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28. September 2015

Wahlsensationen aus aller Welt

Das Migros-Magazin porträtiert chancenlose Kandidaten für die Wahlen 2015. Während sie andere Ziele als den National- oder Ständerat ins Auge fassen, stellen wir die grössten Wahlüberraschungen in bedeutende Regierungsämter der Welt vor.

Wahlsieger Harry S. Truman
Wahlsieger Harry S. Truman schwenkt eine Ausgabe der Chicago Daily Tribune, die den Republikaner Thomas Dewey verfrüht als Gewinner ausgerufen hat. (Bild: Keystone)

Sie versuchen sich bei den nationalen Wahlen im Oktober 2015 darin, mit gelungenem Wahlkampf den Boden für den nächsten Angriff eine oder zwei Wahlperioden später zu ebnen. Oder sie versuchen um jeden Preis, Aufmerksamkeit für ihnen nahestehende Anliegen zu gewinnen – oder schlicht, bei Personalmangel ihren Parteien zu helfen ( «Die Parteien der Wenigen» ).

Insgesamt sind grössere Überraschungen bei Schweizer Wahlen auf höchster Ebene selten, denn zum einen wählen Eidgenoss(inn)en wie in nur wenigen anderen Ländern unmittelbar ihre Parlamentarier, dafür bestimmen diese wiederum ohne direkten Wählereinfluss die Be- und Zusammensetzung der Regierung. Das verhindert Überraschungskandidaten in höchsten Ämtern fast durchs Band, einige erobern immerhin einen Parlamentssitz.

DIE «AFFÄRE» DREIFUSS
Nimmt man die spektakulärste Bundesratswahl mit dem in Prognosen nie genannten Namen der neuen Magistratin, so zeigt der Ausnahmefall von Ende 1993 genau den dennoch möglichen Einfluss der Bevölkerung – am Parlament vorbei: Die Sozialdemokraten nominierten für den ihnen zustehenden Sitz die bekannte Genferin Christiane Brunner, bürgerliche Parlamentarier versuchten, die am linken SP-Flügel anzusiedelnde Frau um jeden Preis zu verhindern. Sie brachten prompt den farbloseren Neuenburger Francis Matthey durch. Doch der verzichtete aufgrund des innerhalb seiner Partei wachsenden Drucks, eine Frau mit prononciertem Profil aufs Schild zu heben. Es kam eine Woche später zur zweiten Wahl. Zuvor führten Frauen- und weitere linke Organisationen am Wochenende eine grosse Demonstration in Bern durch. Als Kompromiss, der politisch jedoch nahe bei der ursprünglichen Kandidatin Brunner lag, schaffte es Ruth Dreifuss, die weder dem nationalen Parlament noch einer kantonalen Regierung angehörte – eine Ausnahme und vom Namen her eine faustdicke Überraschung. Zwar nicht vom Volk gewählt, aber vom Parlament mit Blick auf einen Teil (!) der Volksmeinung gewählt.

UND INTERNATIONAL?
Betrachtet man die letzten Jahrzehnte in der Weltpolitik, lässt sich neben unzähligen engen und klaren Wahlkämpfen um die höchsten Ämter eines Landes durchaus die eine oder andere faustdicke Überraschung ausmachen. Auch bei mehrheitlich sauber demokratischen Prozessen. Hier unsere Top 5 an (kleinen bis grösseren) Sensationen in Sachen Volkswahl:

1. Harry S. Truman: DIE SIEGESSICHEREN REPUBLIKANER DÜPIERT (1948)
Der US-Demokrat folgte nach dem Tod von Roosevelt nach und wurde nach drei Jahren erstmals regulär gewählt. Bis zuletzt sahen Umfragen und die Medien seinen republikanischen Kontrahenten Thomas Dewey vorn – in der Mehrheit deutlich. Gewisse Zeitungen hatten (mitsamt vorgefertigten Analysen) die Schlagzeile «Dewey defeats Truman» schon gedruckt. Der Überraschungssieger posierte danach triumphierend mit der «Chicago Tribune». Es war so etwas wie die Mutter der Wahlsensationen in der Nachkriegszeit. Die von den Republikanern gewonnenen Kongresswahlen 1946, grosse Zerstrittenheit bei den Demokraten (bis zur Abspaltung der ‚Dixiecrats’) und die Absage von General Eisenhower als Trumans Vize – 1952 schwang der Polit-Newcomer selbst obenaus – hatten die Republikaner favorisiert.

2. Jean-Marie Le Pen: EINE STICHWAHL RÜTTELT AUF (2002)
Der Vater der französischen Partei Front National, lange Zeit unbestrittene Heimat von rechts aussen Politisierenden bis hin zu Holocaustleugnern, wurde letzthin auf Betreiben seiner Tochter gar aus der Partei ausgeschlossen. Die neue Parteichefin versucht mit korrekterem Auftreten, die nötigen Stimmen bis in die politische Mitte hinein zu gewinnen. Papa Jean-Marie schaffte es mit offenen Fremdenfeindlichkeiten und anderen Provokationen 2002 im ersten Wahlgang der Präsidentenwahl, hinter Amtsinhaber Jacques Chirac auf Rang zwei zu kommen und den Sozialisten Lionel Jospin knapp hinter sich zu lassen. Dank Schulterschluss aller Bürgerlichen und eines Grossteils der Linken hatte er in der Stichwahl immerhin keine Chance mehr.

3. Arnold Schwarzenegger: EIN TERMINATOR RÄUMT AUF (2003)
Den Quereinstieg in ein höchstes Politamt schlechthin legte die steirische Eiche aus dem Actionfilmbusiness im traditionell liberal-demokratischen Kalifornien hin. Dem unkonventionellen Republikaner Schwarzenegger, mit der Tochter aus einer Ur-Demokraten-Familie (Shriver) verheiratet, glückte in der Rolle als Notfallsanierer eines bankrotten Bundesstaates ein angesichts etlicher Anfeindungen aus dem eigenen Lager (ist das ein «echter» Republikaner?) einmaliger Wahlsieg. Die Bilanz des Gouverneurs ist umstritten, zur finanziellen Gesundung hat er unbestreitbar beigetragen.

4. Jörg Haider: EIN LANDESHAUPTMANN ALS BERUFSPOLTERER (1999)
Die später mit einer Absplitterung (BZÖ) von «seinen» Freiheitlichen (FPÖ) getrennte Kärntner Vorzeigefigur legte nach frühen Erfolgen in den 80er-Jahren 1999 ein beinahe unglaubliches Comeback auf höchster Ebene hin. Zuerst dominierte er (nicht überraschend!) im März die Landtagswahl in der Heimat gleich mit 42% Stimmenanteil und wurde wieder Landeshauptmann, nachdem seine ersten vier Jahre 1991 geendet hatten, weil er im Vergleich zur damaligen Beschäftigungspolitik Österreichs jene der Nazis gelobt hatte.
Kurz darauf belegte er als Parteiobmann in den Nationalratswahlen etwas hinter den Sozialdemokraten tatsächlich Rang 2, minim vor der Volkspartei (ÖVP). Und bildete prompt mit der ÖVP die neue Bundes-Koalitions-Regierung, liess Volkspartei-Schüssel als Kanzler den Vortritt – schon so eckten er und seine FPÖ mit ausländer- und frauenfeindlichen Aussagen genug an. 2000 zog er sich vom Parteispitzenamt und nach Kärnten zurück.
Allerdings lieferte gerade Österreich noch mehrere Wahlüberraschungen auf höchster Ebene: Etwa den unvorhergesehen deutlichen ÖVP-Absturz mit Kanzler Schüssel 2008, der die SPÖ mit Gusenbauer an die Spitze einer Grossen Koalition brachte.

5. Hugo Chavez: DAS POSITIVE PLEBISZIT IM REFERENDUM (2004)
Natürlich trifft man auch ausserhalb von Europa und den USA auf grosse Wahlüberraschungen. Ein zumindest für die externen Beobachter sensationelles Ergebnis schaffte Venezuelas mittlerweile verstorbener (und von Nicolas Maduro beerbter) Präsident Hugo Chavez. Nach dem Bankrott der klassischen Parteienlandschaft in den 90er-Jahren kam der Castro-nahe Linksaussen 1998 an die Macht. Damals keine Sensation, sondern eine von zwei bis drei Varianten des Neubeginns in einer «Politwüste». Liberale Kritiker aus dem In- und Ausland begleiteten seine auf die Unterschicht ausgerichtete Sozialpolitik, die für die schmale Mittel- und Oberschicht mehr Steuern und sonst wenig nachhaltige Nutzung von Energieressourcen bedeutete, stets kritisch. Vor allem beim 2004 angesetzten Referendum sahen viele die Zeit für den Sturz des charismatischen Anführers aus dem Volk für gekommen. Vor allem dank des Ölpreises, der sich kurz vor dem Referendumstermin erholte, wiesen sie Chavez in sensationeller Deutlichkeit in die Schranken.
UND IHRE WAHLÜBERRASCHUNG?
Kennen Sie auch einen eindrücklichen Fall mit unvorhersehbarem, zumindest überraschendem Wahlausgang? Dann verraten Sie ihn uns mit kurzer Begründung hier in einem Kommentar. Danke!

Autor: Reto Meisser