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08. April 2013

Von Bond bis Eugen

Agent 007, der Lausbub Eugen und viele andere Filmfiguren waren in den Gassen der Stadt Bern unterwegs. Auf einer 90-minütigen Führung durch die Altstadt erkundet man etliche Drehorte und erfährt die eine oder andere Filmanekdote.

Die Altstadt von Bern von oben
Die Altstadt von Bern in der Aare-Schlaufe trägt das Prädikat Unesco-Welterbe. Die idyllischen Gassen mit den Laubengängen sind eine beliebte Filmkulisse.

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Wussten Sie, dass sich James Bond von einem Ort zum anderen «beamen» kann? Oder wissen Sie, warum sich der dänische Regisseur und Oscar-Preisträger Bille August in unserer Hauptstadt kürzlich als Wettergott aufgespielt hat? Und wie kam es, dass in der Berner Postgasse zwei Buben am Seil eines Krans zehn Meter über dem Kopfsteinpflaster baumelten? Auf unserem Stadtrundgang durch Bern werden wir die Antworten erhalten. Mit 90 Minuten hat der Spaziergang genau Spielfilmlänge, und wie es sich für eine Führung gehört, die sich «Von Hollywood bis Bollywood» nennt, kriegen die Teilnehmer ein Säckchen Popcorn mit auf den Weg.

Nume nid gsprängt – auf der Fährte der Filmgrössen ist man gemächlich unterwegs.
Nume nid gsprängt – auf der Fährte der Filmgrössen ist man gemächlich unterwegs.

Der Stadtrundgang wird uns zu vielen Drehorten von Filmen führen, die — zumindest zum Teil — hier in Bern gedreht worden sind. Den ersten erreichen wir bereits nach wenigen Schritten, direkt vis-à-vis dem Hauptbahnhof. Stadtführerin Therese Günter (62) lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Gebäude mit der in Stein gemeisselten Aufschrift «Genfer Lebensversicherungs-Gesellschaft». In dieses Haus sieht man James Bond im Film «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» von 1969 verschwinden. In der nächsten Einstellung steht 007 auf einem Balkon des Hotels «Schweizerhof», das auf der anderen Strassenseite liegt, Bond wurde also kurzerhand dorthin «gebeamt».

Ein Däne liess es in Bern regnen

Szene aus dem Film «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» mit Diana Rigg und George Lazenby. (Bild: United Archives/IFTN)
Szene aus dem Film «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» mit Diana Rigg und George Lazenby. (Bild: United Archives/IFTN)

Therese Günter erzählt ausserdem, dass sie und ihre Gymnasiumklasse beim Bond-Film als Statisten mitwirken durften. «Je 50 Franken haben wir dafür erhalten — für uns unglaublich viel, damals.» Im Film habe man sie schliesslich aber gar nie gesehen.

Während wir auf dem Bundeshausplatz stehen, drückt die Sonne immer mehr durch die dünne Wolkendecke. Hier sind wir beim Drehort für den Film «Der grosse Kater» von 2010. Die Hauptrolle des Schweizer Bundespräsidenten wurde von Bruno Ganz gespielt. Dieser habe, nach eigenen Aussagen, «grossen Respekt vor der Atmosphäre im Bundeshaus gehabt», weiss Therese Günter zu berichten.

Auf dem Weg zum Bundeshaus – Schauplatz des Films «Der grosse Kater» mit Bruno Ganz.
Auf dem Weg zum Bundeshaus – Schauplatz des Films «Der grosse Kater» mit Bruno Ganz.

Dann spazieren wir weiter zur Kirchenfeldbrücke, die sich hoch über die Aare spannt. Von hier haben wir freien Blick bis zu Eiger, Mönch und Jungfrau. Eitel Sonnenschein herrschte hier, als eine Szene für den Film «Nachtzug nach Lissabon» gedreht wurde — sehr zum Missfallen der internationalen Filmcrew. Denn dieser wurde gesagt, dass es im Frühling in Bern sowieso meist regne. Und für die Szene, in der Hollywood-Star Jeremy Irons als Berner Lateinlehrer eine Frau vor dem Sprung von der Brücke bewahren sollte, hätte es eigentlich stürmen und regnen sollen. Dem dänischen Regisseur Bille August blieb nichts anderes übrig, als es selbst regnen zu lassen. In Windeseile wurde also ein Rasensprenger organisiert. «Im Film ist also auch das Wetter manchmal nur Schein», so das Fazit der Stadtführerin. Der Film mit internationaler Starbesetzung läuft derzeit in den Kinos.

Auch auf dem benachbarten Casinoplatz haben sich schon Stars getummelt — wenn auch solche, die «nur» in Bollywood bekannt sind. Die gigantische indische Filmindustrie liebt eben nicht nur den Titlis oder das Berner Oberland, sondern auch die malerischen Gassen der Berner Altstadt. Die Tourismusindustrie freuts: Die Filme sind beste Werbung und bringen der Stadt viele Gäste aus Indien.

Ein Hollywood-Star mit Berner Adresse

Nun flanieren wir wieder hinüber zu den für Bern so typischen Gassen: lauschiges Ambiente, kopfsteingepflasterte Strässchen, links und rechts Häuserreihen mit schön erhaltenen Sandsteinfassaden und Laubengängen. Kein Wunder, gehört Berns Altstadt zum Unesco-Welterbe. Am Rathausplatz, wo wir jetzt stehen, radelt Walo Lüönd als Stadtberner Original «Dällebach Kari» im Film von 1970 vorbei. Er ist auf dem Weg in die Beiz und lädt unterwegs noch zwei Kumpels auf, einen auf dem Gepäckträger, den anderen auf der Lenkstange. Das sieht ein Polizist und will Kari zurechtweisen: «He, Kari …» Dieser fällt dem Polizisten ins Wort: «Nüt da — ha kä Platz me.» Während Therese Günter diese Anekdote erzählt, zeigt sie auf dem iPad Fotos der Filmszenen.

Wie im Kino: Popcorn zur Verpflegung.
Wie im Kino: Popcorn zur 
Verpflegung.

Das iPad kommt einige Meter weiter unten in der idyllischen Postgasse nochmals zum Einsatz. Hier wohnten die Lausbuben Eugen, Wrigley, Bäschteli und Eduard im Film «Mein Name ist Eugen». Therese Günter präsentiert ein Bild der Dreharbeiten: Zwei Jungs, die vom Dach hängen, ein dritter, der sie vor dem Sturz bewahren will — alle am Seil eines grossen Krans gesichert. Die meisten Filmszenen, die in Bern spielen, würden hier in der Altstadt gedreht, sagt die Stadtführerin. «Hier herrscht halt die speziellste Atmosphäre.» Das fand wohl auch der «Shakespeare in Love»-Hauptdarsteller Joseph Fiennes (42). Der Hollywood-Star, der mit dem Berner Model María Dolores Diéguez (31) verheiratet ist, soll nämlich einige Zeit hier an der Postgasse gewohnt haben. Die Popcorn-Säckchen sind mittlerweile leer, die Tour zu Ende. Was nicht heisst, dass wir sofort die Altstadt verlassen — genau so, wie es einige gibt, die nach einem guten Film gerne noch etwas im Kinosaal sitzen bleiben.

(Karte: WSGrafik)

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Simon Iannelli