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17. Dezember 2012

Warum das Christkind ein Mädchen ist

Schöni Wiehnacht!
Bild © Luegemol-Karte

Haben Sie schon einmal versucht, unsere Weihnachtstraditionen in einen Gesamtzusammenhang zu bringen? Ida, meine Vierjährige, hat sich neulich die Mühe gemacht. Und das ging so:

Wir sassen vor dem ersten Lichtlein, als das grosse Werweissen begann. Das Kind wollte wissen, warum der Samichlaus schon drei Wochen vor dem Christkind kommt. «Hmmm – ich glaube, er muss die Wunschzettel der Kinder einsammeln», überlegte ich. Ida guckte skeptisch. «Aber warum holt das Christkind die nicht selbst ab?»

(Tja, es handelt sich dabei um eine Massnahme, um ältere Erwerbstätige ins Berufsleben einzubinden. Keine Angst, liebe Erwachsene, so habe ich das nicht formuliert.)
Ich versuchte es – typisch Mutter – mit einer Notlüge: «Weisst du, mein Schatz, ich glaube, der Samichlaus hilft dem Christkind, damit es nicht so viel Arbeit hat.» Das Mädchen zog die linke Augenbraue hoch und blickte mich herausfordernd an: «Du kannst es ruhig zugeben.» – «Was zugeben?» – «Der Samichlaus ist der Grosspapi des Christkinds.»

Okay – warum eigentlich nicht? Ich mag generationsübergreifende Familienmodelle. Ich hätte das so stehen lassen, doch die kleine Nervensäge liess nicht locker: «Wo ist eigentlich die Mama des Christkinds?» Noch bevor ich antworten konnte, erinnerte sich das Kind an eine Grundlektion des Christentums. «Stimmt ja, das ist die Maria. Und die wohnt in einem Stall. Mit dem Josef, dem Papi des Christkinds... – wo wohnt der Samichlaus?» Tja, wo lebt eigentlich der alte Sack, wenn er nicht gerade Schweizer Kinder mit Spanischen Nüssli bewirft? Irgendwo im Wald? Dort, wo Schnee liegt? Vielleicht in Pontresina? Keine Ahnung.

«Geht der Samichlaus ebenfalls in die Krippe?» – Hääää? – «Aber das Jesuskind ist doch auch in einer Krippe.» (Wenn Sie zu den Kita-Gegnern gehören, werden Sie jetzt sagen: Ha! Hab ichs nicht schon immer gesagt? Diese ausserfamiliäre Frühbetreuung ist nicht gut für die Kinder.) – «Nein, Mäuschen, der Jesus ist ein kleines Baby. Er ist so klein, dass er sogar in einen Futtertrog passt. Dazu sagen die Menschen auch 'Krippe'. Das ist etwas anderes als 'unsere' Kinderkrippe.» – «Und wo schläft das Christkind?» – «In der Futterkrippe.» Die Vierjährige stemmte ihre Ärmchen in die Hüften und funkelte mich böse an: «Du lügst! Das kann gar nicht sein, denn da liegt doch schon der Jesus!» – «Aber das Christkind ist doch der Jesus», versuchte ich es. «So ein Quatsch, Mama. Der Jesus ist ein Bub. Und das Christkind ist ein Mädchen. Mama, das weiss doch jedes Baby.» – «Ida, warum glaubst du, dass das Christkind ein Meitli ist?» – «Weil es ein Kleidchen anhat. Es hat gelbe Haare und Locken. Das muss ein Mädchen sein. Ausserdem hat es nie Schuhe an.» – «Wie kommst du jetzt auf Schuhe?» – «Na, wenn das Christkind ein Junge wäre, hätte es Winterstiefel an. Oder Gummistiefel. Oder Piratenschuhe.» Das klang logisch, darauf konnte ich nichts erwidern. Blieb nur noch die Frage, wie der Jesus und das Christkind miteinander verwandt waren. Ida musste nicht lange überlegen: «Der Jesus ist der kleine Bruder des Christkinds.»
Nachtrag: Ich gehöre zu diesen Erwachsenen, die nie locker lassen. Deswegen versuchte ich es zwei Tage später noch mit einer neuen Frage: «Ida, wie passt eigentlich der Osterhase zu Weihnachten?» – «Aber Mami, der hat doch eine ganz andere Familie.»

Autor: Bettina Leinenbach