Archiv
20. Oktober 2014

Als Sommelière auf die Färöer-Inseln

Sie ist eine der besten Schweizer Sommeliers, arbeitet in einem High-Class-Restaurant an einem der unglaublichsten Orte der Welt. Gestatten: Karin Visth, Weinexpertin im «Koks» auf den Färöer-Inseln.

Karin Visth auf den Färöer-Inseln
Früher tischte sie bei «Chrüter Oski» mit Sauerampfer gefüllte Forelle auf. Heute serviert Karin Visth ausgesuchte Weine zu getrocknetem Dorsch.

Plötzlich kommt von zwei Tischen weiter vorn eine Frau herüber. Offensichtlich hat sie unseren Dialekt gehört und fragt nun, wo wir herkommen. Ihre Antwort auf unsere Gegenfrage: «Vo Huttu!» – Huttwil auf Berndeutsch. Verblüffung. Wir sitzen in einem Café in Tórshavn, dem Hauptort der Färöer-Inseln. Hier eine Bernerin anzutreffen liegt nicht auf der Hand.

Küchenchef Áki Herálvsson und Karin Visth besprechen das Menü.
Küchenchef Áki Herálvsson und Karin Visth besprechen das Menü.

Karin Visth (27) arbeitet seit November 2013 auf den Färöern. Wie kommt man aus dem Oberaargau auf diese winzige Inselnation, die einige bestenfalls aufgrund ihrer Fussballmannschaft kennen? «Vor einem Jahr wurde ich durch einen Gastrojournalisten auf die Färöer und speziell auf das Restaurant Koks aufmerksam gemacht», erzählt sie. «Koks» ist seit 2011 das einzige Gourmetlokal im nordatlantischen Zwergstaat. Der Name bezieht sich auf ein altes färöisches Wort. «Wenn man kokset, gibt man seinem Mitmenschen etwas Spezielles, etwas Unerwartetes», sagt Karin Visth. Letzten Herbst wurde im Restaurant mit dem einzigen Weinkeller der Färöer eine Stelle frei. «Für mich als frisch gebackene Sommelière eine einmalige Chance.» Sie erhielt die Stelle.

Seit Kindertagen von der Magie des Weins begeistert

Seither hat sich die diplomierte Hôtelière-Restauratrice privat und beruflich bestens eingelebt. «Ich habe hier grosse Freiheiten. Ich kann den Keller mit seinen 400 europäischen Weinsorten verwalten, die Weinkarte gestalten, Gäste beraten und das Restaurant leiten.» Die Arbeit des Sommeliers hatte für Karin Visth «schon immer etwas Magisches». Die Kenntnis über Weine übt seit Kindertagen eine Faszination auf sie aus.

«Wird bei uns zu Hause etwas gefeiert, kommen interessante Trouvaillen auf den Tisch, die meine Familie über die Jahre gesammelt hat.» An einem ­Familiengeburtstag hat ihr Bruder einmal eine Flasche Château Rieussec 1999 geöffnet. Ihr erstes prägendes Weinerlebnis. «Ich war da in einem Alter, in dem ich noch gar keinen Wein trinken durfte. Château Rieussec 1999 ist nun auch im ‹Koks›auf der Weinkarte.»

Aussicht vom Restaurant Koks über die Nolsøy-Bucht und Tórshavn, die Hauptstadt der Färöer-Inseln.
Aussicht vom Restaurant Koks über die Nolsøy-Bucht und Tórshavn, die Hauptstadt der Färöer-Inseln.

Die Arbeit als guter Sommelier setze ein enormes Wissen über Weine, Pro­duzenten und Geografie voraus, erklärt Karin Visth, die selber am liebsten Grünen Veltliner, Riesling-Traube und Rotweine aus dem Piemont geniesst. «Weiter braucht es einen ausgeprägten Geschmackssinn und einen guten Umgang mit Menschen.» Für die Weinkarte schätzt sie Tropfen aus kühlen Regionen wie Deutschland, Österreich, dem Burgund oder dem Elsass, «weil diese Weine oft eine höhere Säure haben, frischer, filigraner sind und nicht zu viel Alkohol enthalten.»

Trotz wenig Berufserfahrung bereits für Preis nominiert

Ihre Passion und die wachsende berufliche Erfahrung haben ihr nun eine schöne Überraschung beschert: Im Juni ist sie in Dänemark zum Sommelier of the Year nominiert worden. «Die Nomination kam für mich sehr unerwartet. Im Gegensatz zu früheren Gewinnern arbeite ich noch nicht sehr lange als Sommelière.»

Über das Jahr werde das Lokal auf der Inselrepublik unter dänischer Verwaltung von Gastrotestern besucht, erklärt die Weinexpertin, die von 2003 bis 2006 beim legendären «Chrüter Oski» im Restaurant Moospinte in Wiggiswil BE ihre Sporen als Köchin abverdiente. «Die Tester bewerten – natürlich inkognito – Essen, Service, Weinkarte und auch mich als Sommelière.» Am 26. Oktober entscheidet sich in Kopenhagen, wer von den vier Nominierten den Titel erhalten wird.

Doch Karin Visth bleibt bescheiden. «Für mich und auch für das Restaurant ist nur schon die Nomination ein grosser Erfolg», sagt sie und lobt das gute Teamwork. «Wir sind eine junge Truppe mit vielen Ideen.» Das Lokal bietet unter anderem Mehrgangmenüs mit lokalen Zutaten an. Karin Visth spricht gar von «einigen der besten Lebensmitteln der Welt». Die Languste etwa werde täglich am späteren Nachmittag im Nachbarort gefangen und à la minute mit Tannenzweigen geräuchert.

Karin Visth in ihrem Reich, dem Weinkeller des Restaurants Koks. Der Wein kommt per Schiff.
Karin Visth in ihrem Reich, dem Weinkeller des Restaurants Koks. Der Wein kommt per Schiff.

Ein paar färöische Spezialitäten können allerdings herausfordernd sein. Am Abend ihrer Ankunft auf den Inseln beispielsweise erhielt sie fermentierten Dorsch, serviert mit der einheimischen Delikatesse Garnatálg, einem aus Lammdarm gewonnenen, fermentierten Fett. «Bei diesem Gaumenerlebnis kam Heimweh auf.»

«Wir entwickeln uns täglich weiter, kreieren neue Gerichte, finden feine Getränke und Weine.» Ausserdem möchte das Küchenteam in Zusammenarbeit mit lokalen Bauern noch mehr färöische Lebensmittel verwenden. «International gesehen wäre es toll, wenn wir mit unserem Konzept weit kommen», meint die Sommelière. Schliesslich stehe das «Koks», das in den Sommermonaten überwiegend von Touristen und im Winterhalbjahr mehrheitlich von Einheimischen besucht wird, ja erst am Anfang. Doch nun fiebert Karin Visth erst einmal dem 26. Oktober entgegen.

Autor: Hans Peter Roth

Fotograf: Claes Bech-Poulsen, Høgni Heinesen