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11. Januar 2016

Wann lohnt sich Kapitalbezug?

Der Bund will den Kapitalbezug bei der Pensionierung einschränken. Das würde vor allem sozial schlechter gestellte Menschen treffen.

Ab Erreichen von 85 Jahren lohnt sich Rentenbezug
Ab Erreichen von 85 Jahren lohnt sich meistens der Rentenbezug.

Die Wahl «Kapital oder Rente» gehört zu den wichtigsten Entscheidungen im Leben. Für die meisten Leute ist die Rente in der zweiten Säule die eindeutig bessere Wahl.
Der Grund ist die hohe Lebenserwartung: Ein Neu­rentner kann ­mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent davon aus­gehen, dass er das 87. Altersjahr erreichen wird. Bei den Frauen sind es sogar 90 Jahre. Wer gute Chancen auf ein hohes Alter hat, ­profitiert mit der Rentenlösung. Das verdeutlicht die Grafik mit der Modellrechnung: Bei einem Kapital von 500'000 Franken bringt die Rente für einen 95-Jährigen bereits einen Gewinn von 300 '000 Franken.

Bei einer tiefen Lebenserwartung ist es genau umgekehrt: Ein Todesfall im Alter von 70 Jahren führt zu einem Vorteil von 300'000 Franken, wenn der Pensionierte den Kapitalbezug gewählt hat – dagegen ist dieses Geld im Fall einer Rente für die Nachkommen verloren. Eine Witwe oder ein Witwer erhält immerhin eine Hin­ter­bliebenenrente, die in der Regel ­60 Prozent der Altersrente erreicht.

Damit wird deutlich, dass die vom Bundesrat geplante Beschränkung des Kapitalbezugs primär diejenigen benachteiligt, die nach der Pensionierung nicht mehr lange leben. Und das sind tendenziell Leute mit einem geringen Einkommen. Gemäss einer Auswertung des Bundes sterben Personen mit dem tiefsten Schulabschluss im Schnitt sieben Jahre früher als solche mit einer hohen Bildung. Kommt hinzu: Betroffen vom geplanten Bezugsverbot wäre nur der sogenannte obligatorische Teil bis zu einem Jahreslohn von 84'600 Franken. Wer mehr verdient, kann sich weiterhin einen Teil seines Vermögens auszahlen lassen. Auch für den Kauf von Wohneigentum soll der Kapitalbezug erlaubt bleiben. Doch wer ein kleines Budget hat, ist hier ebenfalls benachteiligt.

Noch ist die Einschränkung des Kapitalbezugs nicht definitiv.
Die Plattform Blog.migrosbank.ch zeigt konkret, wie der Plan des Bundesrats aussieht. Zudem kann man im Blog seine Meinung äussern.
Denn zur Debatte steht auch die grundsätzliche Frage, wie stark der Staat in die Eigentumsrechte eingreifen soll. Vergessen wir nicht: Das Kapital in der zweiten Säule gehört den Versicherten. Die Wahlfreiheit sollte deshalb nur in wirklich schwerwiegenden Fällen ­beschnitten werden. 

Autor: Albert Steck