Archiv
05. Oktober 2015

Wann ist ein Kind reif für die Krippe?

Mit dem Alter allein lässt sich nicht entscheiden, ob ein(e) Kleine(r) bereit ist, regelmässig Zeit im Hort zu verbringen. Experten sehen als Bedingung noch vor der Trennungsfähigkeit: bereits aufgebaute Elternbindungen. Welche Erfahrung haben Sie gemacht? Lesen Sie auch den Bericht im Migros-Magazin vom 5. Oktober 2015 (rechts: «Abschied ist doch gar nicht so schwer!»).

Diesen Kindern gefällts
Diesen Kindern gefällts in der Krippe. (Bild: Keystone)

Die einen Eltern bringen den Nachwuchs bereits mit wenigen Monaten in eine Krippe, andere erst nach drei oder vier Jahren. Das hat oft mehr mit der Einstellung der Erwachsenen zur ausserfamiliären Betreuung als mit Bedürfnissen des Kleinkinds zu tun: Für einige kommt sie überhaupt nicht in Frage, andere sehen schon im Kontakt mit anderen Kindern unersetzbare Vorteile – unabhängig davon, ob sie die gewonnene Zeit beruflich nutzen (müssen).

Für Psychologen wäre ein besserer Ausgangspunkt, wo das Kind in der Entwicklung steht. Das eine kann sich schon früh in einer Krippe wohlfühlen und bald vom Umfeld für den Aufbau des Sozialverhaltens profitieren. Andere haben bis zum Kindergartenalter grosse Mühe, zeitweise auf Mutter (und Vater) zu verzichten, oder «fremden» generell in der Umgebung.
Erfreulich: In themenspezifischen Foren tauschen sich Eltern anders aus als auf grossen Mediensites (da geht es oft mit generellen Pros und Kontras zur Sache, mit vielen nicht Betroffenen!), selbstkritisch oder auch gegenseitig aufbauend darüber, ob sie die Einjährige früh oder den Dreijährigen spät in fremde Obhut gegeben haben. Manchmal auch erstaunt darüber, dass es beim zweiten Kind (im selben Alter) ganz anders war, und wie sie und das Kind damit klarkamen.

WAS IST statt WAS FEHLT
In vielen (älteren) Ratgebern wird noch immer aufgeführt, ab wie viel Weinen, Protesten, sonst bekräftigter Ablehnung oder allenfalls Hinweisen des Krippenpersonals es noch nicht angezeigt wäre, das Kind oftmals und längere Zeit in einen Hort zu geben. Neuere Analysemodelle versuchen, anstelle dieser negativen Entscheidungshelfer zunehmend positive ins Blickfeld zu rücken – vor allem die zentrale zu den Eltern.

Gerade eine aktuellere US-Studie, die sich sicher in Sachen Gesellschaftsformen und Erziehungsideale nicht eins zu eins auf Schweizer Verhältnisse übertragen lässt, ging diesem Aspekt nach: Wann ist das Vertrauensverhältnis des Kleinkinds zu den Eltern derart etabliert, dass es zum einen in der Regel bedingungslose Fürsorge der Eltern erfahren hat. Zum andern aber auch bereits erste positive Erfahrungen mit deren kurzfristiger Absenz: Die Vertrauenshaltung, es geschehe ja nichts Schlimmes, sie kommen wieder. Ist das Kleinkind nicht mehr im Babyalter, ist es eminent wichtig, dass die Ankündigungen (oder Abmachungen) von Mama und Papa stimmen.
Die Studien-Resultate (englisch) WORAUF ES ANKOMMT
Wenn es sich am Alter nicht festmachen lässt, worauf kommt es dann an? Migrosmagazin.ch nennt ein paar von Ratgebern und Eltern am häufigsten wiederholte Fragen. Was fehlt? Führen Sie es unten in einem Kommentar an. Danke!

1. Vorfreude? Entwickelt das Kind nach den ersten Probebesuchen – ratsam: zuerst mit einem Elternteil – auch einmal Zeichen von Freude, in die Krippe zu den andern Kindern und Betreuer(inne)n zu gehen?

2. Protest – wann? Äussert das Kind wiederholt, gar permanent, Protest bei der Ankündigung, dass es nun in die Krippe geht? Wichtig, um den Ernst der Lage zu verstehen, ist dann auch das Gespräch mit den dortigen Bezugspersonen: Hält der Protest, der Unwille, ja die Verweigerung zum Mitmachen gewisser Programmpunkte an, wenn Mutter oder Vater längst gegangen sind? (Natürlich ergibt der Punkt erst ab einer gewissen Entwicklungsstufe Sinn.)

3. Elterliche Sicherheit? Öfters vergessen geht bei der Überlegung, ob die Zeit für längere Krippenbesuche reif ist, wie die Eltern selbst mit der Situation klarkommen. Müssen sie sich eingestehen, bei kleinen Unsicherheiten des Nachwuchses selbst mit Heulen, zumindest Klammern oder gross angelegter Abschiedsszene die vorübergehende Trennung mit zu zelebrieren? Hat man selbst vielleicht mehr Mühe als das Kind?

4. Vertrauen in Krippenpersonal? Natürlich gehört es weiterhin zu Recht zu den obligaten Überlegungen der Eltern, ob sie das Kind mit guten Gefühlen in die Krippe bringen, der Institution und speziell dem Personal dort vertrauen. Das Vertrauen sollte ja ans Kind weitergegeben werden, irgendwoher muss es schliesslich kommen.

5. Wie weit ist das Kind allgemein? An welchem Punkt seiner Entwicklung ist das Kind angelangt? Setzt es sich auch schon mal ohne elterliche Steuerung positiv mit Gschpänli auseinander, kann sich ein etwas älteres Kleinkind selbst kurz mit sich oder anderen beschäftigen?

6. Gesundheit: Erhöhte Anfälligkeit? Nicht unwichtig ist auch der allgemeine Gesundheitszustand. Wird es dauernd krank oder leidet es unter längerfristigen Beeinträchtigungen, kann dies die Entwicklung für bestimmte Zeit bremsen und die Integration in eine Krippe verzögern oder beeinträchtigen.

Autor: Reto Meisser