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02. April 2013

Von «Ödipus» bis «Höhenfeuer»

Das Thema Inzest ist in der abendländischen Kultur von ihren Anfängen an bis in die Gegenwart weit verbreitet. In den meisten Fällen aber eher als Warnung: Sie geht im Grunde stets übel aus. Ein paar Beispiele.

Das Thema Inzest beschäftigte die Menschen wohl von den ersten Gesellschaftsformen an. Jedenfalls taucht es auch in Überlieferungen und fühesten Texten sehr bald auf. Auch bei überschaubaren Siedlungen und Bevölkerungen scheint Inzest in der Antike vorgekommen zu sein, und wegen negativer Folgen (bis zu Behinderungen) und den Abstrichen an genetischer Vielfalt breit geächtet worden zu sein.
Betrachtet man die Darstellung von Inzestverhältnissen in der abendländischen Kultur, vorab der Literatur, fallen neben Nennungen realer Fälle bei den 'Royals' und Promis speziell Erzählungen und Figuren aus der Mythologie auf. Interessant ist, dass trotz generellem Inzest-Bann bei den Mächtigen bisweilen Inzestbindungen hingenommen wurden, wohl zwangsläufig. Bei den erfundenen oder überlieferten Fällen hingegen steht der Inzest in aller Regel für eine verbotene Praxis, Betroffene kommen meist schlecht weg, erhalten die 'verdiente' Strafe oder haben mindestens ernste Konsequenzen zu gewärtigen.

Der Unterschied zu den Inzestfällen in der modernen Literatur, der Kunst und dem Film liegt hauptsächlich darin, dass seit dem 18. Jahrhundert vielmehr die persönliche Motivation, die individuellen Dramen, überhaupt die psychologische Komponente, in den Vordergrund rückt. Es sind nicht mehr höhere Mächte, die den Inzest bestrafen oder gar als Strafe 'einsetzen' (siehe Ödipus-Beispiel), es ist noch stärker die Gesellschaft mit ihrem Druck auf die handelnden Personen.
Eines bleibt sich aber über Jahrhunderte, ja Jahrtausende fast durchs Band weg gleich: Die Fälle gehen schlecht aus.

ÖDIPUS, der Geblendete
Es ist wohl in unserer Kultur der älteste bekannte Fall. In leider nicht erhaltenen Werken der griechischen Dramatiker Euripides und Aischylos und einem weit zurückblendenden Drama von Sophokles (Taschenbuch bei ExLibris.ch Ödipus auf Kolonos, der kurz vor dem Tod zurückblickt), später auch bei Seneca und etlichen Dichtern ab der Renaissance wird der Fall des Thebener Königssohns Ödipus verhandelt. Er ermordet seinen Vater Laios und ehelicht zum Besteigen des Throns seine Mutter Iokaste. Am Ende blendet er sich – die maximale Geste der Scham – und wird aus der Heimat vertrieben.
Seine erste grosse Tragik: Er kann gar nicht wissen, dass er der Königssohn von Theben ist. Seine Eltern setzen ihn als Neugeborenen aus Angst vor einer Prophezeiung aus, mehr durch Zufall überlebt er ... und kehrt gar zurück.
Die zweite Tragik: Er trifft ausserhalb der Stadt auf den aufbrausenden Kotzbrocken Laios, den er unzimperlich aus dem Weg räumt, ohne zu wissen, um wen es sich handelt! Und in Königin Iokaste erkennt er die Mutter auch nicht. Kann er sie nicht erkennen? In der Psychologie ist gerade dies ein wichtiger Punkt.
Und die dritte: Die Prophezeiung der Götter, dass Laios' Sohn (sofern er einen bekomme) einmal den Vater umbringen und die Mutter heiraten werde, wird Laios schon früh wegen bestimmtem Fehlverhalten gemacht. Auch Iokaste, die zweite Hauptbeteiligte am Inzest, kann für diese Vorhersage und damit das Verhängnis nichts. Auch sie (er)kennt den Sohn nicht.

SIEGFRIED, der Blender
Auch die deutsche Sagenwelt ist nicht frei von Inzest, obschon dieser Fall weit weniger thematisiert wird: In einigen Versionen, am bekanntesten Die Walküre (DVD bei ExLibris.ch), zweitletzter Teil von Richard Wagners Ring des Nibelungen, ist die germanische Lichtgestalt Siegfried der Sohn der Zwillinge Siegmund und Sieglinde. Dass gerade die vor und im Zweiten Weltkrieg von den Nazis als mythische Heldenfigur aufs Schild gehobene arische Lichtgestalt ein Inzestprodukt sein soll, entbehrt nicht der Ironie. Von wegen bloss reinrassig: einfamiliär wär der Blonde.

HOMO FABER auf dem Business-Flug
In Max Frischs verbreiteter Schullektüre Homo Faber (Taschenbuch bei ExLibris.ch) von 1957 (später von Schlöndorff verfilmt) trifft Walter Faber (auch ein Begriff für den 'schaffenden Menschen'), ein äusserst rational vorgehender Ingenieur, auf seinen Berufsflügen auf eine deutlich jüngere Frau, mit der er eine kurze Beziehung beginnt. (Eli-)Sabeth ist die Tochter seiner früheren Liebe Hanna, von deren Existenz er nichts wusste. Sie erinnert ihn aber durchaus an ihre Mutter...
Die Geschichte endet fast schon 'antik' tragisch für Sabeth und stürzt Walters Welt in Unordnung und Verzweiflung.

HÖHENFEUER in beengender Bergwelt
Auch im Film gab es in den letzten Jahrzehnten einige Beispiele von Inzest. In der Schweiz wohl am prominentesten Fredi Murers in Locarno 1985 ausgezeichnetes Werk Höhenfeuer (DVD bei ExLibris.ch). In einem abgelegenen Innerschweizer Hochtal leben ein Bauernpaar mit zwei Teenagern: Belli, die gern Lehrerin würde, aber auf dem Hof arbeiten und ihren taubstummen Bruder unterrichten muss, und eben dem Sohn, der nur 'Bueb' genannt wird. Nachbarn gibts keine, auf der andern Talseite gerade mal die Eltern der Mutter, mit denen rudimentär kommuniziert wird.
Die Tragik dieser Erzählung hat etwas Archaisches, allerdings schlittern die jugendlichen Hauptfiguren hier nicht komplett unwissend ins Unglück. Der Bueb wird vom Vater auf die höhere Alp verbannt, wo sich die Geschwister erstmals näher kommen. Als die Familie vereint ist, kommts zum grossen Unglück: Der Sohn tötet den Vater, die Mutter folgt diesem in den Tod, am Ende bahren die Jungen die Eltern auf, senden den Grosseltern eine Nachricht ... und übernehmen wohl die Geschäfte des Bergbauernbetriebs.


Weiter Werke der letzten Jahrzehnte
In diesen Büchern kommen prominente oder gar die Handlugn (mit-)beherrschende Inzestfälle vor:
Die Tochter, Maxim Biller
Schlafes Bruder, Robert Schneider
Der Zusenn (oder das Heimat), Adolf Muschg
Middlesex, Jeffrey Eugenides
Das Hotel New Hampshire, John Irving
Die Wiederholung, Alain Robbe-Grillet

In den Filmen:
Das Schweigen, Ingmar Bergman
Herzflimmern, Louis Malle
Die Blume des Bösen, Claude Chabrol

Autor: Reto Meisser