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12. August 2013

Wandergeschenk

Was da wohl drin ist?
Was da wohl drin ist? (Bild: Getty Images).

Ida sass in einem Meer aus Geschenkpapierresten und starrte irritiert auf das gerade ausgepackte Präsent. Um ehrlich zu sein, wir starrten beide. Dann sagte mein wunderbares Mädchen: «Mami, ich glaube, da hat jemand etwas verwechselt.» Stimmt. Hätte ich nicht besser formulieren können. Meine Fünfjährige hielt ein Salatbesteck in ihren Händen. Okay, die beiden Löffel waren aus Plastik und somit materialtechnisch für Kinder geeignet. Sie waren auch schön bunt, noch ein Pluspunkt. Aber sonst? Ich überlegte, ob man die Teile mit in die Badewanne nehmen konnte. Konnte man. Und weiter? Planschen mit Salatbesteck. Total lustig!

Da Ida und ich gut erzogen sind, bedankten wir uns artig für das bizarre Geschenk. Ich faselte noch: «Kann sie sicher gut gebrauchen» und trug das säbelgrosse Salatbesteck in die Ikea-Kinderküche. Gedacht habe ich was anderes. Kennen Sie die kleinen Bildchen, die bei Asterix und Obelix immer in den Sprechblasen auftauchen, wenn sich eine Comicfigur total aufregt? So mit Fischgräten und Totenköpfen? Ja, genau in die Richtung dachte ich. Denn, mal ehrlich: Wie kann man einem kleinen Kind so etwas Unpassendes schenken? Warum nicht gleich einen Dichtungsring? Oder Antifaltencreme?

Um diese Fragen beantworten zu können, muss ich etwas ausholen. Ich glaube ja, dass wir einfach nur Pech hatten. Das Stichwort lautet «Wandergeschenk». Hier also meine Theorie: Irgendwann hatte irgendwer unserer edlen Schenkerin ein Salatbesteck vermacht. Da sie es aber beim besten Willen nicht gebrauchen konnte (und vermutlich auch noch hässlich fand), stopfte sie es daheim in den Schrank, in der all die unnützen Dinge gelagert wurden, die sie zwar bekommen hatte, die sie aber nicht mögen wollte. Wegwerfen war wohl keine Option gewesen, da a) unmoralisch und b) verschwenderisch. Wenn man das konsequent weiterdenkt, dann ist es nur logisch, dass neue Verwendungszwecke für die gestrandeten Gaben gefunden werden müssen. Bei jedem Anlass klappt unsere Schenkerin vermutlich besagte Schranktür auf und überlegt: Was könnte einigermassen als Geschenk herhalten? Okay, reichen wir doch dieses hässliche Salatbesteck weiter. Immerhin ist es aus Plastik (abwaschbar und ungiftig), und Ida ist schliesslich ein Mädchen, also sollte sie mit so einem häuslichen Präsent etwas anfangen können. Hmmm... sie wird erst fünf Jahre alt? Egal! Kann sie ja schon mal mit der Aussteuer anfangen. Yes! Schnell noch eingepackt – traraaaaa – ein Supergschenkli! Und auch noch so praktisch: Der Plunder ist weg, zusätzlich Geld gespart …

Ich gestehe: Auch ich zweige manchmal Präsente ab, um sie weiterzuschenken. Das mache ich vor allem dann, wenn ich das – zugegeben – subjektive Gefühl habe, dass wir schon mehr als genug von einer Sache besitzen. Doppelte Lego-Päckli, der 27. Haarreif und so weiter. Ich überlege aber jeweils genau, wer von der Geschenkkette profitieren könnte. Und ich reiche nur Dinge in Originalverpackung weiter.

Wo wir schon mal dabei sind: Ich finde es grässlich, wenn Erwachsene Dinge, die schon bespielt wurden, zum «neuen» Geschenk umfunktionieren. Wenn ich glaube, dass eine andere Familie Freude an einem Teil haben könnte, dann verpacke ich es doch nicht wie ein Geschenk, sondern gebe es mit dem Hinweis weiter, dass es bereits benutzt ist. So deklariert, ist das total in Ordnung. Peinlich wird es hingegen, wenn sich das vermeintlich funkelnagelneue Spielzeug dann nach dem Auspacken als Second-Hand-Ware entpuppt. Alles schon erlebt. Die zehnte oder elfte Karte des Quartetts war von dem Vorbesitzer mit Filzstiften und Stickern verziert worden. Hatte seine Mutter glatt übersehen, als sie noch schnell ein Gschenkli im Kinderzimmer des eigenen Nachwuchses «eingekauft» hatte …

Autor: Bettina Leinenbach