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17. September 2012

Vom Winde bewegt

Hans Wepfer ist Bauer und Tüftler. Über 50 Konstruktionen hat er entwickelt, einige davon sind patentiert. Nun landet er seinen womöglich grössten Wurf: eine Windturbine im Kleinformat, die 100 Haushalte mit Energie versorgen kann.

Windturbine
«Was nützt das grösste Windrad, wenn der Natur- und Heimatschutz nicht mitspielt?». Erfinder Hans Wepfer hat bei der Entwicklung seiner Windturbine auf geringen Schattenwurf und Rotorenlärm geachtet.

Ein Windstoss und schon produziert es Strom: Hans Wepfers Windrad im Youtube-Clip.

Einen «Bodensurri» nennt Hans Wepfer seine neuartige Windturbine, die seit März zahllose Interessierte auf seinen Bauernhof in Berg-Dägerlen ZH lockt. Mit ihren bis zu ­ 140 Meter hohen, eleganten Verwandten, wie man sie aus dem Jura oder von der Nordsee kennt, kann die Erfindung des 50-Jährigen in der Tat nicht mithalten. Die Wepfair-Turbine ist gerade mal 17 Meter hoch, und zwar inklusive der Propeller. Gleich drei Stück à acht Meter Durchmesser sind an einem 18,5 Meter langen Stahlausleger montiert – nebeneinander, was das Ganze noch gedrungener erscheinen lässt.

Die Stromproduktion startet schon bei der kleinsten Windböe

Wepfers Windturbine ist zwar nicht die grösste, aber was die Ausbeute angeht, leistet sie dennoch Grosses. Die drei mal sechs Propellerblätter beginnen bei Windgeschwindigkeiten von 1,6 Metern pro Sekunde zu drehen, also schon bei einem lauen Lüftchen. Ab 2,4 Metern pro Sekunde wird dann bereits Strom ins Netz gespeist. «Die Jahresproduktion liegt bei rund 300 000 Kilowattstunden, bei entsprechendem Wind sogar bei einem Vielfachen», rechnet der Tüftler aus dem Zürcher Weinland vor. «Das heisst, ein Windrad deckt den Strombedarf von rund 100 Haushalten ab.» 750 000 Franken hat er sich seinen Protoyp kosten lassen, «alles aus dem eigenen Sack bezahlt». Dazu kommen unzählige Stunden, die er mit der Programmierung der elektronischen Steuerung verbracht hat: «Meine Frau hat den ganzen Sommer lang bei jedem Windwechsel gewusst, dass der ‹Schöberli› jetzt wieder zu seinem Windrädli rennt, um die Flügelstellung zu optimieren», sagt er und lacht.

Den Prototyp habe ich aus dem eigenen Sack bezahlt. - Hans Wepfer, Erfinder

Hans Wepfer hätte gern Maschinenbau studiert. Nur: «Ich war der einzige Sohn auf dem Hof – damit war der Chessel geflickt.» Das hielt ihn aber nicht davon ab, bereits in der Stifti eigene Maschinen zu konstruieren, um sich so die Arbeit zu erleichtern. Obwohl er den Hof unterdessen übernommen hat, sieht er sich weniger als Landwirt denn als Maschinenkonstrukteur und Unternehmer. Wo einst Kühe wiederkäuten, steht heute eine moderne Werkstatt. Die Wepfer Technics GmbH beschäftigt acht Mitarbeiter, darunter drei Lehrlinge und Wepfers 25-jährigen Sohn Martin, der zurzeit die Ausbildung zum Werkstattleiter absolviert und später einmal den Betrieb übernehmen will. Hier werden aus Wepfers «Fürzen», wie er sie nennt, reelle Produkte. «Ich sehe ein Problem und suche die Lösung», umschreibt er sein Vorgehen. Wenn er sich dann an den Zeichentisch setzt, hat er die Lösung ­bereits fixfertig im Kopf. Ein Randstein-Reinigungsgerät, ein Entgrater, der ­Rohre innen wie aussen glättet, aber auch ein Johannisbeerernter sind die Ergebnisse solcher geistigen Lösungsprozesse.

Hans Wepfer in der eigenen Werkstatt.
Nach der Kopf- die Handarbeit: Hans Wepfer baut seine Prototypen jeweils in der eigenen Werkstatt.

Und nun also das Windrad im Kleinformat. «Wind und Windkraft haben mich schon immer fasziniert», erklärt der begeisterte Hobbypilot. Die Strategie der Windindustrie, immer riesigere Turbinen zu immer höheren Kosten immer weiter draussen im Meer aufzustellen, habe ihn jedoch nicht überzeugt. «Anstatt Strom unter grossen Energieverlusten zu den Endverbrauchern zu leiten, soll der Wind dort geerntet werden, wo er gebraucht wird, also an der Peripherie der Städte und Dörfer», sagt er. «Und das wiederum bedeutet, dass die Windturbinen möglichst ‹human› sein müssen, also ohne grossen Schattenwurf oder Rotorenlärm.» Zwar werde dadurch die Leistung reduziert, «dafür ist unser Windrad um ein Vielfaches effizienter». Und sowieso: «Was nützt das höchste Windrad, wenn der Natur- und Heimatschutz nicht mitspielt?»

Zu Hause wird der Platz für die Produktion zu knapp

Und so sieht die Wepfair-Turbine aus, wie sie eben aussieht: ein gedrungener «Bodensurri», den sich, so Wepfer, im Prinzip jeder in den Garten stellen kann. Und das wollen anscheinend so viele, dass Wepfer Technics Ende Jahr von Berg-Dägerlen in eine grosse Industriehalle im benachbarten Andelfingen ziehen wird. «Ein, zwei Windturbinen ­hätten wir wie einst den Prototyp draus­sen auf dem Hof zusammenbauen können. Nachdem uns nun aber selbst Anfragen aus Indien erreichen, müssen wir wohl in grösseren Dimensionen denken». Erst mal wird jetzt aber der Prototyp demontiert. Nachdem kürzlich ein heftiger Gewittersturm die Rotoren innert Sekunden von 0 auf 160 Stundenkilometer beschleunigt hat, steht die Windturbine zurzeit still. «Die Rotoren haben sich so schnell gedreht, dass sie fast durchsichtig waren», so Wepfer, «die elektronischen Komponenten haben Schaden genommen.» Mechanisch aber habe alles gehalten: «Meine Leute haben einen guten Job gemacht.»

Mitte Oktober wird an derselben Stelle ein Windrad der Nullserie seine Arbeit aufnehmen – ein letzter Testlauf vor der Serienproduktion. Spätestens dann wird Frau Wepfer ihren «Schöberli» wieder draussen bei seiner Erfindung suchen müssen. Dieser hofft bereits auf heftige Herbststürme: «Denn wie liesse sich ein Windrad besser auf Herz und Nieren testen …»

Autor: Almut Berger