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09. November 2015

Raus mit euch, Kinder!

Waldspielgruppen und Waldkindergärten erleben einen regelrechten Boom. Doch auch jugendliche Stubenhocker lassen sich für Abenteuer an der frischen Luft begeistern – wenn Eltern die richtigen Anreize schaffen. Dazu auch die Gründe und Programme für mehr Bewegung im normalen Chindsgi (rechts).

Waldkindergärten
Naturdefizit ideal gelöst: In Waldkindergärten und Waldspielgruppen eignen sich die Kleinen grundlegende soziale Fähigkeiten an.

Auch wenn man es meinen könnte, sie sind kein reines Städterthema: die Waldspielgruppen und Waldkindergärten. Seit ihrer Einführung in den 1990er-Jahren erfahren sie auch in der Schweiz einen regelrechten Boom. Was steckt hinter diesem Trend?
Die Psychologin und Naturpädagogin Sarah Wauquiez (40) befasst sich intensiv mit dem Thema und weiss: «Kinder brauchen die Natur, das Spielen an der frischen Luft. Doch immer weniger Kinder dürfen unkontrolliert und frei nach draussen, auch auf dem Land nicht.» Die Ängstlichkeit vieler ­Eltern sei heute grösser denn je. «Das kann schwerwiegende Folgen haben, man spricht vom sogenannten Natur-Defizit-Syndrom.»

Mehr Selbstvertrauen
Mögliche Folgen seien Übergewicht, motorische Unterentwicklung, Depressionen aber auch Hyperaktivität, Aggressionen und Konzentrationsprobleme, sagt Wauquiez: «Beschwerden, unter denen heute auffallend viele Kinder leiden.»
Genug Bewegung ist zentral für Kinder. Draussen können sie sich nicht nur austoben und ihren Vitamin-D-Haushalt in Balance halten. Sie entwickeln sich auch, indem sie Dinge ausprobieren und erforschen dürfen und immer wieder in unerwartete Situationen geraten, mit denen sie umzugehen lernen. Das stärkt ihr Selbstvertrauen.

Das unmittelbare Erfahren der Natur ist daher ganz wichtig für eine gesunde Entwicklung. «Fehlt es, dann verkümmern grundlegende Fähigkeiten», ist Sarah Wauquiez überzeugt.
Manche Eltern haben das Problem erkannt und suchen nach Lösungen. Eine davon sind die sogenannten Waldkindergärten und Waldspielgruppen: Hier verbringen die Kinder den Grossteil ihrer Zeit im Freien, und zwar bei jedem Wetter.

Seit ihrer Einführung in den 1990er-Jahren vermehren sie sich stetig. Heute gibt es in der Schweiz rund 600 Waldspielgruppen und 25 bis 30 Waldkindergärten, darunter sind auch immer mehr öffentliche Einrichtungen. Anders als zu erwarten, verdanken die ersten dieser Kindergärten ihren Ursprung nicht etwa einer Ideologie, sondern schlichter Platznot: In den 1950er-Jahren gab es in Skandinavien zu wenig Raum für die Kinder, weshalb man sie eben draussen unterrichtete. So wurde aus der Not eine Tugend gemacht.

Soziale Kompetenzen stärken
Sarah Wauquiez begrüsst diese Entwicklung unter anderem vor dem Hintergrund des Spielverhaltens heutiger Kinder: «Das Spiel mit digitalen Geräten unterscheidet sich fundamental von jenem in der freien Natur. In der virtuellen Welt ist alles kontrollierbar und letztlich vorhersehbar. In der Natur ist das Gegenteil der Fall. Darum brauchen Kinder diesen Ausgleich zu Handy und Co. unbedingt. Es macht sie unabhängiger und stärker. Zudem müssen Kinder in der Natur oft zusammenspannen, zum Beispiel wenn sie eine Hütte bauen – das macht sie sozialer.»
Dass dieses freie Spielen an der frischen Luft heute vielen Kindern verwehrt ist, hält Wauquiez für ­bedenklich – nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Natur: «Zu dem, was wir kennen und lieben, tragen wir auch mehr Sorge.»

Die Natur ist unkompliziert
Dabei sei die Sache mit der Natur nicht kompliziert, so Wauquiez. Es müsse auch nicht unbedingt ein Waldkindergarten oder eine grosse Familienwanderung sein. «Schon das tägliche Spielen auf einem Spielplatz in der Stadt ist wertvoll. Lieber weniger Ambitionen und dafür mehr Regelmässigkeit.»

Doch was ist mit den etwas älteren Kindern, die mit Spielplätzen nichts mehr am Hut haben? Wauquiez ist überzeugt, dass auch sie sich mit den richtigen Anreizen an die frische Luft locken lassen: «Vielleicht gehen sie gern in die Badi oder treffen sich im Park. Auch ein Engagement in einer Umweltgruppe ist bei vielen beliebt.» Oder Geocaching, eine Art Schnitzeljagd in der Natur, bei der man mit Unterstützung des Handys versteckte Gegenstände suchen muss. Das Raffinierte daran: Es verbindet das Gamen mit dem Abenteuer in der freien Natur.

Weitere Infos: Geocache.ch

TIPPS

Rezepte gegen Stubenhocken

Lieber täglich kurz nach draussen als selten lang.

Der Schaden, den Kinder nehmen, wenn sie nicht draussen spielen, ist auf lange Sicht viel grösser als die Gefahr eines Unfalls. In der Natur erleben Kinder Freiheit, überwinden Widerstände, begegnen einander auf Augenhöhe und finden zu sich selbst.

Verlegen Sie typische Hausaktivitäten auch mal nach draussen.

Suchen Sie gemeinsam mit Ihren Kindern einen Ort, den Sie als Familie zu ihrem geheimen Lieblingsort machen und den Sie regelmässig besuchen.

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

Herbert Renz-Polster, Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen, Natur als Entwicklungsraum. Beltz 2014, bei Exlibris.ch für Fr. 17.85 ­erhältlich.

Autor: Andrea Fischer Schulthess, Reto Meisser