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30. November 2015

Von der Eulach an den Euphrat

Junge Leute aus dem Umfeld einer Winterthurer Moschee haben sich der Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien und im Irak angeschlossen. Wie sie radikalisiert wurden, ist ungeklärt. Eine Schlüsselrolle dürfte der inzwischen verstorbene Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi gespielt haben.

Der Deutsche Valdet Gashi war ein erfolgreicher Thaiboxer, ehe er sich dem IS anschloss. In Winterthur bot er Kampfsporttrainings für junge Muslime an. (Bild: Screenshot SRF)

Eins der letzten Bilder, das der 18-jährige Christian auf seinem Facebook-Profil gepostet hat, zeigt ihn mit grüner Sturmmaske und zwei Sturmgewehren im Anschlag.
Der junge Mann war, was der Schweizer Nachrichtendienst als «dschihadistisch motivierten Reisenden» bezeichnet – eine Person, ­die nach Syrien reist, um sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschliessen. Doch hinter dem technokratischen Begriff verbergen sich persönliche Dramen. Wie das um Christian. Der junge Winterthurer mit italienischen Wurzeln kehrte seiner Heimat im Februar dieses Jahres den Rücken. Inzwischen soll er tot sein, vermutlich wurde er Opfer eines US-Raketen-Angriffs.

Noch vor einem Jahr deutete nichts darauf hin, dass Christians Leben ein gewaltsames Ende finden würde. Der Teenager galt unter Freunden als sympathisch und lebenslustig. Er brachte gute Schulnoten nach Hause, spielte in der Freizeit Fussball. Der Lehrmeister war mit dem angehenden Polymechaniker zufrieden.

Der 18-jährige Christian aus Winterthur präsentiert sich auf Facebook 
in Kriegermontur
Plötzlich Dschihadist: Der 18-jährige Christian aus Winterthur präsentiert sich auf Facebook 
in Kriegermontur und -pose. (Bild: Screenshot SRF/Rundschau)

Dann, irgendwann im Herbst 2014, nach einer Sportverletzung und einigen Wochen Arbeitsunfähigkeit, war alles anders: Christian verkaufte seine Playstation und konvertierte zum Islam. Er besuchte fortan regelmässig die Moschee, betete fünfmal am Tag. Seine muslimischen Freunde waren zuerst begeistert vom neuen Glaubensbruder. Doch bald wandten sie sich von ihm ab. Er war ihnen fremd geworden, zu extrem. Christian brach die Lehre ab. Er liess sich einen Bart wachsen, hörte mit dem Trinken auf und vertrat immer radikalere Ansichten.
Der Vater, ein Katholik, stellte ­seinen Sohn schliesslich ­vor die Tür. Nach einigen Nächten im ­Hotel fand Christian Unterschlupf bei einer Person aus dem Umfeld der Moschee – und dann war er plötzlich weg, über die Türkei nach Syrien abgereist, wo er sich unter dem Namen Abdul Malik al-Itali dem IS anschloss.

Was bringt einen jungen Menschen dazu, von der sicheren Eulach an den brandgefährlichen Euphrat zu reisen? Kurt Pelda, Kriegsreporter und Träger des Schweizer Menschenrechtspreises, hält sich regelmässig in Syrien auf und hatte via Facebook Kontakt mit Christian. Er nennt mehrere Faktoren, die zu einer Radikalisierung führen können: Auffallend sei, dass es sich bei den jungen Dschihadreisenden oft um Schul- oder Lehrabbrecher handle, um «Nobodys, die von falschen Freunden Respekt erhalten, der ihnen sonst verwehrt bleibt». Die Manipulatoren trichterten ihnen ein, dass es ihre heilige Pflicht sei, den Muslimen in Syrien oder im Irak zu helfen. «Und dann spielt auch die Abenteuerlust eine Rolle. Die IS-Propaganda im Internet verfängt.»

«Erschreckendes Unwissen»

Es sei erschreckend, sagt Kurt Pelda, wie wenig diese Menschen über die tatsächliche Situation in Syrien oder im Irak wüssten. So staune er immer wieder über den «Schwachsinn», den die Möchtegern-Gotteskrieger in den sozialen Medien teilten: meistens Verschwörungstheorien, die eigentlich leicht zu durchschauen wären. Nur: «Oft sind die Leute intellektuell nicht dazu in der Lage», so Pelda. Hinzu kommt, dass es bequemer sei, im Netz nach einer Bestätigung der eigenen Ansichten zu suchen statt nach einem Widerspruch.

Einen Monat eher als Christian verschwand auch Valdet Gashi, 27-jährig, und bekanntester Dschihadreisender aus dem Umfeld der An’Nur-Moschee in Winterthur. Als zwei­facher Weltmeister im Thaiboxen war der Deutsche mit kosovarischen Wurzeln ein ­gefeierter Medienstar in Asien. Hier lernte er auch seine spätere Frau kennen.
Der zweifache Vater leitete in Winterthur muslimische Kampfsporttrainings, an denen auch Christian teilgenommen hatte. Nachdem die Medien Valdet Gashis Sympathien für den IS aufgedeckt hatten, brach er seine Projekte in Winterthur ab. Wie sein Zögling Christian soll er im Sommer bei einem amerikanischen Luftangriff in Syrien ums Leben gekommen sein.

Rund ein halbes Dutzend junger Menschen ist von Winterthur aus in Richtung Wüste aufgebrochen, um den IS zu unterstützen. Auf deren Schicksale konzentriert sich die derzeitige Berichterstattung. Umstritten ist, ob es in Winterthur eine IS-Zelle gibt. Kurt Pelda ist von deren Existenz überzeugt und moniert, dass der Staat zu wenig dagegen unternehme. «Das ist Panikmache», widerspricht Extremismusexperte Samuel Althof: Wer ohne Beweise Gerüchte kol­portiere, vergrössere die Angst und Verun­sicherung in der Bevölkerung. «Das ist kontra­produktiv im Kampf gegen den Ter­rorismus.» Seit den Terror­anschlägen vom ­­ 13. November in Paris verzeichnet Althof als Leiter der Fachstelle Extremismus- und Gewaltprävention einen leichten Anstieg bei entsprechenden Anfragen. Ein Berufsschullehrer etwa suchte Rat, nachdem ein Schüler im Unterricht damit geprahlt hatte, wie toll er die Anschläge von Paris fände. «Ein dummer Spruch, um bei den Kollegen zu punkten», sagt Althof.

Doch wann ist die Sorge berechtigt? Wenn sich jemand abschotte, sein soziales Umfeld austausche und Beziehungen beende, so Althof, oder wenn sich jemand äusserlich verändere, sich einen Bart wachsen lasse und plötzlich Gewalt gutheisse. «Aber selbst dann bedeutet das noch lange nicht, dass eine Person auf dem Weg zum IS ist.» Falls der Verdacht begründet sei, müsse man mit den Betroffenen intensiv das Gespräch suchen und deren Umfeld ausleuchten.
Den grössten Fehler, den man machen könne, sei ein Ausschluss. Also genau das, was Christian widerfahren ist, als er vom Vater rausgeworfen wurde. «Das ist die tiefste und am stärksten chronifizierbare Verletzung, die man einer Tochter oder einem Sohn zufügen kann», sagt Samuel Althof, «dann kann alles verloren sein.» Sein Tipp: auf keinen Fall die elterlich liebende Position aufgeben, sondern die eigenen Werte weitergeben, damit eine Person keinen Grund hat, abzureisen.

Teenager auf Abwegen

Nichts von ihren Plänen abhalten konnte das Geschwisterpaar Visar (17) und Edita (15) aus Winterthur. Beide besuchten die Moscheen in Winterthur und Embrach; auch Visar nahm an Gashis Trainings teil. Im Winter vor einem Jahr schmiss er das KV und seine Schwester die Schule, um sich in Syrien dem IS anzuschliessen. Die Suche des Vaters nach den Kindern verlief bisher erfolglos. Es heisst, die Teenager hielten sich im syrischen Rakka auf, Edita sei inzwischen verheiratet.

Neben Christian, Gashi, Visar und Edita sind drei weitere Personen bekannt, die zuerst in Winterthur gebetet und später Kontakte zum IS aufgebaut haben. Der dortige Moscheeverein lässt aber über diverse Medien verlauten: «Damit haben wir nichts zu tun.» In einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sagte der Präsident: «Valdet Gashi steckt hinter allem.»

Es sei nicht primär die Gewalt, die auf Jugendliche anziehend wirke, sagt Kriegsreporter Kurt Pelda. Am Anfang hätten Dschihadreisende vermutlich den aufrichtigen Wunsch zu helfen, als Sanitäter oder Journalisten etwa. Die Motive, nach Syrien oder in den Irak zu reisen, seien also nicht unbedingt böse. «Dass sie dann etwas anderes machen müssen, lernen sie in der Regel erst vor Ort. Doch dann ist es zu spät.»  

Autor: Peter Aeschlimann