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17. August 2015

Vom Rock ’n’ Roll zur Entwicklungshilfe

Der Fotograf Hannes Schmid porträtierte Rockstars von Abba bis Frank Zappa, seine Inszenierungen des Marlboro-Cowboys machten ihn berühmt - hier finden Sie ein paar der berühmtesten Bilder als Foto und Ölbild. Heute unterstützt er mit seiner Hilfsorganisation Smiling Gecko Familien in Kambodscha – am 23. September mit einem Benefizkonzert.

Ochsenhütte Alp Selun SG
Für das Migros-Magazin hat sich der Starfotograf für einmal selbst in Szene gesetzt: Hannes Schmid mit seinen Kindern Anna (15) und Maximilian (12) auf der Alp Selun SG vor seiner geliebten Ochsenhütte.

Hannes Schmid aus Gockhausen ZH ist nicht nur einer der erfolgreichsten Schweizer Fotografen, sondern auch ein Wirbelwind mit einer erstaunlichen Lebensgeschichte. Wenn der 68-Jährige von seinem neusten Projekt erzählt, spürt man das Engagement, das er in all sein Tun steckt: Seine Hilfsorganisation Smiling Gecko plant mit der ETH Zürich im ländlichen Kambodscha Textilfabriken, in denen Arbeitskleidung für die Schweiz produziert werden soll. «So verdienen die Arbeiterinnen genug für ihren Lebensunterhalt – ein Beitrag, um die grosse Landflucht im südostasiatischen Königreich zu stoppen.
Asien spielte immer wieder eine Rolle im Leben des Künstlers, der mit einer Chinesin verheiratet ist. Nach seiner Lehre als Elektriker zog es ihn 1968 aber erst nach Südafrika, weil der damalige Apartheidstaat Handwerker suchte. «Zufälligerweise stiess ich in einem Laden auf eine gebrauchte Kamera und begann zu fotografieren. Wer damals eine grosse Kamera hatte, galt gleich als Fotograf; der schwarze Kasten war wie ein Schlüssel zur Welt.»

Nach vier Jahren in Afrika setzte er seine Lehr- und Wanderjahre in Singapur fort, wo er als Elektriker arbeitete. Auf der Terrasse des legendären Hotels Raffles las er 1974 einen Artikel über die Dani, ein indigenes Volk auf Neuguinea, das sich damals auch von Menschenfleisch ernährte. Darin wurde von einem verschollenen Spross der US-amerikanischen Rockefeller-Dynastie berichtet, der auf Neuguinea vermutet wurde. Schmid wäre nicht Schmid, wenn er nicht schon kurz darauf mit einem chinesischen Frachter zur Insel gereist wäre. Ausgerüstet mit 2 Kameras und 20 Filmrollen, machte er sich auf die Suche nach den Dani und Michael Rockefeller, der allerdings, wie man heute vermutet, schon 1961 den Kannibalen zum Opfer fiel. Prompt erwischten die Dani den Abenteurer,verprügelten ihn und warfen ihn in einen Schweinestall. «Weil ich wie ein Hund im Dreck lag, waren die Eingeborenen jedoch nicht mehr an mir interessiert.» Als Missionare ihn dort schliesslich fanden, war Schmid von Typhus und der einseitigen Ernährung gezeichnet.

1977, wieder in der Schweiz, kam er während eines Nachtessens im damaligen Hotel Nova zufälligerweise mit den Mitgliedern der Rockband Status Quo ins Gespräch. Er erzählte ihnen von seinen Erlebnissen bei den Kannibalen. Sie hielten Schmid danach für einen Irren, fragten ihn aber dennoch: «Why don’t you take a picture of our band?»
Diese Bilder gingen um die Welt und machten Schmid zu einem gefragten Fotografen für die Stars. «Nach diesem Shooting fotografierte ich 257 Bands und Musiker von Abba bis Frank Zappa.» Zu einigen entwickelte er eine derart enge Beziehung, dass er sie sogar ins Toggenburg, ins Haus seiner Mutter schleppte. «Frida von Abba liebte die Hacktätschli meiner Mutter.» Barclay James Harvest lehrte er Ski fahren. Und über die Jahre sammelten sich 70 000 Rock-’n’-Roll-Bilder an. «Mein Archiv besteht aus insgesamt mehr als 1,4 Millionen Aufnahmen.»

600 Pferde und 120 Lastwagen mit Wasser für ein Shooting

Seine Bilder machten ihn weltberühmt: Er fotografierte Models für Armani, Gucci und Versace. Er erhielt Anfragen von Firmen und tingelte für die Camel Trophy durch Borneo, Sibirien und Südamerika. 1993 rief ihn Marlboro nach Chicago für Werbeaufnahmen. Dem Tabakkonzern war kein Aufwand zu gross: Einmal bestellte Schmid 120 Lastwagen mit Wasser und 600 Pferde. Zehn Jahre lang hatte er jährlich über ein Dutzend Shootings – mit meh­reren 100 000 Dollar Budget. «Jedes Bild musste ein Kunstwerk sein. Meine Inszenierungen des Cowboy-Mythos haben die Marlboro-Welt verändert.»

DER MARLBORO-COWBOY IN FOTO ... UND BILD
Für Ausstellungen seiner stilbildenden Aufnahmen malte Schmid einige seiner berühmtesten Werbebilder für Marlboro in Öl auf Leinwand nach. Aus rechtlichen Gründen: Die Originalfotos standen ihm ausserhalb des ursprünglichen Werbeumfelds für den Zigarettenkonzern nicht zur Verfügung. Hier können Sie von vier Beispielen die Foto mit der Ölbildvariante (als JPG) vergleichen - darunter zeigen wir die markantesten Ausschnitte zum Durchklicken:

Cowboytruppe vor Felsen: Foto und Bild
Cowboys am See: Foto und Bild
Cowboy in Nahaufnahme: Foto und Bild
Die Cowboybeine: Foto und Bild

2010 reiste Schmid in die nordostthailändische Stadt Udon Thani. Dort traf er auf ein verunstaltetes kambodschanisches Mädchen, das für sechs Dollar an ein Bettelsyndikat verkauft worden war und nun auf den Strassen Thailands betteln musste. Schmid war entsetzt und beschloss zu helfen.
Im August 2012 gründete er zusammen mit seinem Nachbarn Dominique Rütimann (53), der ebenfalls mit einer asiatischen Frau verheiratet ist, die Nichtregierungsorganisation Smiling Gecko. Die Idee: Familien und Kinder nachhaltig zu unterstützen und sie vor den unmenschlichen Lebensumständen auf Müllhalden und in den Slums zu schützen. Dort waren sie ohne Bildung und medizinische Unterstützung Kriminalität, Prostitution und Versklavung ausgesetzt.

Smiling Gecko kaufte 60 Kilometer ausserhalb der Hauptstadt Phnom Penh Land. Auf 25 Hektaren betreiben heute ehemalige Slumfamilien Landwirtschaft mit Schweinen, Hühnern und Fischen, bauen Gemüse und Getreide an. Auch eine Schule ist geplant, samt Kindergarten. «Ich helfe mit meinen Beziehungen und Ideen. Aber umsetzen müssen die Kambodschaner alles selbst», sagt Schmid.

Das Säureopfer Waew aus Udon Thani ist heute 18 Jahre alt, möchte Anwältin werden und in die Politik einsteigen.

Autor: Reto Wild