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01. Februar 2016

Wandelbare Wohnungen

Klassische Familienwohnungen werden den Lebenskonzepten der heutigen Generation nicht mehr gerecht. Der Platz in den Innenstädten wird knapper. Im Trend sind Cluster-Wohnungen mit flexiblen Grundrissen, die sich an den sich ständig ändernden Bedürfnissen ihrer Bewohner orientieren.

Genossenschaft Kalkbreite, Zürich
Moderner Blockrand: Die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich zeigt, wie attraktiv Verdichtung sein kann. (Bild: Michael Egloff)

Marmor, Stein und Eisen bricht», sang Drafi Deutscher Mitte der 60er-Jahre, allein die Liebe habe Bestand. Heute wissen wir: Der Mann hatte sich geirrt.

In der Schweiz wird fast jede zweite Ehe geschieden. Die Realität ist das Gegenteil von Drafi Deutschers Evergreen. Die Liebe macht sich aus dem Staub, zurück bleibt nicht selten ein halb leeres Haus: Marmor, Stein und Eisen.

Eine liberale Gesellschaft, die niemanden mehr ächtet, dessen Vermählung schon vor dem Tod ein Ende findet, ist eine gute Sache, keine Frage. Aber sie macht das Leben auch komplizierter. Nicht zuletzt für Architekten, die seit jeher Antworten finden müssen auf gesellschaftliche Veränderungen. Gefordert sind etwa Wohnungen, die sich mit geringem Aufwand an die flexiblen Bedürfnisse ihrer Nutzer anpassen lassen – getreu dem Motto «Nachhaltigkeit statt Abrissbirne».

Eine, die sich intensiv mit diesen Fragen beschäftigt, ist die Zürcher Architektin Vera Gloor. Sie sagt: «Die typische Familienwohnung ist überholt.» Die Zeit, in der einem der Nachwuchs am Rockzipfel hänge, sei eine verhältnismässig kurze Phase im Leben. Die Kunst sei es, einen Grundriss zu finden, der auch dann noch Sinn ergebe, wenn die Kinder älter werden und schliesslich ausziehen. Flexibilität ist das Stichwort. Gesucht ist also eine Wohnung, die man als Single bezieht, für den Paarhaushalt taugt, dem Kinderwunsch nicht im Weg steht und im Alter genügt.

Eine WG für Individualisten
Eine Möglichkeit, verschiedene Lebensentwürfe oder -umstände in vier und ein paar Wänden mehr unterzubringen, ist die sogenannte Cluster-Wohnung, quasi eine WG für Individualisten: Jeder Bewohner hat ein Zimmer als persönliches Rückzugsrevier, ausgestattet mit einer kleinen Nasszelle und einer Kochnische. Daneben gibt es ein grosszügig bemessenes Wohnzimmer und eine Küche, die von allen gemeinsam genutzt werden.

Cluster, da sind sich Architekten und Soziologen einig, sind die Zukunft der modernen Städte. Sie ermöglichen verdichtetes Bauen ohne Einbussen bei der Wohnqualität. «Dafür braucht es allerdings die Bereitschaft, sich begegnen zu wollen», sagt Vera Gloor, die an der Zürcher Langstrasse mehrere Cluster-Wohnungen realisiert hat.

Besonders geeignet als Basis für Cluster-Projekte ist ausgerechnet eine Gebäudeform, die vor rund hundert Jahren in Verruf geraten ist: der Blockrand. In der Gründerzeit waren diese vier- bis sechsstöckigen Häuser, die direkt an die Strassen grenzten, die Antwort auf die akute Wohnungsnot in den rasant wachsenden Städten. Die Kleinteiligkeit der Wohnungen und die bis auf Bad und Küche undefinierten Räume bieten ambitionierten Architekten wie Vera Gloor praktisch unlimitierte Umbaumöglichkeiten. Aus der klassischen 3-Zimmer-Kleinfamilienwohnung mit Baujahr 1900 wird eine zeitgemässe Loftwohnung, aus zwei oder drei zusammengeschalteten Wohnungen ein Cluster für alleinerziehende Mütter, eine Studenten- oder Alters-WG.

Die «Wohnmaschine» hat ausgedient
Wer es sich in den 20er- und 30er-Jahren leisten konnte, kehrte dem Lärm und Dreck in der Stadt den Rücken. Viele träumten von einem Häuschen auf dem Land. Architekten wie Le Corbusier entwarfen freistehende «Wohnmaschinen» mit viel grünem Umschwung an den Stadträndern. So entstanden bis weit in die 90er-Jahre Grundrisse, die heutigen Ansprüchen an das Wohnen nicht mehr genügen: zu kleine Räume, zu tiefe Decken, zu starre Nutzungsmöglichkeiten. «Das Kleinfamilienbild aus den 60ern ist beengend», sagt Gloor. «Dieses Ideal hat den Bau von Wohnungen gefördert, mit denen man heute nichts mehr anfangen kann.»

Dass der Blockrand im 21. Jahrhundert eine Renaissance erlebt – zu beobachten etwa bei der ­neuen Siedlung Kalkbreite in Zürich –, ist auch auf die wiedererwachte Popularität der Städte zurückzuführen.

Die Menschen wollen heute am selben Ort wohnen, arbeiten und ausgehen. Um aber mehr Menschen aufnehmen zu können, braucht es in den Zentren Verdichtung. Digitalisierung und Sharing Economy beschleunigen diesen Trend. Für viele befindet sich das Büro heute dort, wo der Laptop und das Smartphone stehen. Ein Auto ist dank gut ausgebauter ÖV-Angebote und Dienstleistungen wie Mobility kein Muss mehr für den Städter. Weniger Büro- und Strassenflächen bedeuten mehr Platz fürs Wohnen. Ein Wohnen, das heute mehr denn je von Schnelllebigkeit und sich verändernden Lebensumständen geprägt ist.

Marmor, Stein und Eisen sind 2016 beständiger als Familienstrukturen. Diesem Umstand muss die moderne Architektur gerecht werden.

Autor: Peter Aeschlimann