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23. September 2013

«Vom Kind verliehene Autorität»

In seinem neuen Buch «Wer bestimmt den Lernerfolg: Kind, Schule, Gesellschaft?» erklärt Remo Largo, dass Lehrer 30 Prozent des Lernerfolgs ihrer Schüler ausmachen. Im Interview führt er aus, was das für den Schulalltag und den Kontakt zu den Eltern bedeutet:

Remo Largo
Remo Largo weist den Lehrern 30% Verantwortung am Lernerfolg zu.

Remo Largo, Sie wünschten sich, dass ein Lehrer auf jeden einzelnen Schüler einginge, herauszufinden versuchte, wie es ihm gehe und wo er in seiner schulischen Entwicklung stehe. Vielen Lehrern fehlt aber im Unterricht die Zeit dafür, den Kontakt zu Schülern und Eltern müssen sie in der Freizeit pflegen.

Wenn die Lehrer keine Zeit dafür haben, sollen sie den Stoff reduzieren, damit sie individuell unterrichten und die Beziehung zum Schüler pflegen können. Denn die Grundlage von erfolgreichem Lernen sind Beziehungen.

Gemäss einer Umfrage im Kanton Zürich klagen Lehrer über zu grosse Klassen, schweizweit wünschen sich viele mehr Lohn. Müssten wir nicht versuchen, ihnen entgegenzukommen?

Lehrer sind tatsächlich wichtig. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass jene, die wirklich engagiert sind, es schaffen, auf ihre Art Schule zu geben. Das geht, auch im öffentlichen System.

Wir sind uns aber einig, dass gute Lehrer wichtig sind. Gemäss der Hattie-Studie, die Sie in Ihrem neuen Buch oft zitieren, machen sie immerhin 30 Prozent des Lernerfolgs aus.

Stimmt, aber die Kinder machen 50 Prozent aus! Jedes Kind ist anders, und jedes lernt nur im Rahmen seiner Möglichkeiten. Wenn man nicht auf es eingeht, ist es entweder über- oder unterfordert. Studien zeigen, dass gewisse Klassen über ein Jahr hinweg bis zu 50 Prozent weniger lernen als Parallelklassen mit anderen Lehrern. Den Unterschied macht die Art und Weise, wie der Lehrer bereit ist, auf das Kind und den Stoff einzugehen. Am wichtigsten für den Lernerfolg ist das Feedback von Schülern an die Lehrer. So erfährt der Lehrer: Wo steht dieser Schüler, was hat er verstanden, was habe ich unklar hinübergebracht, und was erwartet er von mir? Das ist übrigens auch im Frontalunterricht möglich. Wenn der Lehrer sieht, dass ein Schüler sich ausklinkt, soll er ihn fragen, woran das liegt.

Gute Lehrer sind also enorm wichtig für unsere Kinder. Werden wir dieser Tatsache gerecht?

Tatsache ist: Alle organisatorischen Massnahmen, die wir in letzter Zeit im Bildungssystem ergriffen haben – also Harmonisierung, Integrativer Unterricht und so weiter – führen nicht zu ausreichenden Verbesserungen für die Lehrer. Gewisse Klassen sollten tatsächlich etwas kleiner werden. Vor allem aber müssen wir darüber reden, wie unterrichtet wird. In einem Projekt mit Lehrern haben wir einmal eine Videokamera ins Schulzimmer gestellt und laufen lassen. Beim Betrachten der Aufnahmen realisierten die Lehrer plötzlich: Da sind Schüler, die abhängen, die gelangweilt sind, etwas anderes machen, die über- oder unterfordert sind.

Zu den Bedürfnissen der Schüler kommen jene der Eltern. Sie haben ihre eigenen Vorstellungen von einem guten Lehrer.

Wenn Kinder und Eltern von einem guten Lehrer sprechen, ist das meist ein Lehrer, der Kinder mag, auf sie eingehen kann, ihnen etwas beibringen will

Nun gibt es auch die Eltern, die den Lehrern auf den Füssen herumtreten, da Fragen aufwerfen und dort Forderungen stellen. Wo sollen sich Eltern etwas mehr zurücknehmen?

Wenn man die Eltern ins Boot holt, indem man eine gute Beziehung zu ihnen aufbaut, gibt es solche Fälle kaum. Und um die wenigen nervigen Eltern, die trotzdem dauernd auf der Matte stehen, kann man sich foutieren.

Auf der anderen Seite will von den Eltern niemand in den Elternrat.

Ja, warum? Eben weil keine Beziehung da ist! Man geht doch in den Elternrat, wenn man es gut findet, wie der Lehrer mit den Schülern umgeht, wenn man den Lehrer mag und ihm vielleicht sogar Unterstützung anbieten möchte, weil man seine Nöte sieht.

Sie sagen, der erste Kontakt zwischen Eltern und Lehrer findet oft erst dann statt, wenns Schwierigkeiten gibt.

Wenn in der Schule Probleme auftauchen, ist das oft der erste Anlass für Eltern und Lehrer, um sich über das Kind auszutauschen. Das ist doch unmöglich.

Warum ist das so?

Weil Eltern sich oft abgelehnt fühlen. Wenn sie vom Lehrer als Erstes hören, der Hansli ist schlecht in Mathe, dann schafft das kein Vertrauen. Beide, Eltern und Lehrer, sollten zu Beginn des Schuljahrs aufeinander zugehen und das Gespräch suchen.

Früher war der Lehrer eine Autorität. Wer nicht gespurt hat, hat eins mit dem Lineal kassiert. Heute ist ein Lehrer weder bei den Eltern noch bei den Schülern eine Autoritätsperson. Ist das ein Problem für Pädagogen?

Lehrer sind heute beziehungsmässig viel mehr gefordert als früher. Denn tatsächlich können sie nicht mehr hinstehen und sagen «kraft meiner Stellung befehle ich ...». Das ist vorbei, und das ist gut so. Ein Problem entsteht, wenn sich ein Lehrer nicht mit den Schülern einlässt. Und wenn das Kind das Gefühl hat, der schaut mich den ganzen Tag nicht einmal an. Solange der Schüler sich hingegen wahrgenommen fühlt und spürt, dass der Lehrer ihn mag, bekommt der Lehrer eine natürliche, vom Kind verliehene Autorität.

Autor: Yvette Hettinger, Almut Berger

Fotograf: Andreas Eggenberger