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06. Juni 2016

Von anderen Männern sexuell missbraucht

Sexuelle Übergriffe an Männern sind noch immer ein grosses Tabu. Hier erzählen zwei Männer, was ihnen passiert ist und wie sie damit fertiggeworden sind. Das Besondere: Auch die Täter waren hier Männer. Und: Der Migros-Magazin-Artikel mit Gewaltopfern von Frauen («Verspottet, geschlagen, missbraucht») und das Gespräch mit dem Experten des Männerhauses Zwüschehalts («Wenn Männer Schutz brauchen»).

Missbrauchsopfer
Wenn Jugendliche Opfer sexuellen Missbrauchs werden, bleiben sie oft verzweifelt und allein. (Bild: Getty Images)


Der Täter war der beste Freund

Sandro Gilgen* (47) wurde mit 12 Jahren von seinem einzigen Freund sexuell ausgenutzt

Was genau ist passiert?
«Es war ein sogenannter sanfter Missbrauch. Er hat meine Abhängigkeit zu ihm ausgenutzt. Als Kind war ich ein Einzelgänger, er war mein einziger Freund, und ich war ihm hörig. Er war aufgeklärt, ich überhaupt nicht. Darum konnte er meine Unwissenheit nutzen, damit ich ihm sexuell zu Diensten war. Er hat gesagt, was er will, und ich habe es gemacht. Er hat mich als sein persönliches Sexspielzeug missbraucht – entweder, wenn er zu mir in die Ferien kam, oder bei sich zu Hause, vereinzelt auch im Freien und in der Badi.»

Gab es in Ihrem Umfeld Menschen, denen Sie sich anvertraut haben?
«Meiner Mutter. Und das war ein Fehler. Sie hat mir nicht geglaubt. Obschon ich ihr die Tragweite erklärte, war es für sie nicht so schlimm, ja quasi normal, was ich erlebte. Sie erzählte dann alles meinem Vater, zu dem ich lange ein schwieriges Verhältnis hatte. Ebenfalls erzählt habe ich es einer Freundin, die Ähnliches erlebt hatte. Sie hat mich an die ersten Fachpersonen verwiesen. Aber erst beim vierten Anlauf fand ich jemanden, bei dem ich andocken konnte.»

Welche Folgen hatte das alles für Sie?
«Ich bin hochsensibel geworden. Berührungen und die Nähe meiner Frau sind teilweise nicht sehr einfach, weil ich sehr schreckhaft bin und manchmal zurückweiche. Wir haben aber einen Weg gefunden, Zärtlichkeit und Intimität zuzulassen. Ich muss auch aufpassen, dass ich mich nicht freiwillig in die Opferrolle begebe. Manchmal ist es schwierig, die Balance zwischen selbstsicherem Auftreten und sinnvoller Zurückhaltung zu finden. Ausserdem habe ich einen sehr empfindlichen Gerechtigkeitssinn entwickelt. Wenn ich merke, dass jemand leidet oder von jemandem Unrecht erfährt, tut mir das weh. Ich setze mich für andere Opfer ein.»

Wo stehen Sie heute im Verarbeitungsprozess?
«Die Ereignisse beeinflussen mich heute nicht mehr direkt, und ich habe durch sie keine Einbusse an Lebensqualität. Ich könnte dem Täter heute gegenübertreten, ohne ihm an die Gurgel zu gehen. Der Missbrauch ist zwar ein Teil meines Lebens, aber er ist Vergangenheit und hat keine Macht mehr über mich. Geholfen hat mir dabei auch mein Glaube. Der Weg dorthin war allerdings schwer, es brauchte zig Therapieversuche, einen professionellen Seelsorger und nicht zuletzt meine verständnisvolle Frau.»

Von einem Fremden aufgegabelt und vergewaltigt

Marco Schäfer* (52) wusste schon mit 12, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Doch als er sich an einem Schwulentreff mitnehmen liess, wurde er mit Waffengewalt zu Sex gezwungen.

Was genau ist passiert?
«Ich war frühreif, wusste schon mit 12, dass ich mich zu Männern hingezogen fühlte. Durch die wöchentlichen Chorproben in Aarau, war es einfach für mich, bekannten Schwulentreffs wie das Bahnhofs-WC aufzusuchen. Ich machte mir nicht viele Gedanken, war naiv und glaubte, dass mir nichts passieren konnte, da ich ja minderjährig, war.

Im Juni 1977, mit 13 Jahren, war ich wieder mal in Aarau und auf der Suche nach einem Mann, der mir Gefühle gab, behutsam war. Einfach, um es schön zu haben. Im Bahnhofs-Klo wurde ich von einem Italiener umgarnt, ging schliesslich mit ihm und stieg in seinen Wagen. Die Fahrt verlief ruhig, aber ich hatte keine Ahnung, wohin er fährt. Es wurde immer ländlicher, bis wir in einem dunklen Wald landeten. Mir war nicht mehr so wohl bei der Sache. Ich wusste nicht, wo ich war, und durfte auch nicht allzu spät zu Hause sein, um heiklen Fragen aus dem Weg zu gehen.

Er befahl mir, mich völlig auszuziehen. Ich weigerte mich, sagte ihm auch, dass ich mich in der Situation nicht wohlfühlte. Da nahm er ein Küchenmesser aus der Seitentasche der Türe, hielt es mir vor die Nase und meinte mit einem fiesen Grinsen: Und jetzt? Ich gehorchte. Er stellte den Liegesitz ein. Und als ich nackt vor ihm lag, öffnete er seine Hose, nahm den Penis heraus, klappte meine Beine hoch und drang in mich ein. Unsagbare Schmerzen. Erst schrie und weinte ich, dann lag ich da wie tot und liess ihn gewähren. Es war die Hölle. Die Schmerzen, sein alkoholgetränkter Atem. Das Gestöhne, die ganzen Bewegungen. Ich dachte, ich müsse mich übergeben. Nach einer gefühlten Ewigkeit war er fertig, zog sich an, startete den Wagen und fuhr los.

Die Fahrt über Stock und Stein machte es mir sehr schwer, mich anzuziehen. Als er mich beim Bahnhof Aarau aus dem Auto warf, hatte ich weder Strümpfe noch Schuhe an. Die Szene war mir extrem peinlich. Am Bahnhof standen Leute und beobachteten mich, wie ich mich auf der Strasse fertig anzog und vollkommen derangiert auf das Perron ging. Immer noch weinend, sass ich schliesslich im Zug. Die Passagiere gafften mich an. Und ich dachte die ganze Zeit: Was mache ich jetzt? Ich darf es keinem sagen. Was, wenn es jemand aus meinem Dorf bei Aarau gewesen war, alles gesehen hat und es später meinem Vater erzählte. Meine Eltern besassen eine Beiz im Dorf, man kannte uns und mich.»

Gab es in Ihrem Umfeld Menschen, denen Sie sich anvertraut haben?
«Damals nein. Mein Vater hätte mich totgeschlagen. Ich durfte nicht mal sagen, dass ich schwul bin. Das schwarze Schaf der Familie war ich sowieso schon. Heute fällt es mir leichter, über die Sache zu reden. Ich suche mir die Leute aber sehr genau aus. In den vergangenen Jahren wurde ich deswegen schon oft als Lügner oder Simulant abgetan. Und hörte auch immer wieder den Satz: Ach komm, du wolltest es doch, und Spass hat es doch sicher auch gemacht.

Welche Folgen hatte das alles für Sie?
«Sehr starke: schwere rezidivierende Depressionen (klar, nicht nur deswegen). Persönlichkeitsstörung, posttraumatische Belastungsstörung, zwei Suizidversuche im Alter von 14 Jahren. Es fällt mir schwer, zu Menschen vertrauen zu fassen. Sex findet zwar statt, aber von meiner Seite völlig lustlos. Es ist quasi ein notwendiges Übel. Wenn ich von Fällen lese, in denen jemand missbraucht worden ist, packt mich immer das
Grauen. Neben Mitleid kommen dann auch immer grosse Schuldgefühle.»

Wo stehen Sie heute im Verarbeitungsprozess?
«Ich war zweimal in einer Klinik, was aber überhaupt nichts brachte. Wieder einmal schwer suizidal, wies ich mich 2014 erneut in eine psychiatrische Klinik ein. Es folgten intensive Gespräche, ein Wochenprogramm, das mir wieder Struktur geben sollte, gehörte auch dazu. Die 4½ Monate dort haben mir sehr gutgetan. 2015 brach wieder alles über mich herein, und ich ging nochmals für 3½ Monate in die Klinik. Diese beiden Aufenthalte haben mir sehr viel gebracht. Ich lernte, die Vergewaltigung zwar als geschehen, aber nicht mehr als so belastend zu werten. Es als geschehen zu betrachten, hatte für mich lange ein Akzeptieren und Gutheissen bedeutet. Es ist nun zwar besser, aber ich bin bis heute einmal wöchentlich in psychiatrischer Behandlung.

Und mir ist wichtig zu zeigen, dass so etwas nicht nur Frauen, sondern auch Männern passieren kann. Darüber zu schweigen, macht es für die betroffene Person nur noch schwerer – neben der Scham, dem Glauben, selbst schuld zu sein, und sonstigen Minderwertigkeitskomplexen.»

*Namen der Redaktion bekannt

Autor: Ralf Kaminski