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04. Juni 2012

Warum der Camembert im Abfall landet

Flugpassagieren ist es verboten, Behälter mit Flüssigkeiten von über 100 Milliliter im Handgepäck mitzuführen. Deshalb werden am Flughafen Zürich täglich rund 600 Kilo Waren beschlagnahmt. Das Migros-Magazin hat den Betroffenen in die Taschen geschaut.

Die Sicherheitskontrolle erfolgt gleich nach dem Erhalt des Boardingpasses
Flughafen Zürich: Die Sicherheitskontrolle erfolgt seit dem 1. Dezember 2011 umittelbar nach dem Erhalt des Boardingpasses.

Zu den Sicherheitsbestimmungen für das Handgepäck am Flughafen Zürich

Thomas Schättin (50) ist nicht zu beneiden: Immer wieder begegnet der Sektorchef im Flughafen Zürich erbosten Passagieren, die sich ärgern, dass man ihnen nach der Durchleuchtung ihres Handgepäcks Sonnencreme, Zahnpasta oder Pet-Flaschen wegnimmt. «Für mich und meine Kollegen gehört das zum Berufsalltag. Wir versuchen, die Passagiere zu beruhigen, und erklären die Regeln», sagt Schättin. Er ist verantwortlich für die Sicherheit bei der Handgepäckkontrolle.

Die bilateralen Verträge bringen es mit sich, dass die Schweiz bei den Sicherheitskontrollen in den Flughäfen EU-Recht übernehmen muss. Seit November 2006 gilt deshalb die EU-Regelung mit der Flüssigkeitsbeschränkung im Handgepäck auch in der Schweiz, und zwar für alle Passagiere, die aus der Schweiz abfliegen oder als Transferpassagiere aus Nicht-Schengen-Ländern hier umsteigen. Im Handgepäck sind nur Behälter von Flüssigkeiten, Gels und Cremes erlaubt, die maximal einen Deziliter fassen (siehe unten). Der Grund für diese Massnahme sind Selbstmordattentäter, die 2006 Flugzeuge auf dem Weg von Grossbritannien in die USA mit Flüssigsprengstoff zur Explosion bringen wollten.

Obwohl die Bestimmungen bereits seit über fünf Jahren gelten und der Flughafen Zürich Informationsflyer in zehn verschiedenen Sprachen auflegt, fallen im Schnitt täglich gegen 600 Kilogramm «Abfall» an. Zur Hauptreisezeit während der Sommerferien kann die Menge auf täglich eine Tonne ansteigen. «Wer die Regeln nicht erfüllt, verliert sein Produkt», sagt Thomas Schättin, «die Artikel sammeln wir in Abfalleimern. Die Flughafen Zürich AG ist für die Vernichtung zuständig.» Die Kosten für die verschärfte Kontrolle und die Entsorgung teilweise bester Lebensmittel wie Camembert oder Honig belaufen sich monatlich auf rund eine Million Franken.

Der Stadtzürcher SP-Kantonsrat Roland Munz (40) schlägt vor, diese Artikel wohltätigen Organisationen zu spenden. Er will sich vor den Sommerferien für eine Lösung einsetzen. Zusammen mit den Flughafenverantwortlichen und der im Kantonsrat zuständigen Kommission möchte er sich an den runden Tisch setzen. «Wir wollen Abfalleimer aufstellen lassen, die mit ‹Spende› angeschrieben werden. Das liesse sich mit heutigem Recht vereinbaren, vorausgesetzt der Fluggast und nicht die Flughafenpolizei werfen die Produkte weg.» Der Politiker sagt, er habe bereits Zusagen von Hilfswerken, welche die Kosten für die Logistik übernehmen würden.

Nicht immer gelingt es Thomas Schättin, aufgebrachte Passagiere zu beruhigen, nachdem ihnen Gegenstände weggenommen worden sind. «Selten müssen wir die Polizei rufen, wenn wir mit verärgerten Flugreisenden nicht mehr klarkommen», sagt Schättin. Er ist einer von rund 1000 Sicherheitsbeauftragten am Flughafen und Angestellter der Kantonspolizei Zürich. Der zweifache Familienvater aus Winterthur ZH übt seinen Beruf trotzdem gerne aus. Ihm gefallen die internationale Atmosphäre in Kloten, der Umgang mit Mitarbeitern und Passagieren und «einen verantwortungsvollen Posten zu haben». Schättin konzentriert sich auf seine Aufgabe — unabhängig von der derzeit laufenden Diskussion über das Spenden der eingezogenen Ware.

Durchleuchtet:

Das Migros-Magazin stellte sich für eine Stichprobe drei Stunden lang an eine Sicherheitskontrolle am Flughafen Zürich.

Nabila Belmehdi (49) aus Genf liess Lippenstift, Mascara und Mundwasser zurück.

Lippenstift, Mascara und Mundwasser

Nabila Belmehdi (49) aus Genf: Die Übersetzerin ist auf dem Weg zum Abflugsteig nach Bangkok. Sie hat zwei Beutel mit Kosmetikartikeln dabei. Erlaubt ist nur einer. Deshalb werden Mundwasser, Lippenstift und Mascara entsorgt. «Ich finde die Regelung mit nur einem zugelassenen Beutel sehr streng. Diese sind ja durchsichtig, und so sieht man schnell, was drin ist», sagt die Genferin. Sie habe zum ersten Mal zwei Beutel dabei gehabt.

Daniel Moser (41) aus Brislach BL musste sein Haargel zurücklassen.
Daniel Moser (41) aus Brislach BL musste sein Haargel zurücklassen.

Haargel

Daniel Moser aus Brislach BL: Der Basler ärgert sich furchtbar, als ihm ein Sicherheitsbeauftragter des Flughafens Zürich das Haargel wegnimmt. «Die 125-Milliliter-Tube ist fast leer. Ich verstehe das nicht. In Zürich filzen die wohl nur die Basler.» Daniel Moser ist zusammen mit Kollegen auf dem Weg nach Schweden, um die Schweizer Eishockeynationalmannschaft zu unterstützen.

José Lopez (44) aus Ourense, Spanien, musste das Rasiergel abgeben.
José Lopez (44) aus Ourense, Spanien, musste das Rasiergel abgeben.

Rasiergel

José Lopez (44) aus Ourense, Spanien:Der Spanier fliegt ab Zürich nach Palma de Mallorca und von dort weiter nach Santiago de Compostela. Ihm wird eine zu grosse Rasiergelflasche abgenommen. «Ich habe diese im Handgepäck in der Hektik schlicht vergessen.» Lopez akzeptiert wortlos, dass sein Gel im Abfall landet.

Fabian Dux (40) aus Kefikon TG fliegt ohne Duschmittel.
Fabian Dux (40) aus Kefikon TG fliegt ohne Duschmittel.

Duschmittel

Fabian Dux (40) aus Kefikon TG: 250 Milliliter fasst die Duschmittelflasche von Fabian Dux. Er ist auf dem Weg nach Hamburg. «Ich bin selbst schuld, dass mir das Duschmittel abgenommen wird. Ich habe es im Handgepäck vergessen», sagt er, ohne sich aufzuregen.

Georges Zehnder (62) aus Aadorf TG gab die Handcreme ab.
Georges Zehnder (62) aus Aadorf TG gab die Handcreme ab.

Handcreme

Georges Zehnder (62) aus Aadorf TG: «Als Journalist fliege ich oft und gebe die Artikel im Koffer auf. Nun reise ich für nur zwei Tage nach Wien.» Ihm wird die Nivea-Creme in einer 150-Millimeter-Dose im Handgepäck abgenommen. «Mir ist das egal. Es ist ja mein Fehler», sagt Zehnder und lacht.

Adieu Camembert! Evgeniya Pyatova (31) aus Sibirien, Russland.
Adieu Camembert! Evgeniya Pyatova (31) aus Sibirien, Russland.

Camembert

Adieu Camembert! Evgeniya Pyatova (31) aus Sibirien, Russland: Die Russin ist unterwegs von Zürich nach Moskau, von wo sie weiter nach Krasnojarsk fliegt. Man hat ihr bei der Handgepäckkontrolle einen M-Budget-Camembert weggenommen, weil dieser streichbar ist. Sie sagt ganz staatsgläubig: «Bestimmung ist Bestimmung. Da kann man nichts machen.»

Autor: Reto Wild

Fotograf: Jorma Müller