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20. Februar 2017

Vom Küssen

Leonid Breschnew und Erich Honecker beim Bruderkuss
Widerlich, schräg oder gar abartig? Nein, rein politisch: Leonid Breschnew und Erich Honecker zelebrieren den sozialistischen Bruderkuss.

Tom Brady ist so einer, der alles hat: Der 39-jährige American-Football-Spieler ist ein erfolgreicher Quarterback und wird von Millionen von Fans angehimmelt. Am 5. Februar gewann sein Team, die New England ­Patriots, den legendären Super Bowl. Daneben ist Brady mit dem brasilianische Top­model Gisele Bündchen (36) verheiratet. Der «amerikanische Traum» in Perfektion.

Nach dem Sieg seines Teams hatte Brady also allen Grund zu feiern, Zu seinem Feierritual gehörte auch ein Kuss auf den Mund seines Vaters, Tom Brady Sr. Süss, nicht? Nein. In den sozialen Medien brach ein regelrechter Sturm der Entrüstung aus.

Als «widerlich», «schräg» oder auch «abartig» wurde die Geste zwischen Vater und Sohn bezeichnet, und zwar nicht nur im konservativen Amerika. Zwei erwachsene Männer, die sich küssen, war für viele Anlass, total durchzudrehen. Und einmal mehr offenbarte sich ein totaler Widerspruch unserer Gesellschaft: Einerseits ist Körperlichkeit allgegenwärtig, andererseits wird sie in vielen Bereichen (so auch beim Stillen) tabuisiert.

Neulich besuchte ich meine Grossmutter im Altersheim. Sie ist die einzige Person in meiner Familie, die ich auf den Mund küsse. Warum gerade sie? So genau kann ich das auch nicht sagen. Ich denke, weil wir uns sehr ähnlich sind und eine tiefe Verbundenheit haben.

Ihre Mitbewohnerinnen kamen einmal auf mich zu und sagten, wie schön sie den Kuss fanden. Früher sei das noch gängiger gewesen. Ich finde das Küssen auf den Mund von Familienmitgliedern auf jeden Fall eine liebenswerte Form der Zärtlichkeit.

Autor: Anne-Sophie Keller