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06. August 2012

Vom letzten Abenteuer

Weiter im Text! Mit Hans’ Aufräumliste, mittels der er bei Erreichen einer bestimmten Punktzahl ein vorher ausgemachtes Geschenk erhält, ist es nämlich so — und das vergass ich letzte Woche zu erwähnen —, dass er sich nach Erhalt der letzten Prämie, einer doofen Nerf-Pistole, einen schlichtweg astronomischen Wunsch ausgedacht hat: Er möchte einen flugtüchtigen Modellquadrokopter. Was das sei? Eine Art Vierfachheli mit mehreren Rotoren, von dem er sich verspricht, dass er nicht so rasch bruchlandet wie die diversen billigeren ferngesteuerten Helikopter, die er bereits zu Schrott geflogen hat. Kostenpunkt des gewünschten Flugobjekts: schwachsinnig hoch.

«Hans verfiel in eine Aufräummanie.»
«Hans verfiel in eine Aufräummanie.»

Weshalb ich eine schwachsinnig hohe Anzahl Aufräumeinheiten ansetzte: 150. Hans ging euphorisch ans Werk: Der erste Eintrag datiert vom 17. Mai 2012, der zweite ebenfalls, genauso der dritte. Will heissen: An besagtem Donnerstag befand Hans, nachdem er jeweils rasch drei Bücher verschoben und ein Legofigürchen demonstrativ auf dem Zimmerboden deponiert hatte, gleich mehrmals, es sei jetzt ein «Puff», er müsse aufräumen. Den Quadrokopter vor Augen, verfiel er in eine Aufräummanie. Freilich blieb der dritte Eintrag vom 17. Mai 2012 auch der letzte. Danach erlahmte der Elan. (Besser gesagt: Es kam ein weit attraktiveres Projekt des Weges: die Seifenkiste, Marke Eigenbau, die ihn dann bis zu den Sommerferien in Atem hielt.) Wenn Hans weiter im selben Takt aufräumt, nämlich gar nicht, bekommt er den Quadrokopter frühestens zu seinem 37.  Geburtstag. Aber natürlich wird der Vater eher weich werden, und den sauteuren Quadrokopter gibts noch in diesem Jahr …

Hans verfiel in eine Aufräummanie.

Aber jetzt sind sowieso Ferien, und der Einzige, der aufräumt, bin ich: Ich picke Steinchen und Glacepapier aus dem Mietauto, räume diverse Hotelzimmer auf, ordne notfalls beim Stadtbummel die Auslage einer Schreibwarenhandlung neu und poliere schon mal den Wasserhahn auf einer Restauranttoilette. Man will ja nicht aus der Übung kommen.

Eines jedoch fiel mir leicht. Man las ja diesen Sommer — weil auch die Heftli ihr Sommerloch füllen müssen — überall, vom «Spiegel» bis zur «Süddeutschen Zeitung», vom «Magazin» bis zum «Sonntags-Blick», Erfahrungsberichte grosser Autoren, die sich während einiger Tage darin übten, ohne Laptop, iPad, Blackberry und Smartphone zurechtzukommen. Von «kaltem Entzug» las ich, von «Halluzinieren» und «Depression», von «Weltuntergang» gar, teils aber auch von «neuem Leben», «wiedergefundener Natürlichkeit»; lauter Zeugnisse von Männern (eigenartig: es waren ausschliesslich Männer), die sich selbst und ihr Experiment, offenbar das letzte grosse Abenteuer, furchtbar wichtig nahmen. Aber, hallo! Wo sind wir denn? Digitalentzug ist doch ganz einfach. Darf ich kurz mein Rezept verraten? Handy ausschalten, Compi runterfahren, Ferien geniessen, fertig. Und wenn man die digitalen Dinger nach einem Monat wieder rauffährt, hat sich — juhui! — das meiste inzwischen von allein erledigt.

Und sollten Sie, geneigte Leserin, geneigter Leser, mir in den letzten Wochen ein Mail geschrieben und keine Antwort erhalten haben, können Sie es nun vielleicht verstehen — und es mir nachsehen. Nach meiner Rückkehr räume ich auch ganz bestimmt die Mailbox auf. Den entsprechenden Aufräumpunkt schenke ich dann dem Hans.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli