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14. Dezember 2015

Wachsmonster

Beispiele gezogener Kerzen
Schöne Kunstwerke? Ein paar Beispiele gezogener Kerzen ... (Bild: iStockPhoto)

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Und alle Jahre wieder wollen meine Kinderlein in den Wochen zuvor mindestens eine Kerze ziehen gehen. Besser aber sieben oder acht. Ida, meine lustige Siebenjährige, erklärte mir neulich, warum: «Mami, stell dir vor, an Heiligabend fällt der Strom aus.»

Um ehrlich zu sein, ich würde lieber im Dunkeln sitzen, als die schaurig-schönen Dochtbomben aufzustellen, die meine beiden hergestellt haben. Sie müssen nämlich wissen: Meine Töchter mögen ihre Wachsmonster, äh, Kerzen lieber plump als elegant. Immer rein in die Sauce – der Docht wird schon nicht reissen. Was? Kerzen nach dem Abkühlen im Wasserbad abtrocknen? Sicher nöd! Deswegen sehen die Leinenbach’schen Kunstwerke immer so aus wie Sexspielzeuge mit Beulenpest. Da kann man so viel Glitter drüberstreuen, wie man will. Wenn dann am Schluss noch eine der netten Kerzenzieh-Helferinnen die «Kunstwerke» aufschlitzt wie Jack the Ripper seine armen Opfer, dann jauchzen meine beiden vor Freude. Und mein designverliebtes Herz jault auf: Weihnachtskerzen mit sichtbaren Innereien im Lavalampendesign? Wachstannenbäume mit herabtropfendem Schneematsch, Darth-Vader-Büsten? Merry Christmas!

Wenn Sie Kindergärtnerin/Kunsttherapeutin und/oder Supermutter sind, dann sollten Sie besser nicht weiterlesen. Das Schlimmste kommt nämlich jetzt: Ich lasse die Dinger gern bereits wenige Tage nach ihrer Entstehung in einer entlegenen Schublade verschwinden, direkt neben den selbst gebastelten Weihnachtsbaumanhängern aus Fimo von vorletztem Jahr. Manchmal entgleitet mir auch ein glitzernder Wachs-Tender – uppsi, das tut mir aber leid.

Jetzt tun Sie doch nicht so! Als würden Sie es so viel anders als ich machen. Sie stellen die Kerzenmonster vielleicht aufs Sideboard und stauben sie dort monatelang ab. Aber begeistert sind Sie auch nicht. Eine sozial verträglichere Variante wäre übrigens das Weiterschenken: Wachskoloss in Samt und Seide einschlagen und ihn an Lieblingsmenschen verschenken. Aber das ist eher kurz gegriffen. So schafft man vielleicht eine Problemkerze aus der Welt – aber auf Dauer belastet das die Freundschaft, glauben Sie mir.

Eine Kollegin hat mir einen weiteren Tipp gegeben: «Zünde die Kerzenmonster am besten sofort an, dann brennen die Dinger mit einem Wusch! binnen weniger Stunden ab!» Sie hat dieses Zeitfenster leider verpasst. Ihre Stube sieht in der Adventszeit immer wie ein Tannenwald aus. (Drei Kinder, mehrere Kerzen pro Saison und Person, mal fünf oder sechs Jahre … Rechnen Sie selbst!)
Ihr Ältester achtet peinlich darauf, dass auch wirklich alle Bäume aufgestellt werden. Nur abfackeln darf man die Dinger nicht, da versteht er keinen Spass.

Autor: Bettina Leinenbach