Archiv
03. Juni 2013

Von Bienen und Menschen

Ibrahim Gezer hat wegen des Konflikts zwischen Kurden und Türken mehrere Familienmitglieder verloren. Halt gaben ihm einzig seine Bienen. Das Leben des türkischen Kurden steht im Zentrum des neuen, preisgekrönten Dokumentarfilms «Der Imker».

Ibrahim Gezer 
zeigt seinem Enkel Robin, was ein Imker alles können muss.
Ibrahim Gezer 
zeigt seinem Enkel Robin, was ein Imker alles können muss.

Sobald das Gespräch auf seine verstorbene Frau oder seine beiden getöteten Kinder kommt, fliessen die Tränen. Ibrahim Gezer (67) nestelt in seiner Jackentasche, zieht ein Stofftaschentuch heraus und wischt sich die Augen unter der Brille. Gleichzeitig antwortet er auf die Frage mit rauer, aber klarer Stimme. Er spricht kurdisch, Mano Khalil (49) übersetzt für ihn. Khalil, Regisseur des neuen Dokumentarfilms «Der Imker», und Gezer, sein Protagonist, sind enge Freunde geworden. Der Filmemacher ist daran gewöhnt, dass sein Hauptdarsteller bei diesen Themen emotional wird, das war auch während der Dreharbeiten so.

TAUWETTER DANK WAHL, SYRIEN UND IRAK
Lesen Sie ausserdem: Zwei von Ibrahim Gezers Kindern wurden beim Kampf gegen die Unterdrückung der Kurden in der Türkei getötet. Worum es im Kurdenkonflikt geht und warum die Chancen auf einen Friedensprozess heute so gut stehen wie noch nie. Zum Artikel .

Ibrahim Gezer
Ibrahim Gezer

Ibrahim Gezer hätte allen Grund, pausenlos über das Leid zu klagen, das er in seinem Leben erfahren hat. Und dennoch sind diese Momente der Trauer selten — im Gespräch ebenso wie im Film. Ganz besonders blüht der alte Mann auf, als wir nach dem Gespräch zu seinen Bienen fahren, die am Rande des Basler Vororts Riehen fleissig vor sich hinsummen. Bei den mehreren Dutzend Bienenvölkern ist er in seinem Element; sie sind es auch, die seine schwierige Vergangenheit in den türkischen Kurdengebieten mit seiner friedlichen Gegenwart in der Schweiz verbinden.

Bis Anfang der 90er-Jahre war Gezer ein glücklicher Mann. Er lebte in einem Dorf in den kurdischen Bergen mit seiner Frau und elf Kindern. 500 Bienenstöcke und der daraus gewonnene Honig sorgten für einen moderaten Wohlstand; die hohe Kinderzahl bürgte für eine sichere Zukunft und eine gute Altersvorsorge. Aus der Politik hielt er sich raus, aber schliesslich erreichte der bewaffnete Konflikt zwischen Kurden und Türken auch seine abgelegene Gegend. Tochter Elifa trat 1993 der PKK bei, jener Gruppe, die mit Gewalt gegen die Unterdrückung der Kurden in der Türkei kämpft. Sie wurde bald darauf getötet und Gezer verhaftet. «Sie haben mich gefoltert und verlangt, dass ich ihr Spitzel werde», sagt Gezer. Er lehnte ab, doch der Preis dafür war hoch: Er und seine Familie verloren alles. Sie wurden regelmässig schikaniert, seine Fahrzeuge beschlagnahmt, seine Bienen getötet. Gezers Leben war akut bedroht, er flüchtete. Während sieben Jahren lebte er mit gefälschten Ausweisen, versteckte sich mal in den Bergen, mal bei Freunden, immer getrennt von seiner Familie. «Auch türkische Familien haben mir geholfen», betont er. «Dieser Konflikt besteht nicht zwischen den Menschen, er wird uns aufgezwungen.»

Seine Frau blieb mit den Kindern zurück. Ein weiterer Sohn, Ali, trat der PKK bei, derweil die Familie ins anonyme Istanbul zog. Dort wurden zwei weitere Söhne verhaftet unter dem Verdacht, sie seien Mitglieder der PKK. Schliesslich hielt es die Mutter nicht mehr aus und stürzte sich aus Verzweiflung aus dem Fenster des Wohnhauses in den Tod.

Fast die ganze Familie ist in die Schweiz geflüchtet

Zwei Söhnen gelang die Flucht nach Grossbritannien, weitere sieben Kinder schafften es im Jahr 2000, im Laufe von mehreren Monaten nach und nach in die Schweiz zu fliehen, indem sie via Schweizer Botschaft Asylanträge stellten — was heute nicht mehr möglich wäre. Noch im gleichen Jahr holten sie ihren Vater nach. Dieser lebt heute von einer bescheidenen Rente in einer kleinen Wohnung oberhalb eines Lokals in Laufen BL. Seine sieben Kinder und zehn Enkel sind alle in der Nähe. «Aber sie haben ihr eigenes Leben», sagt Gezer. «Ich bin allein.» Für einen Kurden in seinem Alter sei dies kein leichtes Schicksal, fügt Mano Khalil an.

«Ich bin glücklich. Wenn ich einmal sterbe, lebt meine Geschichte weiter.»

Der syrische Kurde, der 1996 ebenfalls als Flüchtling in die Schweiz kam, mittlerweile aber eingebürgert und als Regisseur etabliert ist, hat Ibrahim Gezer und seine Bienen 2009 über einen Freund in Bern entdeckt. Vier Jahre lang hat er den Imker mit der Kamera begleitet. «Zu Beginn dachte Ibrahim, ich wolle einen Film über seine Bienen machen. Wann immer ich Fragen über sein Leben stellte, blockte er ab», erzählt Khalil. «Wir machten dann ein halbes Jahr Pause mit der Kamera, aber blieben in Kontakt.» Nach und nach entstand eine Freundschaft zwischen dem introvertierten Bienenzüchter und dem extrovertierten Regisseur, und Gezer rang sich dazu durch, Khalil zu erlauben, seine Geschichte zu erzählen.

Stoisch arbeitet sich der Imker durch die Mühlen der Bürokratie

Der Film streift die Vergangenheit jedoch nur am Rande. Er erzählt von Gezers Leben in der Schweiz, vom Umgang mit den Behörden, von den Menschen hier, die Gezer nahe stehen, und natürlich von seinen Bienen. Der rote Faden ist Gezers Versuch zu beweisen, dass sein Alter auf seinem Schweizer Ausweis um fünf Jahre zu jung angegeben ist — er also eigentlich bereits 65 und somit nicht mehr verpflichtet wäre, die ihm vom Sozialamt zugewiesene öde Hilfsarbeit in einer Fabrik zu verrichten. Er will raus, zu seinen Bienen.

Stoisch, beharrlich, jederzeit freundlich und verständnisvoll arbeitet er sich durch die Mühlen der Bürokratie, bis er sein Ziel erreicht hat. Eine Stärke des Films ist es, dass auch die Behördenvertreter durchaus sympathisch und menschlich rüberkommen. Am Ende des Films dominieren beim Zuschauer optimistische Gefühle, trotz Gezers tragischer Familiengeschichte.

Die Bienen von Ibrahim Gezer
Die Bienen von Ibrahim Gezer

«Ich wollte eine erfreuliche Asylgeschichte erzählen», sagt Khalil. «Meine eigenen Erfahrungen waren schliesslich auch positiv. Natürlich ist mir bewusst, dass es auch viel Negatives zu erzählen gäbe, aber ich empfinde der Schweiz gegenüber grosse Dankbarkeit für das, was sie mir ermöglicht hat.» Ibrahim Gezer sieht das genauso. Und er ist sehr zufrieden mit dem Film, auch wenn seine Vergangenheit mit dem Medium nur unzureichend vermittelt werden kann. «Ich bin glücklich. Wenn ich einmal sterbe, lebt meine Geschichte weiter und geht nicht mit mir ins Grab.»

Laut Khalil hatte das Filmprojekt auch eine gewisse therapeutische Wirkung auf Gezer und seine Familie. «Ihre Beziehung ist dadurch enger geworden, die Kinder sehen ihren Vater in einem neuen Licht, sie sind jetzt stolz auf ihn.» Erstaunlich ist, wie viele sehr persönliche Momente Khalil mit seiner Kamera einfangen konnte. «Das sind fast alles spontane und natürliche Szenen», versichert der Regisseur. «Da ist nichts gestellt. Ich war einfach pausenlos bei ihm mit meiner Kamera.»

Mit der Zeit gewöhnte sich Gezer so sehr daran, dass er sie gar nicht mehr wahrnahm. Das Publikum erlebt sogar seine stille Trauer mit, als er eines Morgens in einer kurdischen Zeitung unter den Bildern der Gefallenen seinen Sohn Ali entdeckt. Etwas, das er lange befürchtet hat, und das nun eingetreten ist. «Das war auch für mich sehr schwierig», sagt Khalil. Dieser hatte die Zeitung bereits gesehen und wusste schon Bescheid, als Gezer sie vor der Kamera zu lesen begann. «Ich kämpfte selber mit den Tränen und musste mehrmals aus dem Raum gehen, damit er es nicht merkt.» Dass so viele persönliche Szenen von ihm nun auf den Leinwänden der ganzen Schweiz zu sehen sind, macht Ibrahim Gezer aber nichts aus. «Was geschehen ist, ist ja schon vorbei. Im Kino sieht man nur ein Bild davon. Wichtig ist mir, dass die Menschen erfahren, was mir passiert ist, dass diese Geschichte erzählt wird, denn viele andere haben Ähnliches erlebt.»

Gezer wünscht sich für die Türkei das friedliche Leben der Schweiz

Gezer findet an der Schweiz bemerkenswert, dass so viele verschiedene Menschen trotz unterschiedlicher Kulturen und Sprachen friedlich zusammenleben können. Genau das, was er sich für seine alte Heimat wünscht. Ausserdem habe die Schweiz sein Leben und das seiner Familie gerettet, dafür werde er immer dankbar sein. Und hier kann er sich nun auch wieder um seine geliebten Bienen kümmern, 70 bis 80 Völker sind es insgesamt. Geld verdient er aber heute nicht mehr damit. Der Honig ist nur für den Eigenbedarf der Familie; was übrig bleibt, verschenkt er.

Doch obwohl er sich in der Schweiz wohlfühlt, fehlt ihm seine Heimat. «Wenn man einen alten, kräftigen, fruchtbaren Baum aus dem Boden reisst und woanders neu einpflanzt, wird er nie mehr so stark sein und so schöne Blätter und Blüten haben wie vorher», sagt Gezer. Falls das aktuelle Tauwetter zwischen Türken und Kurden anhält und gar zu einem permanenten Frieden führen sollte, kann er sich deshalb gut vorstellen, seine kurdischen Berge zumindest wieder einmal besuchen zu gehen.

Fotograf: Basile Bornand