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19. September 2016

Von gestern

Kinderbuchillustration von 1949
Der Mohr mit Spiess und Bogen in der Hand – Kinderbuchillustration von 1949.

«Hedi hat ein kleines Brüderlein. Sie hat es gern. Es lacht immer, wenn Hedi kommt. Es streckt ihr die Ärmchen entgegen. Dann holt Hedi es aus dem Wagen. Sie ist wie ein kleines, liebes Mütterchen.» Mir ist ein altes Lesebuch in die Hände gefallen. Auf dessen letzter Seite wird den Schulmädchen ihre künftige Aufgabe vorgegeben: eine treu sorgende Mutter zu sein. Aus dem Büchlein, schlicht «ABC» betitelt, spricht eine vom Krieg verschonte Nachkriegsschweiz.

Da wird in schöner Steinschrift eine Welt skizziert, die noch in Ordnung ist. Die Illustrationen zeigen Buben und Mädchen, die mit Reif und Leiterwagen spielen, Kühe, Hühner, Katzen, den Circus Knie – und wie sich verängstigte Kinder unterm Tisch verstecken vor «dem schwarzen Mann aus Mohrenland, mit Spiess und Bogen in der Hand».

Bänz Friedli
Bänz Friedli (51) lernt lesen.

Verfasst wurde der schmale Band 1949 von der kantonalen Fibelkommission, herausgegeben vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen. «Wie die Mädchen heissen: Anna, Berta, Ida, Lina, Rosa», steht darin. Lustig: Alte Namen wie Ida und Lina sind gerade wieder en vogue. Waren zuvor aber jahrzehntelang völlig passé. Dito bei den Buben: «Wie die Knaben heissen: Paul, Anton, Emil, Ernst, Jakob.» Kein Abdurrhaman, keine Svetlanka kommt vor, nicht mal ein Giovanni. «Wo wir daheim sind: Im Dorf, am Bach, bei der Kirche, auf dem Berg …» Hier geht es um weit mehr als darum, lesen zu lernen.

Dieses Büchlein vermittelt ein Weltbild. Man liest und staunt. «Was wir helfen können: Er kann Scheiter beigen. Sie kann Gemüse rüsten.» Man beachte, was er zu tun hat und was sie … «Der Vater geht in den Stall, in die Fabrik, in das Büro, ins Geschäft, in die Werkstatt. Die Mutter gibt uns allerlei: Milch und Brot, Wäsche und Kleider.»

Immer wieder wird die Rolle der Mutter zementiert als treu Sorgende am heimischen Herd. Die hiesige Bevölkerung war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht dezimiert wie in den Nachbarländern; davon, dass Frauen arbeiten gehen könnten, war keine Rede. Schon gar nicht davon, dass Väter daheim blieben.

Mir tun, im Nachhinein, die Buben leid, denen schon so früh klargemacht wurde, dass sie künftig in die Fabrik, den Stall, ins Büro gehörten. Ein vorgezeichneter, vorbestimmter Weg, für Knaben genauso wie für Mädchen. Erstaunlich, dass dies noch gar nich so lange her ist, bloss 67 Jahre.

Noch erstaunlicher ist eigentlich nur, in wie vielen Köpfen es sich bis heute strikt gehalten hat. Das vom «Mütterchen». Und das vom «schwarzen Mann aus Mohrenland».

Bänz Friedli live: 21., 22., 24. und 25. 9. Bern, 23. 9. Baar ZG

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli