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12. August 2013

Schwedische Vorschule: Das Pippi-Prinzip

Bei uns wird darüber gestritten, ob Kinder Schaden nehmen, wenn sie fremdbetreut werden. In Schweden nicht. Statt Krippen und Kindergarten gibt es dort die freiwillige Vorschule. 80 Prozent der Kleinkinder besuchen sie. Ein Augenschein im Pippi-Langstrumpf-Land.

Die Gruppe Eichhörnchen stimmt sich in der Kindertagesstätte Täppan in Stockholm mit einem Lied auf das Mittagessen ein.

Wie bei den sieben Zwergen sieht es im Esszimmer aus: kleine Stühlchen, kniehohe Tische, gedeckt mit Suppentellern. Es ist elf Uhr vormittags, und in wenigen Minuten werden in dem hellen Raum die Eichhörnchen zu Mittag essen. So heisst die Gruppe der zwei- und dreijährigen Kinder, die in Täppan betreut werden, einer Kindertagesstätte in Stockholms Stadtteil Södermalm. Im Moment sitzen die Eichhörnchen aber noch im Kreis im Gemeinschaftsraum nebenan und singen ein Lied. «Zusammenkunft» nennt man hier diese Minuten, sie sollen den Kindern helfen, nach dem morgendlichen Spielen etwas herunterzukommen und sich aufs gemeinsame Essen einzustimmen.

DIE INTEGRATIONSAUFGABE UND WAS IN SCHWEDEN ANDERS IST
Das Interview mit Anitha Gunnarsson,
Leiterin der Vorschule Stella Nova, über die gesellschaftliche Aufgabe der Integration und weshalb man ausländische Eltern anhören, aber nicht (mit) erziehen soll. Zum Artikel
Zahlen und Fakten:Staatliche Betreuungsangebote, Erwerbstätigkeit und Steuernlast – das Elternsein in der Schweiz und in Schweden im Vergleich. Zum Artikel


Insgesamt 80 Kinder werden in Täppan betreut, aufgeteilt in vier Gruppen, von denen jede ihren eigenen Bereich mit Spiel-, Aufenthalts- und Esszimmer hat. Zwei Etagen, rund 1000 Quadratmeter und ein grosser, grüner Innenhof stehen dafür zur Verfügung. So weit könnte es ein grosser Schweizer Kinderhort sein, doch Täppan ist mehr als das: Es ist eine Vorschule. Vorschulen stehen in Schweden allen Kindern ab einem Jahr offen, sind nicht obligatorisch und werden doch von über 80 Prozent der kleinen Schweden besucht. Ein Grund: Ebenfalls gut 80 Prozent beträgt bezeichnenderweise der Anteil erwerbstätiger Mütter. Alle Eltern haben die Garantie, nach einer maximalen Wartezeit von vier Monaten einen Betreuungsplatz zu bekommen, wenn auch nicht immer in der gewünschten Institution.

Für jedes Kind wird ein Tagebuch geführt

Die Tagesstätte Stella Nova in Hallonbergen: Über 90 Prozent der betreuten Kinder hier sind Migranten.
Die Tagesstätte Stella Nova in Hallonbergen: Über 90 Prozent der betreuten Kinder hier sind Migranten.

Doch egal, wo das Kind hinkommt, eines haben alle Vorschulen gemeinsam: Dort wird das Kind nicht nur betreut, sondern nach einem Lehrplan gefördert. «Das läuft sehr spielerisch und ungezwungen ab», erklärt die stellvertretende Täppan-Leiterin Yvonne Häll. So decken die Kleinen ab einem gewissen Alter den Tisch, um mathematische Fertigkeiten zu üben, sie basteln Planeten aus Pappmaché, um die Gestirne kennenzulernen und bekommen viele Geschichten erzählt, um sich sprachlich zu entwickeln.

Förderung geschieht hier ganz spielerisch und ungezwungen.

Für jedes Kind wird ein Tagebuch geführt. «In diesen Büchern», sagt Häll und klopft auf einen dicken Ordner, «notieren wir alle Fortschritte des einzelnen Kindes». Ausserdem hält der Lehrplan fest, dass jeder Schützling das Anrecht auf einen altersgerechten, ausbalancierten Tagesablauf hat. Betreuung, Respekt, Individualität und Fürsorge sind häufige Begriffe in dem Dokument, das die Aufgaben der Vorschulen umschreibt. Von den Bedürfnissen der Eltern steht kein Wort. SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr, welche die Entwicklung des schwedischen Schulsystems seit Jahren verfolgt, erklärt: «In Schweden steht das Kind im Zentrum, es hat einen hohen Stellenwert. Das ist seit Pippi Langstrumpf so» (siehe Interview rechts).

Integration bleibt auch in Schweden eine Herausforderung

Und das ist auch in Stella Nova so, einer Vorschule im Stockholmer Vorort Hallonbergen. In dieser Kommune leben vorwiegend Migranten, in Stella Nova haben über 90 Prozent der betreuten Kinder keinen schwedischen Pass. Klar, dass dieser Tagesstätte eine grosse Integrationsaufgabe zukommt. Man versucht sie in enger Zusammenarbeit mit den eingewanderten Eltern zu lösen. «Es sind kompetente Eltern», sagt Stella-Nova-Leiterin Anitha Gunnarsson, «und als solche sollen sie in unserer Vorschule mitbestimmen.»

Bei allen Bemühungen — die Integration von Migranten bleibt auch in Schweden eine Herausforderung, das zeigen die Vorfälle vom Frühling: Unweit von Stella Nova, in der Nachbargemeinde Husby, kam es zu Unruhen, ausgelöst von jugendlichen Migranten, arbeitslos und frustriert. Wandern sie nicht schon als Kleinkinder nach ­Schweden ein, haben Ausländer dort ­einen schweren Stand, denn das ­schwedische Bildungssystem ist auf eine gymnasiale Karriere ausgerichtet, für die sie nicht gerüstet sind. Jacqueline Fehr weiss: «Schweden interessiert sich deshalb sehr für unser duales ­Bildungssystem», und sie findet: «Wir hingegen könnten durchaus von ihren Erfahrungen im Vorschulbereich profitieren.»

«In Schweden steht das Kind im Zentrum»

Porträtbild von Jacqueline Fehr.
Jacqueline Fehr, SP-Nationalrätin und Projektleiterin beim Verein Stimme Q. (Bild: zVg.)

Beide Länder können voneinander lernen: Wir von der schwedischen Vorschule, die Schweden von unserer Berufslehre, sagt Jacqueline Fehr, SP-Nationalrätin und Projektleiterin beim Verein Stimme Q.

Jacqueline Fehr, wo ergeht es einem zweijährigen Kind besser bei uns in der Krippe oder in der schwedischen Vorschule?

Das Kind ist da gut aufgehoben, wo seine Anliegen im Zentrum stehen. Das schwedische Angebot bietet Kindern viel Raum zum Spielen, sie können den ganzen Tag mit Gleichaltrigen zusammen sein.

Und in der Schweiz?

Wir haben viele ausgezeichnete Pädagoginnen und Pädagogen, einige Krippen können mit den schwedischen Vorschulen mithalten. Andere sind nicht viel mehr als Aufbewahrungsanstalten. Der Unterschied: Bei uns bestimmt der Tagesablauf der Eltern die Betreuung der Kinder. In Schweden steht das Kind im Zentrum, seine Interessen gehen vor.

Aber auch die schwedischen Kinder sind in der Vorschule, weil beide Elternteile erwerbstätig sind.

Und weil man sich einig ist, dass die Vorschule den Kindern guttut. Auch Kinder von Arbeitslosen oder Hausfrauen besuchen die Vorschule, ebenso jene des Ministers oder der Vertreterin des Wirtschaftsverbands. Das schwedische Betreuungsangebot gilt international als das beste.

Was hat Sie davon überzeugt?

Die Vorstellung, die man dort von einem Kind hat: Es ist eigenaktiv und will die Welt entdecken. Pippi Langstrumpf hat dieses Bild stark geprägt. Schweden glauben, dass sich das Kind nicht am Rockzipfel der Mutter am besten entwickelt, sondern im Zusammensein mit Gleichaltrigen. Der Konsens darüber ist gross, dass man sich eine gute Kinderbetreuung leisten muss. Denn man fragt sich: Was, wenn die Schwedinnen keine Babys mehr bekommen?

Darum finden es auch alle okay, dass die Vorschulen mit Steuergeldern finanziert werden. Das hätte in der Schweiz keine Chance.

Ich finde, der Staat muss auch bei uns einen grösseren Kostenanteil übernehmen, sonst ist die Tagesbetreuung für Mittelschichtfamilien unerschwinglich. In Schweden ist die Kinderbetreuung übrigens genauso teuer, nur zahlen die Eltern dort praktisch nichts dafür.

Über die externe Kinderbetreuung versprechen wir uns, Migrantenkinder integrieren zu können. Das denkt man auch in Schweden. Doch im Frühling kam es in Vororten von Stockholm zu Ausschreitungen von jugendlichen, arbeitslosen Migranten. Die Integration ist trotz der Vorschulen gescheitert.

Migranten, die erst als Jugendliche in Schweden einwandern, haben es schwer. Das Bildungssystem sieht vor, dass der Einritt ins Berufsleben übers Gymnasium führt. Das schaffen die jugendlichen Einwanderer nicht. Jedes Land hat spezifische Exportschlager: Schweden die Vorschulen und wir die Berufslehre. Wir sollten mehr voneinander lernen, und schwedische Behördenvertreter waren tatsächlich schon in der Schweiz, um die Berufslehre kennenzulernen.

Stimme Q setzt sich für die frühkindliche Förderung ein. Was ist das Ziel?

Stimme Q will einen Beitrag dazu leisten, dass weniger über das Wo und mehr über das Wie in der Kinderbetreuung gesprochen wird. Wir wollen eine Brücke zwischen Elternhaus und Betreuungseinrichtungen bauen. Uns geht es darum, das Kind in seiner Entwicklung zu begleiten und zu unterstützen. Die Kompetenz des Kindes, seine Entdeckungslust und Neugierde sollen genährt werden. Wir finden: Qualität orientiert sich am Pippi-Langstrumpf-Prinzip.

Der Verein Stimme Q will die Diskussion in der Öffentlichkeit darüber anregen, was eine gute Kindheit ausmacht. Er wird unterstützt durch das Migros-Kulturprozent. Mehr: www.stimmeq.ch
www.migros-kulturprozent.ch

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Yvette Hettinger