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14. Mai 2012

Vorsicht, kleine Grobiane!

Manche Kinder hauen, kratzen und beissen sich durch ihre ersten Lebensjahre. Wie Eltern ihre jungen Kraftpakete im Zaum halten können, erklärt die Kinder- und Jugendpsychologin Maria Mögel. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit. Hier lesen Sie die Langversion des Interviews.

Aggression oder Zuneigung? 
Oft ist die Ursache 
der ungelenken Motorik bei Kleinkindern nicht klar. (Bild: Westend 61)

Die Aggressionen wachsen mit: Die Übersicht über die Entwicklungsstufen der Kinder.

Frau Mögel, warum sind Kleinkinder so aggressiv?

Aggression ist ein Drang, etwas zu erreichen, etwas zu erkunden oder sich zu schützen. Insofern handelt es sich dabei um einen normalen Entwicklungsschritt. Wenn ein Kind reift, muss es seinen Raum erweitert. Es liegt in der Natur der Dinge, dass es dabei auf andere trifft. Dann wird schon mal gehauen, geschubst oder gekratzt. Im Alter von zwei oder drei Jahren kann ein Kind nicht im Erwachsenensinn planen, andere zu verletzen.

Die Mama findet es trotzdem nicht lustig, wenn der kleine Tim seinem Kollegen Tom in den Arm beisst.

Das Problem ist, dass sie Aggression mit Destruktion gleichsetzt. Bei den Raufereien in diesem Alter geht es nicht darum, etwas zu zerstören. Würde ich Ihnen hingegen in den Arm beissen, wäre das viel heftiger. Wir Erwachsenen können uns nämlich gut in die Gefühls- und Gedankenwelt unseres Gegenübers hineinversetzen. Bei Kindern ist diese Fähigkeit frühestens mit vier Jahren entwickelt. Viele Eltern glauben aber, ihr 1-Jähriger könnte ein komplexes Sozialverhalten erlernen. Das, was auf Kniehöhe passiert, überfordert übrigens nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern.

Sind es nur die wilden Kerle, oder können auch kleine Prinzessinnen ordentlich zupacken?

Mädchen beobachten länger, bevor sie aktiv werden. Sie sind deswegen in sozialen Situationen etwas geschickter als die Jungs, die schneller auf ihre Erkundungsobjekte zugehen. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass es sowohl wilde Kerle, als auch dreiste Prinzessinnen gibt.

Bleiben wir bei dem übergriffigen Kleinen. Warum bedrängt er seinen Freund dermassen? Das ist doch gar nicht nett.

Vielleicht drückt er so seine Zuneigung und gleichzeitig auch seine Angst, abgelehnt zu werden, aus. In dem Alter ist die gesamte Motorik noch ungelenk, eine Umarmung kann einem Würgegriff ähneln. Man darf auch nicht vergessen, dass den raufenden Kleinkindern die Sprache fehlt. Sie streiten oftmals erbittert um etwas, können ihre Bedürfnisse aber nicht verbalisieren. Die Aggression dient beispielsweise dazu, ein Spielzeug zu verteidigen. Ausserdem hat das Hauen, Kratzen und Beissen einen grossen Effekt. Wenn man das nämlich macht, kommen die Mamas angerauscht.

...und greifen mit viel Getöse ein.

Meist sind die Mütter dann, ohne es zu wollen, selbst aggressiv. Der Mutterinstinkt ist in solchen Momenten sehr stark. Die Mama des vermeintlichen Opferkindes verteidigt ihr Kleines wie eine knurrende Löwin. Und die Angreifer-Mutter gerät in die Defensive und richtet ihre Wut gegen das eigene Kind. Dabei wäre auf beiden Seiten viel eher Zurückhaltung angebracht.

Wieso?

Die ganze Situation ist nicht so klar, wie sie scheint. Das Opfer hat manchmal auch etwas dazu beigetragen, dass die Situation eskaliert ist. Abgesehen davon hat nicht nur das unterlegene, sondern auch das übergriffige Kind Angst. Durch die Aufregung der Erwachsenen wird das unterlegene Kind in seiner Ängstlichkeit bestärkt. Und der Angreifer wird noch mehr gestresst und landet im ungünstigsten Fall in der Raufbold-Schublade und wird zum Spielplatzschreck. Das ist furchtbar hart für seine Eltern.

Tragen sie nicht auch ihren Teil dazu bei?

Ja. Die Mama des kleinen Grobians ist nämlich von nun an übertrieben fokussiert. Kein Wunder, sie steht ja auch unter besonderer Beobachtung. Kaum nähert sich ihr Sohn einem anderen Kind, reisst sie ihn schon weg, da sie fürchtet, er würde wieder hauen, beissen oder kratzen. Das entgeht den anderen Kindern und Müttern natürlich nicht.

Sie empfehlen den Erwachsenen, mehr darauf zu vertrauen, dass ihre Kinder Konflikte alleine austragen können. Doch so ganz stumm darf man als Mutter doch nicht bleiben, oder?

Wenn Mama abtaucht und überhaupt nicht eingreift, wenn ihre Tochter einem anderen Mädchen die Haare ausreisst, verärgert das die anderen Mütter. Mamas Aufgabe besteht vor allem darin, ihrem Kind zu zeigen, wie es auch ohne Gewalt ans Ziel kommen kann. Sie muss ihm auf eine altersgerechte Art erklären, dass das anderen weh tut. Es braucht dazu keine Vorträge, es genügt, wenn die Mutter der Angreiferin sagt: Oh, jetzt hast du deiner Freundin aber weh getan, guck mal, sie weint nun.

Was könnte die Opfer-Mutter ihrem Kind mitteilen?

Zwei Dinge: Oh, jetzt hat dir das andere Kind aber weh getan. Dann aber auch: Es wollte vielleicht nur mit dir spielen?

Es gibt Mamas, die ihr Kind an den Haaren ziehen, um ihm zu zeigen, warum man das nicht darf. Was halten Sie davon?

Überhaupt nichts. Wie soll denn eine 3-Jährige verstehen, dass ihre Mutter sie verletzt, um ihr zu erklären, dass das anderen wehtut? Das ist viel zu kompliziert. Erwachsene sollten in der Erziehung niemals Gewalt einsetzen. Und wenn ich mein Kind zwicke, stupse oder es an den Haaren ziehe, dann ist das definitiv ein Übergriff. Es gibt bessere Wege, dem Kind klarzumachen, dass sein Handeln nicht in Ordnung war: Man könnte den Spielplatz verlassen oder den Besuch beim anderen Kind abbrechen.

Manchmal ist die Situation so verfahren, dass sich die Mutter des kleinen Grobians kaum noch vor die Tür traut. Was raten Sie diesen Familien?

Wie wäre es, wenn beispielsweise der Papa mit dem Sohnemann raus gehen würde? Väter sind oftmals weniger schnell alarmiert als Mütter. Sie halten es eher aus, wenn das eigene Kind austeilt und verkraften es auch besser, wenn es einstecken muss. Es hat viele Vorteile, wenn die anwesenden Erwachsenen nicht so stark involviert sind. Aus diesem Grund wird auch in Kinderkrippen viel weniger geschlagen, gestossen und gekratzt als auf dem Spielplatz. Die Erzieherinnen haben genau diesen Abstand, der so wertvoll ist.

Sind Krippenkinder sozialer?

Ich würde es so formulieren: Alle müssen lernen, wie man sich benimmt. In einer vertrauten Gruppe geht das leichter. Wie komme ich in die Gemeinschaft rein? Wie erkenne ich, ob die anderen Kinder spielbereit sind? Wie gehe ich mit meinem Frust um?

Die Kleinen plagen nicht nur ihre Spielkameraden, Mamas und Papas werden auch getreten, gehauen oder gebissen. Wie reagiert man am besten?

Eine Welt ohne Aggressionen kann nicht das Ziel sein. Aber der Ärger muss sozialisiert werden, das ist klar. Eltern können ihren Kindern beibringen, was man tun kann, wenn einen die Wut packt oder die Angst überwältigt. In manchen Familien wird laut aufgestampft, in anderen dürfen alle auf ein Sofakissen hauen oder laut ‚Nein!’ schreien.

In manchen Fällen bleibt das Kind trotz aller Anstrengungen aggressiv und verletzt wiederholt andere. Wann sollten sich die Eltern Hilfe holen?

In dem Moment, in dem das Ganze zu einer echten Sorge wird und die ganze Familie belastet. Kleinkind- oder Mütterberatungsstellen leisten hier gute Dienste. In vielen Fällen hilft der Blick von aussen, um den Teufelskreis zu durchbrechen.

Autor: Bettina Leinenbach