischem Verhalten – auch dann, wenn sich der Fechtsportler, wie im Fall von Max Heinzer, vor der Menge krümmt, um all seinen aufgestauten Emotionen freien Lauf zu lassen.»

Autor: Jörg Wetzel