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07. November 2011

Von Weich- und anderen Eiern

Schade, eigentlich. Dass letzten Montag ein paar Jungs im Quartier Fassaden und Fenster mit rohen Eiern beschmissen und Türschlösser zugekleistert haben. Ich mag nämlich Halloween, decke mich jeweils eigens mit Süssigkeiten ein und freue mich auf die Monster und Gespensterlein, die dann an unserer Tür klingeln. Süss, wie sie gern furchterregend wären! Toll, wie fantasievoll die Mädchen sich als Piratinnen und Vampirinnen herausgeputzt haben! Und als ich dann spätabends die Scheiben im Eingangsbereich putzte, reute es mich nicht nur der vergeudeten Eier wegen.

Ich mag nämlich Halloween.

Ich fands auch einen Jammer, dass die wenigen Unflätigen all den kleineren Kindern die Chance nehmen, an Halloween unbeschwert herumzuziehen, denn viele Leute werden sich künftig am 31. Oktober dem Brauch verweigern. Und plötzlich taten mir diese Buben leid, die offenbar nicht anders können, als anderen die Freude zu verderben.

«Ich mag nämlich Halloween.»
«Ich mag nämlich Halloween.»

«Zukunftstag? So ein Seich!», fauchte Jacqueline unlängst, «so was brauchts doch nicht mehr! Heute ist längst allen klar, dass ein Mädchen auch Kranführerin oder Physikerin, ein Junge Kindergärtner, Krankenpfleger, Hausmann werden oder sonst irgend so einen ‹Weichschnäbelerjob› ergreifen kann.» Jacqueline sagte wirklich «Weichschnäbelerjob ». Womit sie sich gleich selbst widerlegte: Solange Buben, die nicht tun, was für sie vorgesehen ist, gleich als Weicheier gelten, so lange ist der Zukunftstag nötig. Diesen Donnerstag findet er wieder statt. Früher hiess er ja Töchtertag: Girls sollten ihre Papis an deren Arbeitsort begleiten, um Einblick in «männliche» Jobs zu erhalten. Anna Luna fand es nicht sonderlich spannend, mir beim Polieren des Glaskeramikherds zuzuschauen, weshalb sie ihre Mutter ins Fernsehen begleitete. Aber natürlich sollen auch Buben bestärkt werden, im Leben etwas anderes als das «Typische» zu tun. Sei es nur, sich an Halloween nicht so saublöd aufzuführen. Den Buben fehlen Beispiele. Den Mädchen genauso: Beispiele, dass sie auch Computerfachfrau oder Tunnelbauingenieurin werden könnten.

Ich zum Beispiel bin gerne Hausfrau. Um mehr Männern beliebt zu machen, sich daheim zu engagieren, müsste man das Jobprofil wohl so formulieren: «Sie handeln proaktiv in einem selbstständigen und dynamischen Tätigkeitsbereich, Sie sind entscheidungsfreudig, flexibel, vielseitig, extrem belastbar, klar in Ihren Aussagen und konsequent in Ihrem Tun. Sie haben mehrjährige Erfahrung als Facility Manager, sind führungsstark, zählen pädagogisches Know-how zu Ihren Kernkompetenzen, sind im Food und Non-Food-Bereich auf dem neusten Stand der Wissenschaft und sind durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Nachhaltigkeit ist ihr Leitmotiv, Sie sind initiativ, stark in der Kommunikation, besitzen Umsetzungsstärke, Einsatzbereitschaft, organisatorisches Geschick, strategisch-konzeptionelles Flair und eine ausgeprägte Fähigkeit zur Konfliktlösung. Kurzum, Sie sind eine verhandlungssichere und verantwortungsvolle Persönlichkeit, die sich durchzusetzen weiss.»

«Nä-ää», habe ich Jacqueline geantwortet, «noch ist der Zukunftstag nicht von gestern.» Aber sie hörte mir schon nicht mehr zu. «Ich muss was Feines kochen gehen», rief sie über die Schulter zurück, «‹Meiner› hatte im Büro einen strengen Tag.»

Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli