Archiv
05. Dezember 2016

Eingesackt!

Der Samichlaus bringt nicht nur Geschenke, er bestraft auch. Nicht immer zu Unrecht... Einige seiner Opfer berichten über ihre Kindheitserlebnisse.

Bad Santa
Nicht alle Kinder freuen sich auf den Samichlaus – einige haben auch Angst vor ihm.
Freche Värsli für den (bösen) Chlaus
Hatten Sie oder Ihr Kind das beste freche Värsli, um beim Samichlaus zu Ihrem/seinem Recht zu kommen? Verraten Sie es unten in einen Kommentar oder senden Sie längere Gedichte an onlineredaktion@migrosmedien.ch .


Anja Müller (35), kaufm. Angestellte, Orpund BE

«Nach diesem Erlebnis traute ich mich auch auswärts nie mehr in die Nähe eines Samichlauses»
«Nach diesem Erlebnis traute ich mich auch auswärts nie mehr in die Nähe eines Samichlauses»

Ich war etwa acht Jahre alt, als meine Eltern die Idee hatten, einen Samichlaus zu engagieren – den Bauern aus der Nachbarschaft, der mir sowieso nie sympathisch war. Am Abend des Samichlaustags kam er zu uns nach Hause. Ich hatte Angst und versteckte mich hinter meiner Mutter. Der Samichlaus wedelte mit seiner Rute und war sehr grimmig. Ich bekam noch mehr Angst und rannte die Treppe zur Hälfte hoch. Gerade so weit, dass ich ausser Reichweite des Samichlauses war, ihn aber trotzdem noch sehen konnte. Schliesslich schafften es meine Eltern und der Samichlaus doch noch, mich dazu zu überreden, ein Versli zu stammeln. Und am Ende bekam ich doch nur eine Rute. Ich weiss bis heute nicht, was meine Eltern damit bezwecken wollten, ich war nämlich kein «Luusmeitli», sondern eher schüchtern und recht brav. Doch nach diesem Erlebnis traute ich mich auch auswärts nie mehr in die Nähe eines Samichlauses. Jetzt bin ich erwachsen und habe selbst zwei Kinder. Ich werde jedenfalls versuchen, ihnen kein so schlechtes Bild vom Samichlaus zu vermitteln.

Silvia Ruf (64), ehemalige Lehrerin, Wettingen AG

«Irgendwie hatte ich schon vorher am Chlausabend kein gutes Gefühl»
«Irgendwie hatte ich schon vorher am Chlausabend kein gutes Gefühl»

Sieben Jahre war ich, als mich der Samichlaus in den Sack steckte. Verdient hatte ich es allemal, war ich doch kein einfaches Kind. Irgendwie hatte ich schon vorher am Chlausabend kein gutes Gefühl. Als es läutete, versteckte ich mich in der Ecke zwischen dem Buffet und der Wand. Freiwillig kam ich nicht hervor, mein Vater zog mich schliesslich heraus. Der Samichlaus stand in vollem Ornat da und las mir die Leviten. Schliesslich fragte er mich: «Was meinst du, hast du im Sack Platz?» Ich verneinte. «Na, dann wollen wir es doch einmal probieren», sagte er. Und sitzend hatte ich spielend Platz. Doch ich hatte keine Angst, sondern fand das interessant. Ich fragte mich nämlich, wie das Häuschen vom Samichlaus im Wald wohl aussehen würde. Der Schmutzli trug mich über die Schwelle, doch im Treppenhaus befanden die beiden, sie wollten mich noch einmal springen lassen. Während der Samichlaus mich ermahnte, von nun an folgsam zu sein, half der Schmutzli mir aus dem Sack. Da war ich doch tatsächlich etwas enttäuscht, dass ich nicht erfahren würde, wo der Samichlaus wohnt.

Rebecca Djuric (22), Kleinkinderzieherin, Zürich

«So rannte ich also vor versammelter Familie gegen die Wand»
«So rannte ich also vor versammelter Familie gegen die Wand»

Als Kind war ich sehr stur, und einmal kam der Samichlaus und hielt mir vor, immer mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Ich fand, klar, das könne ich auch – worauf er mich aufforderte, ihm das mal zu zeigen. So rannte ich also vor versammelter Familie gegen die Wand. Es war mir etwas peinlich, dass es mir nicht gelang, durch sie hindurchzukommen, und am nächsten Tag hatte ich Kopfweh. Aber stur bin ich trotzdem geblieben.

Simone Schenk (90), pensionierte Architektin, Hinterkappelen BE

«In meiner Tasche steckte ein Messer, mit dem ich den Sack aufschneiden wollte»
«In meiner Tasche steckte ein Messer, mit dem ich den Sack aufschneiden wollte»

Es hatte sich im Jahr 1931 ein langes Sündenregister angehäuft: Ich hätte, so klagten meine Eltern, auf dem Weg zum Kindergarten getrödelt, der Agnes, die mich an der Hand über die Strasse führen wollte, den Arm zerkratzt, geflucht, den Päuli zusammengeschlagen, Frösche, Blindschleichen und Molche heimgeschleppt, mit den Schwestern gestritten, den Lebertran ins WC gespuckt, das Konfitürenglas leer geleckt, die Zuckerdose geplündert, mit den Schwestern gestritten und meiner neuen Puppe die Zöpfe abgeschnitten, um ihr eine moderne Bubikopffrisur zu verpassen. «Wart nur, bald kommt der Samichlaus, der packt dich in seinen Sack und nimmt dich mit in den Wald, wo du nur noch Tannnadelsuppe zu essen kriegst», hiess es immer wieder.

Doch als der Samichlaustag nahte und mit ihm die Stunde der Vergeltung, wollte ich mich gegen die Verschleppung wehren und bereitete mich vor: In meiner Schürzentasche steckte ein scharfes Rüstmesserchen, mit dem ich den Sack aufschneiden wollte. Und für den Fall, dass der Samichlaus mich auf der Flucht verfolgen wollte, hatte ich mir aus einer Haselrute und einer Schnur einen Bogen gefertigt und Pfeile spitz zugeschnitten. Als es so weit war, versteckte ich alles gut in der Tasche und unter dem Pullover. In der Hand hingegen hielt ich eine schöne Samichlauszeichnung, die ich ihm zur Besänftigung schenken wollte.

Alle sassen im Wohnzimmer, als es vor der Tür fürchterlich polterte. Ein grosser, roter, bärtiger Kerl mit groben, schmutzigen Schuhen stapfte über den Teppich herein und warf seinen Sack mit Schwung zu Boden, sodass die Nüsse knackten und Mandarinen herausrollten. Dann griff er nach seinem dicken Sündenbuch, fragte, wer das Simonettli sei und liess mich vor seine bösen, rollenden Augen treten. Mit einem gefrorenen Lächeln wollte ich ihm meine schöne Zeichnung schenken, doch meine Hände zitterten so stark, dass sie zu Boden fiel. Schnell bückte ich mich, um sie auf­ zuheben. Doch – oh Schreck! – dabei rutschte mein Pfeilbogen oben aus dem Pullover. Ein schneller Griff, und schon hatte der Samichlaus ihn in den Händen und wollte mit barscher Stimme wissen, ob ich sonst noch was versteckt hätte. Ich beichtete alles. Daraufhin leerte er seinen Sack auf dem Boden aus, packte mich und versuchte, mich hineinzustecken.

Ich schrie wie wild, wand mich am Boden, und es gelang mir, die Beine meiner Mutter zu ergreifen. An de nen krallte ich mich derart fest, dass sie bluteten. Dann jedoch griff mein Vater ein. Er packte den Samichlaus bei den Schultern, stiess ihn zur Tür und schrie: «Verlassen Sie sofort unser Haus!» Ich war gerettet.

Lilo Schmid (73), kaufmännische Angestellte, Schocherswil TG

«Ich hatte jahrelang Albträume deswegen»
«Ich hatte jahrelang Albträume deswegen»

Ich war fünf Jahre alt, als mich der Samichlaus in den Sack steckte und den dann oben zuschnürte. Ich schrie wie am Spiess und hatte panische Angst, dass der Samichlaus mich in den Wald mitnehmen und dort aussetzen würde. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde ich wieder freigelassen. Meine Mutter hatte Mitleid mit mir, aber mein Vater drohte auch in den Jahren danach immer wieder damit, dass der Chlaus mich nochmals in den Sack stecken würde, wenn ich nicht gehorche. Ich hatte jahrelang Albträume deswegen und fühle mich noch heute unwohl in kleinen Räumen. Es sollte verboten werden, dass Samichläuse Kinder in den Sack stecken oder es auch nur androhen.

Jacqueline Loosli (52), Pflegehelferin, Glashütten AG

«Immer, wenn der 1. Dezember kam, traute ich mich bis zum 10. nicht mehr vor die Tür»
«Immer, wenn der 1. Dezember kam, traute ich mich bis zum 10. nicht mehr vor die Tür»

Meine Schwester und ich gingen gemeinsam in den Kindergarten. Am 6. Dezember morgens sagte
uns die «Chindsgi»-Leiterin, dass heute der Samichlaus vorbeikommen werde. Wir warteten gespannt, bis es plötzlich an der Tür polterte und der Chlaus draussen stand. Ich hatte ganz fest Herzklopfen, aber er ging dann zu meiner Schwester und sagte, er habe gehört, sie sei nicht artig gewesen. Sie müsse mit ihm gehen. Dann nahm er sie mit, wie sie war, ohne Jacke und Stiefel, nur in den Finken. Er ging mit ihr den Schulweg entlang, wo er sie später wieder laufen liess. Meine Schwester musste den ganzen Weg zurücklaufen, bei eisiger Kälte und Schneefall. Während meine Schwester das alles trotz des ersten Schocks gut verkraftete, hatte ich als Kind ein Trauma – immer wenn der 1. Dezember kam, traute ich mich bis zum 10. nicht mehr vor die Tür. Und wenn es polterte, hatte ich furchtbare Angst.

Alfred Mauderli (73), Architekt, Bauleiter, Burgdorf BE

«Ich hatte solche Angst, dass ich vor lauter Schreck unter den Küchentisch fiel»
«Ich hatte solche Angst, dass ich vor lauter Schreck unter den Küchentisch fiel»

Am Nikolaustag 1948 kam unser Nachbar als Nikolaus verkleidet zu uns. Er war ganz schwarz angezogen und hatte eine Rute und einen grossen Sack bei sich. Er drohte mir, mich in den Sack zu stecken. Ich hatte solche Angst, dass ich vor lauter Schreck unter den Küchentisch fiel. Später jedoch hatte ich vor allem positive Erlebnisse mit dem Samichlaus. Und so beschloss ich, selbst einer zu werden – und zwar ein freundlicher, der keine Kinder verschreckt. Inzwischen bin ich seit Jahrzehnten unterwegs.

Floor Tanner (31), kaufmännische Angestellte, Zürich

«Mein Bruder und ich hatten uns besonders viel gezankt und es wohl übertrieben»
«Mein Bruder und ich hatten uns besonders viel gezankt und es wohl übertrieben»

In Holland bekommt man die Weihnachtsgeschenke vom Nikolaus. Die unartigen Kinder erhalten, je nach Anzahl Sünden, ein oder mehrere Tütchen Salz. In einem Jahr hatten mein jüngerer Bruder und ich uns besonders viel und heftig gezankt und es damit offenbar übertrieben: Wir bekamen, inmitten aller anderen Kinder, als einziges (!) Geschenk ein ganzes Kilo Salz, hübsch verpackt. Wir weinten bitterlich. Unmittelbar viel bewirkt hat das zwar nicht, aber meine Mutter drohte uns noch lange damit: «Wisst ihr noch, als ihr nur Salz bekommen habt? Wollt ihr wirklich, dass sich das wiederholt?» Das hat dann zumindest temporär schon funktioniert.

Natascha Kunz Wyttenbach (45), Hausfrau, Bäuerin, Betreuerin von psychisch Kranken, Orpund BE

«Es war mir peinlich, so blossgestellt zu werden»
«Es war mir peinlich, so blossgestellt zu werden»

Unsere Eltern engagierten immer schön verkleidete Samichläuse, das war ihnen wichtig. Und ich hatte immer ein wenig Herzklopfen, auch als ich eigentlich schon wusste, dass es bloss verkleidete Leute waren. Einmal, ich war vielleicht elf Jahre alt, machte ich mit meiner Schwester Popcorn und ruinierte dabei eine teure Pfanne meiner Mutter. Und als dann der Samichlaus kam, diskutierte er das ausführlich mit uns allen; meine Schwester versteckte sich, und ich schämte mich. Es war mir peinlich, vor allen so blossgestellt zu werden. Gewirkt hat es allerdings: Es gingen meinetwegen keine weiteren Pfannen kaputt. Aber ich träumte noch lange von diesem Besuch. Und als ich selbst Mutter wurde, habe ich nie einen Samichlaus für die Kinder organisiert. Das wollte ich ihnen ersparen.

Irene Kupper (59), Primarlehrerin aus Wetzikon ZH

«Sie fand, jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, die Fitze einzusetzen.»
«Sie fand, jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, die Fitze einzusetzen.»

Als ich vier oder fünf Jahre alt war, brachte der Samichlaus neben Mandarinli und Nüssen auch eine Fitze aus dünnem Reisig. Diese liess er bei uns zu Hause für den Fall, dass ich je etwas Dummes machen würde. Da ich aber ein braves Kind war, blieb sie einige Zeit unbenutzt im Schrank. Im Sommer danach jedoch schnappte ich beim Spielen draussen einige Worte auf, die bisher nicht zu meinem Sprachschatz gehört hatten. Nach dem Duschen, als meine Mutter mich abtrocknete, probierte ich diese Worte aus und sagte laut und deutlich zu ihr: «Du dummi Chue!» Sie schnappte nach Luft, schaute mich ungläubig an und befand dann, jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, die Fitze einzusetzen. Sie holte sie und legte mich Nackedei übers Knie, um mir den Hintern mit der Fitze zu versohlen. Doch das Reisig war in dieser langen Zeit so spröde geworden, dass es beim ersten Schlag in tausend Stücke zersprang! Weh tat es überhaupt nicht, aber ich getraute mich dennoch nicht, laut heraus zu lachen. Schläge gab es am Ende keine, aber ich musste wohl helfen, die Reisigstücklein im ganzen Badezimmer zusammen zu suchen.

Autor: Ralf Kaminski

Illustrationen: Daniel Müller / illumueller.ch