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23. Februar 2015

Vorsicht vor Medikamenten-Bestellungen im Internet

Der Schweizer Zoll hat 2014 über 1000 illegale Arzneimittelsendungen beschlagnahmt. Das schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic schätzt die Dunkelziffer 20 Mal höher ein. Experten warnen: Wer Medikamente im Internet bestellt, riskiert sein Leben.

Erektionsförderer
53 Prozent der beschlagnahmten Präparate waren Erektionsförderer (Bild: Keystone).

Die Risiken bei der Einnahme von Medikamenten, die man selber beschafft und ohne ärztliche Überwachung einnimmt, sind erheblich. Ruth Mosimann, Leiterin der Kontrolle illegaler Arzneimittel bei Swissmedic, sagt: «Es ist wie russisches Roulette: Man weiss nie, ob man ein gutes oder ein gesundheitsgefährdendes Präparat erhält.» Trotzdem wurden 2014 an der Schweizer Grenze mit 1225 Beschlagnahmungen 129 illegale Arzneimittel mehr abgefangen als 2013. Die meisten davon haben Konsumenten im Internet bestellt. Das kündigt jedoch keinen Trend an: Im Langzeitvergleich sind die Zahlen rückläufig. So wurden 2010 noch 1852 illegale Importe ausgewiesen. Ruth Mosimann geht davon aus, dass die internationale Zusammenarbeit der Schweiz mit ausländischen Behörden Früchte trägt.

Aber was heisst illegal? Eine Privatperson, wie übrigens auch ein Tourist, darf Arzneimittel in der Grössenordnung eines Monatsbedarfs nur für sich selber und nicht für Drittpersonen einführen. Stuft die schweizerische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde ein Medikament als Betäubungsmittel ein, muss
der Sendung zusätzlich ein Rezept eines Schweizer Arztes beiliegen.

Egal, ob man Vitaminpräparate aus den USA oder Nahrungsergänzungsmittel für den Eigengebrauch importieren möchte: Es stellt sich jedes Mal die Frage, ob die Schweizer Behörde – auf Basis der Verordnung über Speziallebensmittel – die Produkte nicht doch als Arzneimittel einstuft. Das ist dann der Fall, wenn beispielsweise die vom Hersteller empfohlene Menge die in der Schweiz erlaubte Tagesdosis überschreitet. Bei Potenzmitteln darf ebenfalls maximal der eigene Monatsbedarf importiert werden. Swissmedic warnt generell davor, Arzneimittel aus dem Internet zu bestellen. 

«Was wir beschlagnahmen, ist nur die Spitze des Eisbergs»

Die ausgebildete Apothekerin Ruth Mosimann (47) ist Leiterin der Kontrolle illegaler Arzneimittel bei Swissmedic. Das «Migros-Magazin» hat sie interviewt.

Ruth Mosimann, 2014 beschlagnahmte der Schweizer Zoll über 1000 illegale Arzneimittelsendungen. Wie hoch ist die Dunkelziffer?
Zusammen mit dem Zoll und ausländischen Behörden haben wir in einer Aktionswoche besonders intensiv kontrolliert. Aufgrund dieser Erfahrungswerte gehen wir von jährlich 40 000 Arzneimittelsendungen aus, die importiert werden - die Hälfte davon illegal, das heisst mehr als ein persönlicher Monatsbedarf.

Ruth Mosimann
Ruth Mosimann arbeitet für Swissmedic.

Fast die Hälfte aller beschlagnahmten Medikamente stammt aus Indien. Wie erklären Sie sich das?
In Europa haben wir ein gut funktionierendes Kontrollnetzwerk. Wir arbeiten eng mit Zoll, Polizei und Justiz zusammen. So können wir unseren ausländischen Partnern die Absender melden und illegale Lieferungen unterbinden. In Indien versuchen wir ebenfalls immer wieder, den Behörden Absender zu melden, allerdings ohne Resonanz.

Wie steht die Schweiz beim Medikamentenkonsum da?
Wir sind das erste Land, in dem illegale Bestellungen zurückgehen. 2014 hatten wir
40 000 Online-Bestellungen. Vor einigen Jahren lag dieser Wert vermutlich noch bei 100 000. Wir wissen allerdings auch, dass wir nur die Spitze des Eisbergs beschlagnahmen. Der Zoll kann nicht alles lückenlos kontrollieren. Aber es hilft, dass die Schweiz erfolgreich mit dem Ausland zusammenarbeitet und so dubiose Quellen oder Websites von Absendern eliminieren kann.

Die Mehrheit der beschlagnahmten Präparate sind Potenzmittel.
Das kommt auch für mich überraschend, denn inzwischen sind in der Schweiz Generika erhältlich, die dazu geführt haben, dass auch die Originalpräparate preiswerter geworden sind. Vielleicht wollen Männer bewusst die Rezeptpflicht umgehen, weil sie sich schämen, zum Arzt zu gehen.

Gibt es auch legitime Gründe, Medikamente im Internet zu bestellen?
Nein, in keinem Fall. Falls ein Produkt in der Schweiz nicht erhältlich ist, sollte man dieses über die Arztpraxis oder über eine Apotheke besorgen. Diese haben laut Gesetz das Recht, entsprechende Medikamente zu bestellen. Das ist völlig legal.

Tatsache ist, dass die Medikamente in der Schweiz überdurchschnittlich teuer sind. Was raten Sie einem Patienten, der wenig Geld hat?
In der Schweiz sind wir gut versichert, Arzneimittel werden ja in der Regel von den Krankenkassen vergütet. Medikamente im Internet sind meist billiger, aber angesichts der grossen Risiken, die man auf sich nimmt, lohnt es sich niemals, ein bisschen Geld zu sparen. Denn die Gesundheit ist unser wichtigstes Gut.

Laut Forschern der Uni Zürich ist jede elfte Medikamentenverschreibung bei älteren Menschen, die an mehreren Krankheiten leiden, überflüssig. Was unternimmt Swissmedic gegen diesen Missstand?
Swissmedic ist für Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit der Medikamente zuständig. Die Verschreibung ist Sache der medizinischen Fachpersonen. Wenn etwa ein Arzt mit überflüssigen Verschreibungen auffällt, müssten die Kantonsärzte einschreiten.

Aber werden nicht allgemein zu viele Medikamente geschluckt? Hilft nicht oft einfach ein natürliches Heilmittel?
Meine persönliche Meinung ist: Man kann die Natur- nicht gegen die Schulmedizin ausspielen. Medikamente sind jedoch keine beliebigen Konsumgüter: Jedes Arzneimittel kann unerwünschte Wirkungen haben. Deshalb sollte man beim Medikamenteschlucken zurückhaltend und vorsichtig sein.

Wann und wo haben Sie zum letzten Mal Medikamente bezogen?
Ich war erkältet und habe mir in einer Apotheke Brausetabletten zum Inhalieren gekauft.

Swissmedic ist die schweizerische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Heilmittel.

Autor: Reto Wild