Archiv
10. Oktober 2016

Von den Fesseln der Freikirche befreit

Roni Baerg ist bei Mennoniten in Paraguay aufgewachsen. Mit 25 floh sie in die Schweiz, nachdem sie von ihrem Ehemann misshandelt worden war. Frauen mit eigenem Willen seien eine Bedrohung für die Freikirche, sagt die heute 43-Jährige. Ihre Erfahrungen hat sie in einem Buch verarbeitet.

Autorin Roni Baerg
«Ich hätte das nicht überlebt», sagt Roni Baerg über ihre Zeit bei den paraguayischen Mennoniten.

Am 9. Juni 1998 begann das zweite Leben von Roni Baerg. Die damals 25-Jährige flüchtete von Paraguay via Brasilien in die Schweiz. Um ihr Heimatland ohne Spuren zu verlassen, stieg sie nicht schon in Paraguay ins Flugzeug, sondern überquerte die Grenze ins Nachbarland Brasilien auf dem Landweg – zu gross war ihre Angst, auf der Passagierliste entdeckt und aufgehalten zu werden.

Roni Baerg (43) ist in einer Mennonitenkolonie im Westen von Paraguay aufgewachsen. Die Mennoniten sind eine evangelische Freikirche, die auf die Reformation zurückgeht. Die Mitglieder der Gemeinschaft gelten als sehr arbeitsam und haben es in Paraguay zu beträchtlichem Wohlstand und Einfluss gebracht.

Unverrückbare Dogmen

Die Gruppe ist weltweit aktiv. Anders als etwa die Amish in Nordamerika bedienen sich die Mennoniten durchaus moderner Technologie: Sie fahren Auto, schauen TV und tragen modische Kleidung. Aber es gibt auch unverrückbare Dogmen: kein Sex vor der Ehe sowie Gehorsam gegenüber dem Herrn im Himmel und dem Mann im Haus.

Zwar lässt die Gemeinschaft ihren Mitgliedern bei der Partnerwahl eine gewisse Freiheit. Die Ehe, die Roni Baerg im Alter von 19 Jahren einging, war aber dennoch keine Liebesheirat. Die junge Frau wollte Kunst studieren. Ihr künftiger Ehemann sicherte ihr zu, dass er sie unterstützen würde.

«Ich war eine Gefahr, weil ich das System infrage stellte.»

Der Sohn eines Predigers blieb jedoch nicht der verständnisvolle Partner, den sie sich erhofft hatte: Jakob forderte jeden Tag sein Recht auf Sex ein, verursachte ihr dabei Schmerzen, schrieb ihr vor, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu verhalten hatte, und drohte ihr zuletzt, sie umzubringen oder in eine psychiatrische Klinik einzuweisen.

«Ich hätte das nicht überlebt», sagt Baerg, die während ihrer Ehe magersüchtig wurde. «In der Klinik hätte man nicht versucht, die Ursache für ihre Essstörung zu finden und ihr aus ihrer schlimmen Situation herauszuhelfen. Man hätte alles daran gesetzt, mich auf den rechten Weg zu bringen – mich zu einer gefügigen Ehefrau zu machen.» Frauen mit eigenem Willen seien für die mennonitische Gemeinschaft eine Bedrohung: «Ich war eine Gefahr, weil ich das System infrage stellte.»

Zum Zeitpunkt der Flucht war sie 58 Kilo schwer, bei 176 Zentimeter Grösse. Während ihrer Ehe hat sie drei Kinder verloren, zwei davon hat sie heimlich abgetrieben. Eins, weil es vielleicht von einem anderen Mann war und der Ehe-bruch mit der Geburt offensichtlich geworden wäre. Das zweite, weil sie zu jenem Zeitpunkt bereits ihre Flucht plante.

Von der Familie verstossen

Die Freikirche reagierte heftig auf ihren Austritt aus der Gemeinschaft: Ihre Mutter und die Mehrheit ihrer Geschwister wandten sich von ihr ab. Ein Bruder und ihr Exmann sorgten dafür, dass sie später mit der Scheidung jeglichen Besitz verlor. Sie hofften, die Abtrünnige so gefügig zu machen.

Dass Roni Baerg damals in der Schweiz landete, war Zufall. Sie lernte in ihrem letzten Ehejahr ein Schweizer Paar kennen. Die beiden erkannten die Not der jungen Frau und organisierten Flug und Visum. In der Schweiz hielt sie sich mit Gelegenheitsjobs im Gastgewerbe über Wasser und begann eine Weiterbildung in Kunsttherapie.

Sie hatte jedoch keine Arbeitsbewilligung und musste stets befürchten, entdeckt und ausgewiesen zu werden. Um sich die Migrationsbehörde vom Leib zu halten, ging die Südamerikanerin eine zweite Ehe mit einem Westschweizer ein. Dieser war Alkoholiker und schlug sie, wenn er betrunken war. Erst dank der Begegnung mit Bruno (48), ihrem dritten Mann, konnte sie sich aus dieser unglücklichen Verbindung lösen.

Loslassen und verzeihen

Heute lebt Roni Baerg gemeinsam mit ihm und ihrem zweijährigen Hund Maeva in Burg AG. Sie sagt in fast lupenreinem Schweizerdeutsch von sich: «Ich bin angekommen.» Endlich habe sie die Roni gefunden, die sie immer gesucht habe. Weder ihr Akzent noch ihr Äusseres weisen auf ihre südamerikanischen Wurzeln hin. Gross und blond, wie sie ist, könnte Roni Baerg auch in der Schweiz geboren worden sein. Ihre Vorfahren waren Russlanddeutsche, und in der Gemeinschaft sprach sie Plattdeutsch.

Rund ein Dutzend Mal reiste Roni Baerg in den vergangenen 18 Jahren zurück nach Paraguay. Immer wieder konfrontierte sie sich mit der Vergangenheit, um sich frei für die Zukunft zu machen. Nun hat sie ihre Geschichte in einem Buch verarbeitet, «um nicht am Verlust der Heimat und dem Erfahren von Gewalt zu verbittern». Die über 600 Seiten starke Autobiografie erscheint Ende Monat. Neben der Suche nach Selbstbestimmung handelt sie vor allem vom Loslassen und Verzeihen.

Die ehemalige Mennonitin hat sich mit ihrem Schicksal versöhnt. Sie betont jedoch: «Es ist keine Versöhnung im christlichen Sinn.» Damit wolle sie nichts mehr zu tun haben, auch wenn sie nach wie vor an Gott glaube. «Aber mein Gott schickt niemanden in die Hölle: Er ist eine abstrakte, positive Kraft, die stark und selbstbewusst macht – und mich im Leben weitergehen lässt.»

Roni Baerg: «Mit den Wolken fliegen. Bericht aus einem fernen Leben», Zytglogge Verlag Basel, 2016, 672 Seiten, Fr. 36.–; erhältlich bei Ex Libris, www.exlibris.ch

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Sophie Stieger, Beat Schweizer