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15. Oktober 2012

«Wanderung endete in der Sackgasse»

Wildschweine leben zahlreich in Wäldern und suchen immer wieder neue Lebensräume. Begegnet man einem Tier, ist Vorsicht geboten. Fünf Fragen an Wildtierbiologe Martin Baumann sowie der Artikel, der den Anstoss zu den Fragen lieferte.

Martin Baumann, (50), Wildtierbiologe, Leiter Bereich Jagd und Wildtier
management im Bundesamt für Umwelt in Bern. (Bild: zVg.)
Martin Baumann, (50), Wildtierbiologe, Leiter Bereich Jagd und Wildtier
management im Bundesamt für Umwelt in Bern. (Bild: zVg.)

Martin Baumann, (50) ist Wildtierbiologe und Leiter Bereich Jagd und Wildtiermanagement beim Bundesamt für Umwelt in Bern.





1. Martin Baumann, warum landet eine Wildsau auf dem kleinen Matterhorn – auf über 3000 Meter Höhe?

Wahrscheinlich handelt es sich um eine natürliche Abwanderung, junge Keiler wandern oft weit, um neue Lebensräume zu besiedeln. Solches Wanderverhalten kann in eine Sackgasse führen. Das war beim Kleinen Matterhorn wohl der Fall.

2. Kann eine Wildsau in diesen eisigen Höhen überleben?

Nur so lange, wie ihre Körpervorräte reichen, dann verhungert sie oder stirbt an Erschöpfung. Das Tier muss den Weg ins Tal finden, denn Wildschweine leben hauptsächlich in tieferen Lagen mit nahrungsreichen Laubwäldern. Insgesamt gibt es hierzulande 4000 bis 8000 Wildschweine.

3. Vertragen unsere Natur und Landwirtschaft so viele Wildschweine?

Im Wald sind Wildschweine nützlich, sie pflügen bei der Nahrungssuche den Boden um, sorgen für dessen Durchlüftung und fressen Schädlinge. Im Kulturland sind sie jedoch ein Problem. Um Schäden zu verhindern, muss der Bestand reguliert werden. Denn die Tiere vermehren sich in nahrungsreichen Jahren rasant: Ohne Jagd kann sich die Population von Frühling bis Herbst verdreifachen.

4. Wie schwierig sind sie zu jagen?

Wildschweine sind äusserst intelligent, hören und riechen gut und entziehen sich dem Jäger leicht. Und die Wildschweinjagd ist gefährlich. Zwar fliehen sie normalerweise vor Menschen, ein verletztes Tier verteidigt sich aber bis zum Letzten. Es gab schon Todesfälle. Gefährlich sind auch Muttertiere, die ihre Jungen bewachen. Begegnet man einem solchen Tier, ist ein sofortiger, aber ruhiger Rückzug angesagt.

5. Wildschweine können aber auch zutraulich sein.

Sie sind sehr sozial, lassen sich sogar zähmen und ähnlich wie ein Hund für die Jagd abrichten. Es kommt auch vor, dass junge Wildschweinkeiler ihre Artgenossen besuchen und ins Freilandgehege von Hausschweinen springen. Dabei könnte es zur Fortpflanzung kommen, doch sie werden meist vorher vom Menschen vertrieben.

Die Suche nach neuem Lebensraum führte ins Hochgebirge (Blick.ch vom 3. Oktober).
Die Suche nach neuem Lebensraum führte ins Hochgebirge (Blick.ch vom 3. Oktober)

Der Zeitungsartikel zum Thema

Am 3. Oktober 2012 berichtete «Blick.ch» über eine verirrte Wildsau beim Kleinen Matterhorn. Zum Artikel

Autor: Claudia Langenegger