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04. Mai 2017

Von Vollbärten und Rucksäcken

Am Picadilly Circus in London
Am Picadilly Circus in London: Meiden Familien wegen Terrorrisiken Metropolen und speziell Menschen-Ansammlungen? (Bild: Keystone)

Als meine Mutter von unserem Plan, zu viert nach London zu fliegen, hörte, reagierte sie erwartungsgemäss. «Also ich würde das in diesen Zeiten nicht machen, schon gar nicht mit den Kindern.» Und abgesehen davon sei es im Schwarzwald auch ganz schön. Dann schwieg sie in den Telefonhörer, bis es mir in den Ohren klingelte.

Ist es verantwortungslos, nach den Anschlägen von Berlin, Paris oder Stockholm einen Städtetrip mit den Kleinen zu machen? Ausgerechnet nach London? Dorthin, wo der Terror bekanntermassen schon mehrmals seine hässliche Fratze gezeigt hat und wo erst vor wenigen Wochen mehrere Menschen auf der Westminster Bridge starben? Während ich diese Zeilen schreibe, rollt unsere Swiss-Maschine bereits Richtung Startbahn. Noch wenige Augenblicke, dann starten wir von Heathrow aus in den Abendhimmel. Bye-bye London! You were lovely as always. Neben mir sitzen – gesund und munter – die Kinder und Herr Leinenbach.

Ich muss gestehen: Ich bin erleichtert, dass unsere Reise so problemlos verlaufen ist. In der Zeit, als wir in der Hauptstadt von Grossbritannien weilten, gab es dort weder Bombenanschläge noch Messerattacken und auch keine Amokfahrten. Statistisch betrachtet, waren unsere Chancen, Opfer eines Anschlags zu werden, sowieso äusserst gering. (Die Wahrscheinlichkeit, von einem Selfie-Stick aufgespiesst zu werden, war hingegen gross.)

Aber wir Menschen sind keine besonders vernunftbegabten Wesen, richtig? Ich war auf dieser Städtereise jedenfalls viel angespannter als auf früheren Touren. Mutters warnende Worte hätte es dafür nicht gebraucht. Paris, Berlin, Brüssel, Stockholm und London. Das Gedränge in der U-Bahn und vor den Sehenswürdigkeiten war noch beklemmender als sonst. So viele Leute, so wenig Abstand. Und dann erst die ganzen Männer mit dunklerem Teint, Vollbart und Rucksack – höchst verdächtig.
Ich hatte dauernd den Drang, die Kinder ganz nah an mich zu ziehen. Oder mich – noch besser – auf die beiden draufzusetzen. Eine komische Vorstellung, ich weiss.

Schliesslich ist die englische Hauptstadt berühmt für ihre kulturelle Vielfalt. In der Millionenmetropole leben Christen, Juden, Sikhs, Hindus und Muslime Seite an Seite. Voll verschleierte Frauen gehören ebenso zum normalen Strassenbild wie Kippas, Turbane oder muslimische Häkelkappen. Mit anderen Worten: London ist wunderbar bunt und schrill, dicht gepackt und laut. London glaubt an viele Götter und an keinen, London schmeckt scharf, salzig, bitter und süss zugleich. London ist ein Abbild unserer Welt. Sich vor all dem Fremden dort zu fürchten, bedeutet, sich vorm Leben zu fürchten.

Zum Schluss noch ein Gedanke, der hoffentlich denen hilft, die ebenfalls über eine Familienstädtereise nachdenken: Polizei und Sicherheitsdienste sind omnipräsent. Es wird durchleuchtet, kontrolliert, abgetastet und gefilmt. In der «Tube», der U-Bahn, hängen nur noch transparente Müllsäcke in den Kübelringen, und Parkbänke werden mit Spiegelstöcken von unten kontrolliert. Das Beste: Alle machen mit, und niemand murrt. London ist nicht nur wunderschön und kunterbunt. London ist auch hellwach.

Autor: Bettina Leinenbach