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20. Juni 2016

Vom Schlag getroffen

Er war zehn Jahre alt, als er bei einem Starkstromunfall den linken Unterarm verlor. Doch Oliver Kronig liess sich nicht unterkriegen, feierte als Jugendlicher sportliche Erfolge und arbeitet heute als Skilehrer und Bergbeizer. Zum Porträt (unten) die Mindestabstände bei verschieden starken Stromleitungen.

Oliver Kronig
Oliver Kronig: Wegen eines dummen Bubenstreichs hat er einen Unterarm verloren.

Der Bub wusste nicht, wie ihm geschah. Etwas katapultierte ihn weg. Er flog durch die Luft, roch Verbranntes – und wurde vom Schmerz überwältigt. Als der zehnjährige Oliver Sekunden später auf dem Boden aufschlug, war er bereits bewusstlos. Eine gewaltige Kraft hatte sich seines Körpers bemächtigt: Starkstrom, 15 000 Volt, das 65-Fache dessen, was durch eine übliche Steckdose fliesst.

Dabei hatte der Tag im Mai 1982 eigentlich ganz gut begonnen. Das Wetter war schön, es war Samstag, der Nachmittag folglich schulfrei. Oli zog mit Richi und Björn durchs Dorf. Wie so oft war ihr Ziel auch diesmal das Depot der Matterhorn-Gotthard-Bahn gleich neben dem Bahnhof in Zermatt. Auf dem meist menschenleeren Areal spielten sie zwischen ausrangierten Waggons Verstecken, warfen mit Steinen oder taten im Führerstand von Rangierloks so, als lenkten sie einen Zug.

Die Buben sahen die Gefahr nicht

Der Schneepflug auf Gleis 21 stand bereits seit einigen Wochen im Depot. An jenem 8. Mai nahmen die drei Buben ihn aber erstmals wirklich wahr – als attraktives Kletterobjekt. Wer zuerst in der Schaufel war, sich über die Kabine nach oben hangelte und schliesslich als Erster auf dem Dach des Schneepflugs stand, daran erinnert sich Oliver Kronig (44) nicht mehr: «Wir haben nie darüber geredet, wessen Idee es war. Das spielt auch keine Rolle.» Dass sie sich dabei in Lebensgefahr brachten, war keinem der drei Buben bewusst. Ihnen ging es um die Herausforderung, nach oben zu kommen. Alle drei schafften es auf das Dach. Das Schicksal wählte sich dann Oliver aus.

Stromschlag auch ohne Berührung möglich

Vermutlich berührte er die Fahrleitung nicht einmal. Die Spannung von Stromleitungen kann sich auch ohne direkten Kontakt durch die Luft übertragen, bei 15 000 Volt rund 20 Zentimeter weit. Dabei kommt es zu einem sogenannten Lichtbogen.

Laut SBB ist beinah jedes Jahr eine «unbefugte Drittperson» in einen Starkstromunfall verwickelt. In den Jahren 2006 und 2013 gab es sogar je fünf solcher Unfälle. In der Regel versterben die Betroffenen, oder sie tragen schwere Verletzungen davon. Erst kürzlich kletterte ein 21-Jähriger auf einen Güterwagen in der Nähe des Zürcher Bahnhofs Hardbrücke. Er hat schwerste Verbrennungen erlitten.

Oliver Kronig hatte Glück im Unglück. Der Sturz aus rund vier Metern Höhe hätte ihm das Genick brechen, der Schlag hätte sein Herz treffen oder der Strom ihn an die Leitung fesseln können. Auch war es ein Segen, dass an jenem Tag ein Wanderer auf dem Weg oberhalb des Depots unterwegs war. Er reagierte prompt, trug den Schwerletzten rund 150 Meter weit auf die Hauptstrasse, winkte einen Kutscher herbei und brachte das Kind zum Arzt im Dorf. Dieser bestellte sofort den Helikopter ins Kinderspital nach Zürich.

Verbrennungen bis zur Verkohlung

Oliver Kronig verbrachte drei Monate in der Klinik. Er hatte Verbrennungen bis vierten Grades, also bis zur Verkohlung. Vor allem am linken Arm, wo der Strom in seinen Körper eingedrungen war. Während dreier Wochen stand er praktisch immer unter Narkose. Die Ärzte nahmen unzählige Operationen
mit Hauttransplantationen vor und versuchten, den Arm zu retten. Irgendwann wachte Oliver auf, und sein linker Unterarm war weg.

Welche Folgen ein fehlendes Körperglied haben kann – auf die Berufswahl, die Freizeit, das Leben überhaupt – war Oliver nicht bewusst. Und das war wohl auch gut so. Die Erwachsenen, allen voran der Spitalpfarrer, versuchten, den Jungen mit der Aussicht auf eine Prothese seelisch aufzubauen. Psychologen zog man Anfang 80er-Jahre noch nicht bei. Oliver wählte intuitiv den richtigen Weg – seinen Weg.

Einarmiger Bandit

«Ich habe nie mit meinem Schicksal gehadert. Wütend machte es mich hingegen, wenn die Leute Mitleid mit mir hatten, wenn sie das Gefühl hatten, sie müssten mich schonen», sagt Oliver Kronig. Die gut gemeinten Worte vieler Erwachsener verletzten ihn mehr als die Sprüche Gleichaltriger, die ihn zuweilen «den einarmigen Banditen» nannten. Den Spitznamen sah er eher als «Markenzeichen».

Den Respekt der Kollegen holte er sich, indem er ihnen trotz seines Handicaps davonfuhr, auf dem Velo und vor allem auf den Ski. Mehrmals wurde er Zermatter Schüler- und Jugendcupmeister, als Teenager war er im Walliser Skikader: «Der Sport gab mir extrem viel Auftrieb. Vielleicht war er auch eine Art Therapie.» Er habe sich stets dagegen gewehrt, als behindert zu gelten. Wohl mit ein Grund, warum er seit Jahren keine Prothese trägt.

Mit dem Schicksal im Reinen

Mit 18, in der Sporthandelsschule, realisierte Oliver Kronig, dass es wohl doch nichts werden würde mit einer Karriere als Profiskifahrer: «Das war für kurze Zeit schwierig.» Er habe sich dann aber schnell umorientiert und sich das Ziel gesetzt, Skilehrer zu werden.

Heute verbringt Oliver Kronig den ganzen Winter auf seinen geliebten Brettern. Den «Pflug» mit den Anfängern macht er nur an so vielen Tagen pro Saison, wie er Finger hat. Er ist vor allem für Kunden zuständig, die bereits gut Ski fahren und sich abseits der Piste, im freien Gelände, bewegen wollen oder sich einen Skiguide nehmen, um sich im Zermatter Skigebiet zurechtzufinden. Der Traum eines jeden Schneesportlehrers. Im Sommer führt Kronig die familieneigene Bergbeiz «Othmar’s Hütte» im Weiler Ried oberhalb von Zermatt, wo er unter anderem Wildlachsspezialitäten aus Alaska serviert.

Stellt er sich manchmal vor, wie es wäre, wenn er noch beide Arme hätte? «Vielleicht wäre es gar nicht so viel anders. Ich wäre wahrscheinlich sowieso Skilehrer geworden und bestimmt in Zermatt geblieben», sagt er. Und dann fügt er an: «Alles, was man erlebt, ist für etwas gut. Vielleicht wäre ich ohne den Unfall längst als Bergführer abgestürzt.» 

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Thomas Andenmatten