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10. November 2014

SRF-Frau Barbara Lüthi: live aus China

Barbara Lüthi war am Schweizer Fernsehen über sieben Jahre lang das Gesicht aus China. Künftig berichtet sie über Südostasien und tritt beruflich etwas kürzer.

Barbara Lüthi live aus China
Insgesamt einen Monat pro Jahr verbrachte Lüthi in Peking im Stau. Einzige Lösung: Vehikel in der Art eines Kastenmofas. Die können sich durch den Verkehr schlängeln (Bilder: Alle Bilder im Text zVg).

Vermutlich ist Barbara Lüthi (41) einfach im falschen Land zur Welt gekommen. Seit sie vor 18 Jahren in Hongkong arbeitete und erstmals einen Fuss in das Land setzte, ist ihre Faszination für China ungebrochen. «China verändert sich ständig», sagt die Zürcherin begeistert, «das wirtschaftliche Wachstum und der politische Wandel sorgen für eine wahnsinnige Dynamik. Ich will das unbedingt miterleben.»

Sicherheitsbeamte stoppen die Korrespondentin bei Dreharbeiten vor einer Elektronikfabrik in Guangdong.
Sicherheitsbeamte stoppen die Korrespondentin bei Dreharbeiten vor einer Elektronikfabrik in Guangdong.

Nach siebeneinhalb Jahren als Korrespondentin des Schweizer Fernsehens sagt sie aber auch: «China fordert einen sehr. Sehr!» Wie abenteuerlich ihre Arbeit im Reich der Mitte war, erzählt die Journalistin in ihrem eben erschienenen Buch «Live aus China» ( erhältlich für 22.30 Franken bei Ex Libris ). Da waren TV-Berichte, für die sie wochenlang recherchierte, Interviewpartner suchte und dann in entlegene Ecken des Landes reiste, nur um zu erfahren, dass ein Parteisekretär die Reportage abgeblasen hatte. Es gab Bedrohung durch Behörden und halsbrecherische Fahrten auf der nebligen Autobahn. So mancher Bericht wurde tagsüber gedreht, abends im Hotelzimmer geschnitten und kurz vor der Schweizer «Tagesschau» über wacklige Internetverbindungen in die Schweiz geschickt. Für Schlaf und Erholung blieb kaum Zeit.

Ein Haus mit Garten in Hongkong ist der neue Lebensmittelpunkt

Lüthi mit Ehemann Tomas Etzler  in einer Drehpause in Shenzhen. Im Babybauch Sohn Dylan (heute 2)
Lüthi mit Ehemann Tomas Etzler in einer Drehpause in Shenzhen. Im Babybauch Sohn Dylan (heute 2).

Vor fünfeinhalb Jahren kam Tocher Lara zur Welt, vor etwas mehr als zwei Jahren Sohn Dylan – und das Leben in China wurde nicht einfacher. Barbara und ihr Mann Tomas – ebenfalls Journalist – hatten Lara stets auf Reportagen mitgenommen. «Mit zwei Kindern ging das nicht mehr», sagt Lüthi. Zu den organisatorischen Herausforderungen kamen die gesundheitlichen: Krebserregende Lebensmittel und Umweltverschmutzung waren plötzlich nicht mehr nur journalistische Themen. «Mehrmals hatten die Kleinen Atemwegsinfektionen wegen der schlechten Luft in Peking», sagt Barbara Lüthi.

Lüthi trifft in Hongkong im Oktober 2014 während der Regenschirm-Revolution Studenten.
Lüthi trifft in Hongkong im Oktober 2014 während der Regenschirm-Revolution Studenten.

Die Familie zog 2009 nach Hongkong, wo die Luft besser ist und die Bioläden tatsächlich Bio verkaufen. «Unsere Wohnung liegt in einem Haus mit Garten etwas ausserhalb des Stadtzentrums», sagt Lüthi, «vor dem Haus das Meer und hinter dem Haus der Regenwald.» Und einen Katzensprung entfernt die pulsierende Metropole mit dem internationalen Hub – perfekt für Lüthis regelmässige Arbeitsaufenthalte in Peking und ihre zukünftigen Reisen: Seit wenigen Monaten berichtet die Journalistin neu über Südostasien. Für eine sechsteilige Reportage über die «Old Burma Road» von Kunming nach Kalkutta ist sie schon am recherchieren, sie wird nächsten Sommer als DOK-Serie im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt.

Chinesische Erziehungsmethoden müssen dann doch nicht sein

Auf Bali geniesst Barbara Lüthi zur Zeit ihre Kinder Lara Uma (5) und Dylan Max (2).

Seit diesem Sommer lebt die Familie auf Bali. Ende Jahr geht es zurück nach Hongkong. Dann will Lüthi nicht mehr so viel arbeiten und so oft von zu Hause weg sein, wie es ihr China-Job verlangte. Sie will nur so viele Reportagen realisieren wie nötig und mehr für die Kinder da sein. «Sie sind das Beste, was ich je gemacht habe im Leben», sagt Lüthi, «ich will bei ihnen sein.» Wenn es um die Kindererziehung geht, hinterfragt sie ihre Wahlheimat kritisch. Das strenge chinesische «Tigermom»-Konzept, das auf Drill setzt, kommt für sie nicht in Frage.

Lüthi genügt das Strassenchinesisch nicht mehr

Ansonsten beobachtet die Mutter fasziniert, wie ihre Tochter zur Weltbürgerin heranwächst, die genau so gut Englisch wie Deutsch spricht. Beide Kinder werden in der German Swiss International School in Hongkong auch Mandarin lernen. Barbara Lüthi seufzt: «Ich selber hatte dafür in den letzten Jahren kaum Zeit.» Das soll sich nun ändern, sie will nicht nur Strassenchinesisch können, sondern auch chinesische Zeitungen und Literatur verstehen. Denn: «Ich bin diesem Land verbunden.» Und es hat sie geprägt. Demütiger sei sie geworden, sagt Lüthi, und toleranter. Sie habe Menschen gesehen, die sich mit den schwierigsten Gegebenheiten arrangieren. «Das hat mir bewusster gemacht, was wir haben.»

Für Wohlstandsprobleme fehlt heute das Verständnis

Deshalb hat sie manchmal Mühe, wenn sich jemand über Kleinigkeiten beklagt. Kürzlich sass im Flugzeug hinter ihr ein Mann, der sich beschwerte, weil an Bord kein Bordeaux-Wein erhätlich war. Lüthi, gerade zurück aus dem Katastrophengebiet von Tacloban, fragte den reklamierenden Fluggast, ob die Traubensorte wirklich wichtig sei. Umgehend habe sie sich für die Einmischung entschuldigt, sagt sie. Aber nicht, weil sie das Anliegen verstanden hätte, sondern nur, weil sie ihr Unverständnis normalerweise für sich behalte.

Autor: Yvette Hettinger