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20. Februar 2017

Von der Globalisierung ausgeknockt

Er ist 57 Jahre alt, gut qualifiziert und seit bald drei Jahren auf Jobsuche – ohne Erfolg. Wie Martin Hugentobler geht es vielen in der Schweiz. Die Globalisierung sei mit ein Grund für die Misere, meint der Maschinenbau-Experte.

Martin Hugentobler ist arbeitslos und unterdessen auch ausgesteuert.
Um Geld zu sparen, ist Hugentobler wieder zu seiner Mutter gezogen, ins Haus seiner Kindheit.

Martin Hugentobler* hat einen einfachen Wunsch: «Ich will meine Berufszeit in Würde beenden.» Er wird im Sommer 58 und würde gern wenigstens noch bis 62 oder 63 arbeiten. Doch er ist nun schon seit April 2014 auf Jobsuche – erfolglos.

Seit Frühling 2016 ist er ausgesteuert; damals gab er seine Wohnung auf und zog zu seiner 87-jährigen Mutter ins Haus seiner Kindheit im Kanton Schaffhausen. «Ich wollte Geld sparen, und wir haben uns immer gut verstanden. Sie hat sich auch echt gefreut.» Als sie kurz darauf zu kränkeln begann, war er für sie da und konnte sie unterstützen.

Hugentobler hat ein vielfältiges und erfolgreiches Berufsleben hinter sich. Er machte eine Lehre als Maschinenschlosser bei der SIG, wanderte mit 23 nach Südamerika aus und arbeitete dort für Schweizer Firmen. Er bildete sich weiter zum Betriebsökonomen, heiratete eine Südame­rikanerin, mit der er – wieder zurück in der Schweiz – drei Kinder grosszog. Er arbeitete als Key-Account-Leiter, Projekt-, Verkaufs- und Filialleiter und im Market Development für diverse global tätige Unternehmen der Maschinenindustrie.

Der starke Franken kostete ihn den Job

Schon als er mit 49 das letzte Mal eine neue Stelle suchen musste, dauerte es etwas, bis er einen Job als Verkaufsleiter fand. Das amerikanische Unternehmen, das mit Schweizer Know-how in der Schweiz hochspezialisierte Maschinen für die deutsche Autoindustrie herstellte, hatte jedoch ein grosses Klumpenrisiko: «Da war ein Kunde, der uns 80 Prozent unserer Produktion abnahm», sagt Hugentobler. Er versuchte, die Unternehmensleitung zu überzeugen, die Kundenbasis zu verbreitern. «Aber das hätte weitere Investitionen bedeutet, wozu sie nicht bereit waren.»

Wirtschaftliche Turbulenzen und der starke Franken führten 2014 dazu, dass der Grosskunde sich entschied, die Maschinen künftig bei einem anderen Unternehmen aus Deutschland zu beziehen, das günstiger produzierte. Viele Angestellte wurden entlassen, unter ihnen auch Martin Hugentobler.

Seither sucht er, intensiv und engagiert. Die Bemühungen des RAV empfand er als nicht sehr hilfreich, aber er konnte an einem Programm für qualifizierte Erwerbslose teilnehmen, das persönliche Weiterbildungen und Kurse anbietet. «Dort hat man meine Situation genau analysiert.»

Viele erfolglose Bewerbungen

Und tatsächlich führten einige seiner Bewerbungen auch zu Vorstellungsgesprächen, er kam sogar mehrmals in zweite oder gar dritte Runden. Nur die Stelle erhielt er nie. «Entweder fand sich plötzlich eine interne Lösung, oder jemand anderes passte besser.»

Hugentobler fokussierte auf die Maschinenindustrie, auf Jobs, die seinem bisherigen Level entsprachen oder sogar höher waren. «Dafür ist mein Alter nicht unbedingt ein Nachteil, aber irgendwie eben doch. Vermutlich würde es helfen, wenn ich erst 52 wäre.» Hinzu kommt, dass die Maschinenindustrie den Kräften der Globalisierung besonders stark ausgesetzt ist; auch der starke Franken hilft nicht. Anders als vor ein paar Jahren stellt sie derzeit nur zurückhaltend neue Leute ein. «Sie entwickelt sich immer in Zyklen, und im Moment herrscht eher Stagnation.»

Hugentobler hat es anfänglich auch in anderen Branchen oder mit Bewerbungen auf weniger anspruchsvolle Jobs versucht, aber dort wurde er nie je auch nur zu einem Gespräch eingeladen. Es hiess immer: überqualifiziert. «In der Schweiz ist es hoffnungslos, eine Stelle zu bekommen, wenn man nicht geradezu perfekt passt. Und Taxifahrer zu werden, ist für mich keine Option.»

Trotz allem gibt er sich grosse Mühe, Mut und Motivation nicht zu verlieren. Seine Mutter ist mittlerweile krankheitsbedingt in ein Altersheim umgezogen, wo er sie regelmässig besucht. Einmal pro Woche bildet er sich in Wirtschaftsvorlesungen an der Uni Zürich weiter. Zudem ist er in regelmässigem Kontakt mit seinen beiden Söhnen, die in Deutschland studieren, und seiner Tochter, die in Südamerika bei der inzwischen von ihm geschiedenen Frau lebt und kurz vor der Matura steht.

Hugentobler betont, dass er die Ausbildung seiner Kinder ohne staatliche Hilfe selbst ­finanziert hat – dank tiefer Studien­gebühren in Deutschland. Weil er nie besonders luxuriös gelebt und immer gespart hat, geht es ihm finanziell noch immer einigermassen gut. Er kann es sich auch leisten, Alimente zu bezahlen und seine Kinder weiterhin ein bisschen finanziell zu unterstützen. «Aber ich würde meiner Tochter gern ein Studium finanzieren, das dürfte ohne neuen Job schwierig werden.»

Enttäuscht über die MEI-Umsetzung

Obwohl Hugentobler politisch eher den Positionen der SP nahesteht, hat er die Masseneinwanderungsinitiative (MEI) der SVP vor drei Jahren unterstützt. Und ist nun enttäuscht, dass sie nicht wortgetreu umgesetzt wird. «Was jetzt geplant ist, wird für Leute in meiner Situation nicht viel ändern. Es wäre wichtig, dass wir die Einwanderung wieder stärker selbst steuern.» Auch wenn das für seine Jobsuche in der Maschinenindustrie nicht viel ändern würde: «Die leidet vor allem unter dem starken Franken.»

Doch vom unkontrollierten Personenwachstum würden nur die Reichen profitieren, sagt er: «Der Grossteil der Bevölkerung dagegen wird in die Armut abgedrängt und den extremen und populistischen Parteien zugetrieben. So wird der soziale Frieden zerstört.»

Auch würde er sich einen verbesserten Arbeitnehmerschutz für Ältere wünschen. «Aber da ist gar nichts in Sicht. Ich fühle mich betrogen und von meiner Regierung im Stich gelassen, insbesondere von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann.» Auch die meisten Parlamentarier verträten vor allem die Interessen mächtiger Wirtschaftsgruppen, findet er. «Und die SP-Politiker setzen sich zu wenig für die arbeitende Bevölkerung ein.»

Sorge vor der Altersarmut

Auch deshalb ist Hugentobler Mitglied beim Verband Avenir50plus, der sich für Arbeitslose über 50 engagiert. «Wir gehen auch regelmässig demonstrieren. Ich denke, es bleibt nichts anderes übrig, als mehr Druck aufzusetzen, damit wir endlich gehört werden.» Ansonsten drohe auch ihm die Altersarmut, befürchtet Hugentobler. Wegen seiner vielen Jahre im Ausland hat er nicht viel Geld in der Pensionskasse – er müsste von seiner schmalen AHV leben.

Ursprünglich hatte er sich vorgenommen, nur bis 2016 nach einer neuen Stelle zu suchen. Jetzt ist 2017, und er versucht es noch immer. «Aber ich überlege mir schon, meine Bemühungen zu reduzieren. Eigentlich würde ich gern mit einem Camper ein paar Monate durch Europa oder Südamerika reisen, vielleicht mache ich das dann einfach.» Es klingt weder trotzig noch resigniert, sondern vor ­allem unternehmungslustig. 

*Name der Redaktion bekannt

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Paolo Dutto