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13. August 2012

Vormund, nein danke!

Margrit Rohr zog in den 60er-Jahren zwei Kinder auf. Der Vater, ein Nigerianer, war in seine Heimat zurückgekehrt. Immer wieder musste sich die junge Frau gegen die Behörden wehren, die ihr einen Vormund zur Seite stellen wollten.

Margrit Rohr zeigt ein Bild der Grossfamilie Asagba in Nigeria: Helen, Halbschwester von Edith und Ruedi, Tochter Edith, Halbbruder Meghona, Tajirinere Asagba, Margrit Rohr, Halbbruder Esiri, Sohn Ruedi (von links).

Was ist das Ziel einer Beistandschaft? Das Online-Interview zum Thema mit Simone Soland (32) von der Vormundschaftsbehörde Winterthur: Kindsrecht über alles

Stolz posiert Tajirinere Asagba in seinem schwarzen Talar, die krausen Haare unter der traditionellen Anwaltsperücke verborgen. Margrit Rohr (77) stellt das Schwarz-Weiss-Foto vorsichtig zurück auf ihr Stubenbuffet. «Das Bild wurde 1959 bei der Vereidigung meines Mannes als Anwalt aufgenommen.» Sie spricht von ihrem Mann, obwohl sie vor dem Gesetz nie verheiratet waren. Die Papeterieverkäuferin aus Wettingen AG und der Student aus Nigeria lernen sich 1958 in einem Kino in London kennen. Die 25-Jährige arbeitet in einer Familie, um Englisch zu lernen, der 32-Jährige studiert an der renommierten Lincoln University Jura. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz schreiben sich die beiden, Monate später besucht er sie in der Schweiz. Zu dem Zeitpunkt lebt er bereits wieder in Sapele, einer nigerianischen Kleinstadt im südwestlichen Landesteil, wo er ein Anwaltsbüro betreibt.

Beistand für die Mutter – trotz Eheverkündigungsgesuch

Das junge Paar träumt von einer gemeinsamen Zukunft in Nigeria. Mit einem dreimonatigen Besuchervisum fliegt Margrit Rohr zu Tajirinere. «Seine Familie hat mich mit offenen Armen aufgenommen», sagt sie. Die junge Schweizerin fühlt sich sofort heimisch. Sie wird schwanger, muss aber mit Ablauf des Visums das Land verlassen.

Tochter Edith kommt Anfang 1962 im Spital Baden zur Welt. Obwohl sich der Kindsvater zu seiner Tochter bekennt und auf dem Standesamt Wettingen bereits ein gemeinsam unterzeichnetes Eheverkündigungsgesuch liegt, stellt die Vormundschaftsbehörde Wettingen der ledigen Mutter einen Beistand zur Seite. Margrit Rohr wendet sich erst mit einer vormundschaftlichen Beschwerde an das Bezirksamt Baden, dann an den Aargauer Regierungsrat. In einem Brief bekräftigt sie, dass die «Vaterschaftspflichten durchaus sichergestellt» sind. Zudem werde sie «in zwei bis drei Monaten mit meinem Töchterchen wieder nach Nigeria reisen, um dem zukünftigen Gatten und Kindsvater nachzufolgen». Was sie nach Erhalt eines weiteren Dreimonatsvisums auch tut.

In Nigeria hat sich das politische Klima unterdessen stark verschlechtert: Das Land wird von Unruhen und Gewaltausbrüchen erschüttert, es droht ein Bürgerkrieg. «Es gab viele Einbrüche in der Nähe unseres Hauses», erzählt Margrit Rohr. Als es erste Tote gibt, entschliesst sie sich, mit der zweijährigen Edith bis auf Weiteres in die Schweiz zurückzukehren. Dass sie zu diesem Zeitpunkt erneut schwanger ist, weiss sie nicht.

Mutter zweier Kinder – der Vater gründet eine neue Familie

1965 kommt Sohn Ruedi in Baden zur Welt. Margrit Rohr ist nun eine «zweifache aussereheliche Mutter», so die amtsdeutsche Umschreibung. Zwar hat der Chief, der König des Stammes ihres Mannes, sie noch kurz vor ihrer Abreise in einer traditionellen Zeremonie getraut, rechtlich ändert das aber nichts an ihrem Status. Und wieder steht die Vormundschaftsbehörde Wettingen vor der Tür. Die junge Mutter, die fürs Erste wieder bei den Eltern wohnt, erhält einen Beistand zur Seite gestellt, der die Rechte der Kinder wahren und die Vaterschaftsanerkennung abklären soll. Sie fügt sich. Als man den Beistand jedoch durch einen Vormund ersetzen will, wendet sie sich ans Bezirksamt Baden. Bis dahin sei sie eher «e Schüchi gsi», sagt sie heute, «für meine Kinder lernte ich aber, mich zu wehren.»

Weil Edith und Ruedi den gleichen Vater haben und ihre Mutter schuldenfrei ist «und ich auch sonst keinen Tolken im Reinheft hatte», darf sie die elterliche Gewalt, wie die elterliche Sorge damals noch heisst, schliesslich behalten. Geholfen habe ihr sicherlich auch, dass sie im Aargau lebt: «In Zürich war man in dieser Zeit gegenüber ledigen Müttern viel restriktiver.»

Dann ergibt sich für Margrit Rohr die Chance, gemeinsam mit ihrer Schwester in die Wohnung zu ziehen, in der sie auch heute noch lebt. Die Schwester, frisch geschieden, hat ebenfalls ein kleines Kind zu versorgen. Vier Jahre lang arbeiten die beiden Frauen im Jobsharing in einem Kiosk in Baden. «So konnten wir abwechselnd zu den Kindern schauen.» Dennoch ist Geld äusserst knapp, zumal aus Nigeria nur ganz sporadisch Überweisungen eintreffen. Und irgendwann erfährt Margrit Rohr dann, dass Tajirinere Asagba in Nigeria eine neue Familie gegründet hat.

Der Präsident der Amtsvormundschaft des Bezirks Lenzburg schreibt ihr Ende 1973, dass betreffend Festsetzung der Unterhaltsbeiträge an ein nicht eheliches Kind weder eidgenössische noch kantonale Richtlinien bestünden. «In der Praxis wird jeder Vormund respektive Beistand die Alimente nach seinem Ermessen festsetzen. Als Minimalbeitrag würde ich heute Fr. 160 monatlich annehmen», heisst es in dem Brief, den Margrit Rohr aufbewahrt hat. Auch er empfiehlt, die Beistandsschaft für Edith und Ruedi in eine Vormundschaft umzuwandeln, da so der Amtsvormund das Alimenteninkasso übernehme. Margrit Rohr lehnt ab: «Damit hätte ich ja meine Rechte an den Kindern aufgegeben!»

Wenn der Dorfpolizist bei der ledigen Mutter kontrolliert

Stattdessen nimmt sie jede Arbeit an, um nicht auf Sozialhilfe angewiesen zu sein. Als die Schwester nach vier Jahren wegzieht, vermietet sie ein Zimmer. Daneben putzt sie unter der Woche in Privathaushalten — «da konnte ich die Kinder mitnehmen, wenn sie nicht in der Schule waren.» An den Wochenenden arbeitet sie weiterhin im Kiosk, inzwischen schauen die Eltern zu Ruedi und Edith. Und immer noch steht die ledige Mutter unter Beobachtung. «Eines Tages stand sogar der Dorfpolizist bei uns vor der Tür, wohl um zu schauen, ob die Kinder nicht verludern.» Heute kann Margrit Rohr darüber lachen, damals war es ihre grösste Angst, dass die Kinder in Pflege kommen könnten.

Wettingen 1996: Das Bild zeigt Sohn Ruedi (damals 30) mit Sohn Luca (1). Im kleinen Bild ist der einjährige Ruedi zu sehen.
Wettingen 1996: Das Bild zeigt Sohn Ruedi (damals 30) mit Sohn Luca (1). Im kleinen Bild ist der einjährige Ruedi zu sehen.

Trotz aller Widrigkeiten gelingt es der inzwischen 38-Jährigen, 1974 noch eine Zusatzausbildung als Kindergärtnerin zu absolvieren. Dank ihres wenigen Ersparten und der Hilfe der Eltern kann sie das Kindergartenseminar in Brugg besuchen. Als sie anschliessend eine Stelle gleich in der Nähe ihrer Wohnung findet, entspannt sich die finanzielle Lage der Familie. Und endlich hat Margrit Rohr das, was sie sich immer gewünscht hat: mehr Zeit für ihre Kinder.

Sohn Ruedi leitet heute als Elektroingenieur seine eigene Firma, Tochter Edith lebt in einem Heim für geistig Behinderte. Und Tajirinere Asagba? Insgesamt fünfmal sieht Margrit Rohr den Vater ihrer Kinder noch bis zu seinem Tod 1996: Viermal besucht er seine Schweizer Familie auf seinen Europareisen in Wettingen — «gerade für Ruedi war es sehr wichtig, seinen Mitschülern zu zeigen, dass er einen Vater hat.» 1980 reist sie dann mit den Kindern nach Sapele, «damit sie ihre Wurzeln kennenlernen».

In ihrer Diplomarbeit zur Kindergärtnerin schrieb Margrit Rohr 1974 in ihrem Schlusswort: «Auch als aussereheliche Mutter leisten wir unserer Gesellschaft einen Dienst mit der Geburt des Kindes … Wir sollen nicht überempfindlich werden und hinter jeder Aussage bösen Willen des anderen suchen, uns schon mit der Annahme, die Gesellschaft werde uns nicht akzeptieren, abkapseln und uns — und mit uns auch das Kind — isolieren.»

Autor: Almut Berger

Fotograf: René Ruis