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09. Juli 2012

Von wegen Babykrise!

Ist die Freundschaft beendet, wenn eine Frau Mutter wird und ihre Freundin nicht? Trotz unterschiedlicher Lebensentwürfe pflegen Nicole Suda-Telli und Nicole Honti ihre Freundschaft seit fast 30 Jahren.

Familienpackung: Wenn Nicole Honti (rechts) zu Besuch bei ihrer besten Freundin Nicole Suda-Telli ist, trifft sie gleich auch deren Kinder Michèle (5), Raphael (2, sitzend) und Severin (8).

Das Interview zum Thema mit Psychologieprofessor Guy Bodenmann:
Tolerant und flexibel sein

Einiges war los im Jahr 1983: Nena liess ihre 99 Luftballons in den Himmel steigen, die Leute trugen Schulterpolster, und Pierre Aubert war Schweizer Bundespräsident. Das alles kümmerte Nicole Telli kaum. Die Neunjährige langweilte sich im Klassenzimmer der Volketswiler Primarschule. Es gab allerdings einen Lichtblick, und zwar die neue Mitschülerin, denn die war ihr äusserst sympathisch. Sie hiess ebenfalls Nicole, trug ihre Fransen so lange, dass man ihre grünen Augen kaum sehen konnte, und lächelte in Nicole Tellis Richtung. Die hatte zwar schon eine beste Freundin, beschloss aber spontan, dass in ihrem Leben Platz für eine zweite beste Freundin sei.

Kommen Kinder ins Spiel, können Freundschaften zu Bruch gehen

Die beiden Nicoles verbrachten aufregende Kinderjahre zusammen, kamen in die Pubertät, liessen sich Dauerwellen machen und verliebten sich in dieselben Jungs. Sie begannen sogar beide die gleiche Lehre. Doch während Nicole Telli Drogistin wurde, entschied sich ihre Freundin dann doch für eine kaufmännische Ausbildung.

Beste Freundinnen, 1987: Nicole Suda und Nicole Honti (links). (Bild: zVg.)
Beste Freundinnen, 1987: Nicole Suda und Nicole Honti (links). (Bild: zVg.)
Beste Freundinnen 2012: Nicole Suda und Nicole Honti (rechts)
Beste Freundinnen 2012: Nicole Suda und Nicole Honti (rechts)

Mittlerweile hat sich vieles verändert: Nicole Telli hat geheiratet und heisst jetzt Nicole Suda-Telli. Die 39-Jährige lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Fehraltorf ZH. Nicole Honti (39), die ihren Pony zu Beginn der 80er-Jahre lang trug, wohnt immer noch in Volketswil ZH, arbeitet mit einem Vollzeitpensum als kaufmännische Angestellte und hat keine Kinder. Obwohl sich die Frauen für ganz unterschiedliche Lebenswege entschieden haben, hat das ihrer Freundschaft keinen Abbruch getan. Die Mädchen von damals sind auch nach fast 30 Jahren noch immer ein Herz und eine Seele.

Tiefe Freundschaften können in die Brüche gehen, sobald Kinder ins Spiel kommen. Dabei ist nicht das Baby das Problem. Schwierig ist vielmehr, dass die Kinderlosen so weitermachen möchten wie bisher, während sich bei den frischgebackenen Eltern alles um den Familienzuwachs dreht. Als der kleine Severin geboren wurde, beschloss Nicole Suda-Telli, es besser zu machen. Sie erzählte ihrer Freundin zwar von ihrem Mütteralltag, aber mit Mass. «Ich brauchte meine Freundin in dieser Zeit sehr, wollte sie aber dennoch mit den Babythemen nicht langweilen», erinnert sie sich.

Und Nicole Honti hörte zu, wenn von schlaflosen Nächten, Windelmarken und Babybreis die Rede war. «Es war natürlich nicht meine Welt», sagt die kaufmännische Angestellte, «aber dennoch interessant». Nicole Suda-Telli schätzte es, dass ihre Kollegin sich mit gut gemeinten Ratschlägen zurückhielt. Es sei sogar entspannend, wenn ein Gesprächspartner genauso ratlos sei wie man selbst.

Der Säugling wirbelte den Terminkalender von Nicole Suda-Telli gehörig durcheinander. Nachdem sie ihre Freundin jahrelang wöchentlich getroffen und fast täglich am Telefon gesprochen hatte, war es nun schwierig, gemeinsame Zeit zu finden. Wenn Nicole Honti von der Arbeit und dem anschliessenden Sport nach Hause kam, lag die frischgebackene Mutter schon erschöpft in den Federn. Und wenn Nicole Suda-Telli ihre Kollegin spontan morgens um sechs anrufen wollte, musste sie sich bremsen und sich ins Bewusstsein rufen, dass Kinderlose nicht unbedingt mit den Hühnern aufstehen.

Wenn schon telefonieren, dann gleich drei Stunden am Stück

Als Nicole Suda-Telli drei Jahre später ihr zweites Kind, die kleine Michèle, zur Welt brachte, hatten die beiden Frauen bereits einen neuen Weg für ihre Freundschaft gefunden. «Bei uns gilt seitdem die Devise: ‹Qualität statt Quantität›», sagt sie. Es vergeht oftmals einige Zeit, bis die Freundinnen sich persönlich sehen können. Deswegen bereden die beiden spätestens nach zwei, drei Wochen alles Wichtige am Telefon. So ein Gespräch kann gut mal drei Stunden dauern. Nicole Suda-Tellis Mann kennt das schon. Er gönnt seiner Frau diese Auszeit und kümmert sich derweilen um die Kinder. Der Gedankenaustausch tut beiden Freundinnen gut: Die Familienfrau hält den Kontakt zu einer Welt jenseits des Spielplatzes, und Nicole Honti erhält Einblicke in eine andere Lebensweise. Ungefähr alle zwei Monate schaffen es die Freundinnen sogar, einen gemeinsamen Abend zu verbringen. Es ist dann zwar nicht die durchtanzte Nacht in der Disco wie früher, sondern eher ein gemütliches Abendessen in einem Restaurant, aber das geht schon in Ordnung. Manchmal kommt die kinderlose Nicole spontan bei der Nicole mit Kindern vorbei. Sehr zur Freude der sudaschen Rasselbande. «Die Nici ist nämlich nicht nur Mamas Kollegin, sondern auch unsere Freundin», erklären die Kinder strahlend. Nicole Honti ist keine Tante im klassischen Sinn. Sie kann keine Windeln wechseln, und das Sandmännchen kennt sie auch nur vom Hörensagen. «Dafür kann man mit ihr spannende Sachen erleben», findet Severin (8). Die 39-Jährige spielt mit den Kindern Fussball, ist jederzeit für eine Wasserpistolenschlacht zu haben und geht mit der fünfjährigen Michèle Glitzerschuhe kaufen. Es würde niemanden wundern, wenn sie in ein paar Jahren mit den Kindern zu Rockkonzerten fahren würde.

Vor zwei Jahren hat der kleine Raphael die Familie Suda komplett gemacht. Heute ist auch die letzte Stillzeit abgeschlossen, und bald sind auch Windeln passé. «Ich schätze, dass wir uns in Zukunft wieder öfter sehen werden», freut sich Nicole Suda-Telli. Ihre Freundin grinst und fügt an: «Dann könnten wir ja mal wieder gemeinsam auf einem Töffli zum Greifensee fahren. So wie früher, als wir Teenies waren.»

Autor: Bettina Leinenbach

Fotograf: Vera Hartmann