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11. November 2013

Eine Wanderung für Historiker und Grenzgänger

Wer zur Zeit der Appenzellerkriege die Kantonsgrenze zwischen Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen überquerte, nahm eine Hellebarde mit. Heute genügen Rucksack und Wanderschuhe.

KANTONSGRENZEN ERKUNDEN
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Man sagt, die Appenzeller seien klein. Mag sein, mutig sind sie auf jeden Fall. Im 15. Jahrhundert stemmten sie sich in den Appenzellerkriegen gegen die übermächtige Fürstabtei St. Gallen und legten damit den Grundstein für ihre Unabhängigkeit. Wir machen uns auf, die inzwischen befriedete Grenze zu erkunden, und laufen Richtung Wissbachschlucht und Degersheim. Ausgangs Herisau passieren wir den grossen Glatttalviadukt der Südostbahn – errichtet vor mehr als 100 Jahren aus regionalem Nagelfluhgestein, dem sogenannten Appenzeller Granit. Im Fernen ist durch den Dunst hindurch der Säntisgipfel auszumachen. Ein steiler Graspfad führt direkt in den Wald und weiter nach oben bis zur Ruine Ramsenburg. Die Festung stammt aus dem Mittelalter und war, wie damals üblich, durch einen heute noch sichtbaren Wallgraben und eine Ringmauer geschützt. Im Burghof finden sich aus alter Zeit der zwölf Meter tiefe Sodbrunnen und aus neuerer Zeit eine lauschige Grillstelle.

Kühe, die um einem Baum stehen, im Nebel
Mystische Nebelstimmung bei Schwänberg – langsam drückt die Sonne durch.

Danach geht es wieder bergab, und damit in den lichten Nebel. Über feuchte Wiesen stapfen wir vorbei an Holzställen und Bauernhöfen. Einige Kühe stehen wohlsortiert unter einer Linde, der Baum weiter hinten ist im Nebel nur noch schemenhaft zu erkennen, und von oben drückt die Sonne. So erreichen wir den Weiler Schwänberg, der bereits in einer Urkunde von circa 821 erwähnt wird und damit die älteste Siedlung des Appenzellerlandes ist.

Das stattliche «Alte Rathaus», das jedoch erst zwischen 1627 und 1630 erstellt wurde, beeindruckt mit einer pittoresken Fassade: schönes Riegelwerk, bemalte Holzläden, schmale Vordächer und holzgetäferte Fensterfronten. Als Rathaus fungierte das Gebäude aber nie, gebaut wurde es als Wohnhaus von einem Chirurgen namens Zuberbühler. Überhaupt galt im frühen 17. Jahrhundert Schwänberg als vorgelagertes Villenviertel von Herisau. Ausgangs des Weilers passieren wir auch noch das älteste erhaltene Gebäude: das «Rutenkaminhaus» – dessen Kern auf 1491 zurückgeht.

Wiederholte Grenzüberschreitungen

Nun sind wir wieder im Wald unterwegs, erreichen bald den Stüdliweiher mit seinem tiefgrün schimmernden Wasser. Die Vögel zwitschern, und ein Fischreiher segelt über unsere Köpfe hinweg. Nun führt der Weg entlang des leise plätschernden Wissbachs. Feuchte Holzstämme, die da und dort liegen, dampfen in der Sonne. Mittlerweile befinden wir uns in der kleinen Wissbachschlucht und überqueren das Gewässer auf einer kleinen Brücke. Damit haben wir auch die Kantonsgrenze zwischen Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen überschritten. Dort, wo sich der Wissbach tief und eng in das Nagelfluhgestein gefressen hat, führt eine gedeckte Holztreppe wieder aus der Schlucht. Die schöne Szenerie wird jedoch vom eisernen Druckrohr, das hier ins Turbinenhaus hinunterführt, arg gestört.

Das «Alte Rathaus» (links) im historischen Weiler Schwänberg.
Das «Alte Rathaus» (links) im historischen Weiler Schwänberg.
Usé Meyer und sein Begleiter schreiten über einen Steg der über ein Bächlein führt, mitten im grünen Wald.
Allein im Wald: unterwegs zur Wissbachschlucht.

Singend und jodelnd zweimal Silvester feiern

Noch zweimal überschreiten wir den Wissbach und damit die Kantonsgrenze, bis wir wieder aus dem Wald kommen und vor der Talmühle rechts in Richtung Degersheim abbiegen müssen. Von hier wird uns der Weg über weite Wiesen und Felder hinauf nach Hinterschwil und zum Endziel Degersheim führen. Der Ort trägt auch die Bezeichnung «Stickerdorf». Während der Blütezeit der Handmaschinenstickerei entstanden in Degersheim zwischen 1860 und 1880 viele der typischen Stickerhäuser, die man auch heute noch gut an ihren überhohen Erdgeschossen erkennt. Dort befand sich das Sticklokal mit der Stickmaschine, wo Vater, Mutter und oft auch die Kinder ihre Arbeit verrichteten, darüber wohnte die Familie.

Ruth und Hampi Schefer vor ihrem Restaurant "Kantonsgrenze".
Grenzbewohner: Wirteehepaar Ruth und Hampi Schefer.

Wir biegen aber nicht gleich nach Degersheim ab, sondern machen auf unserer Grenztour passenderweise noch einen Abstecher ins nahe gelegene Restaurant Kantonsgrenze. Dafür überqueren wir erneut den Wissbach auf einer Brücke, in deren Mitte ein grosser Grenzstein steht. Gastwirt Hanspeter Schefer empfängt uns und stellt sich gleich als «Hampi» vor. Der 55-Jährige und seine Frau Ruth betreiben das Restaurant direkt an der Grenze seit genau 30 Jahren. Probleme kennt Hampi aufgrund der Grenznähe keine, er als Appenzeller verstehe sich mit den St. Gallern bestens. Lange war für das Wirteehepaar der Kantönligeist fast ein Segen: Weil die St. Galler im Gegensatz zu den Appenzellern während längerer Zeit schon bereits um 23 Uhr Polizeistunde gehabt hätten, seien viele Gäste danach noch bei ihnen eingekehrt, erzählt Hampi grinsend.

Dann führt er uns ins Arbeitszimmer. Hier steht eine eigenartige, bunt verzierte Kopfbedeckung, die offensichtlich noch in Arbeit ist. Hampi ist eben nicht nur Wirt, sondern seit jeher auch ein Chlaus. Das Silvesterchlausen ist eine uralte Tradition in Appenzell Ausserrhoden. Dabei tragen einige der Männer eine kunstvoll und reich verzierte Haube, die schnell mal sieben Kilo wiegt, dazu eine Frauenmaske, eine Frauentracht und das «Gschell» – Schellen mit einem Gewicht von rund 25 Kilo. Gut 500 Arbeitsstunden investiert Hampi jeweils in die Herstellung seiner Haube.

So verkleidet ziehen die Silvesterchläuse dann singend, jodelnd und tanzend von Haus zu Haus. Und zwar nicht nur am 31. Dezember, sondern auch am 13. Januar – dem sogenannten alten Silvester, der nach dem julianischen Kalender berechnet wird. Zweimal Silvester: Das freut selbstverständlich auch die Appenzeller Kinder. Weihnachten jedoch wird zu ihrer Betrübnis wie drüben in St. Gallen nur einmal gefeiert

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Andreas Eggenberger