Archiv
30. Juni 2014

Vom Jutz zum Jodel

Wie kam das Jodeln in die Schweiz? Und was hat Volksmusik mit Politik zu tun? Musikethnologe Dieter Ringli beantwortet anlässlich des Eidgenössischen Jodlerfests in Davos wichtige Fragen rund um den Schweizer Nationalgesang. Dazu sechs Hörbeispiele mit traditionellem Jodel, Zäuerli und modern-poppigeren Jodeleinsätzen.

Rund 10'000 aktive Jodlerinnen und Jodler werden am «Eidgenössischen» erwartet.
Rund 10'000 aktive Jodlerinnen und Jodler werden am «Eidgenössischen» erwartet.

Dieter Ringli, Sie sind mit den Stones, Led Zeppelin und Clash aufgewachsen, spielten in einer Hard-Rock-Band – und interessieren sich heute für Volksmusik. Was ist da passiert?

Das habe ich dem Ausland zu verdanken. Dort wurde ich immer gefragt: Was gibt es in der Schweiz? Meine Antwort war stets: Da gibt es nur Grauenhaftes.

Sie mussten erst Abstand gewinnen, um Schweizer Volksmusik interessant zu finden.

Ich wollte früher einfach nichts mit dieser Musik zu tun haben. Später begann ich mich zu wundern, warum wir überall hinreisen und World Music spannend finden, aber ein Problem mit unserer eigenen musikalischen Tradition haben.

Haben Sie eine Antwort gefunden?

Wahrscheinlich ist es die Politik. Schweizer Volksmusik war lange mit einer politisch rechten Einstellung konnotiert und wurde als Soundtrack der Ewiggestrigen wahrgenommen. In Gewerkschaftskreisen ist sie nach wie vor ein Feindbild: Ich war mal in einem 1.-Mai-Komitee und wollte ein Schwyzerörgeli-Duo einladen. Das war absolut undenkbar.

Es gibt sie aber: Die städtische Linke, die sich für Volksmusik begeistern kann.

Die Vorurteile verschwinden langsam. Das ist auch ein Gegentrend zur Globalisierung. Die Rückbesinnung auf das Regionale kann man auf verschiedenen Ebenen beobachten, etwa beim Bier. In den 90er-Jahren war cool, wer Bier aus Mexiko oder Japan trank. Heute kommt das exklusivste Bier aus der Dorfbrauerei, die bloss ein paar 100 Flaschen im Jahr abfüllt. Während man ausländisches Bier inzwischen an jedem Kiosk erhält, ist das regionale Bier einzigartig. Ähnlich ist es mit der Volksmusik.

Einzigartigkeit ist zuweilen auch ein Mythos: Das Jodeln wird ja gerne als Schweizer Nationalgesang betrachtet, dabei haben wir es von den Österreichern abgekupfert.

Das ist so nicht ganz richtig. Im 19. Jahrhundert galt Jodeln tatsächlich als Tiroler Spezialität. Der Ausdruck «tirolern» wurde damals synonym für «jodeln» verwendet. Professionelle Jodeltruppen aus Tirol tourten in jener Zeit durch die Konzertsäle. Heimisch war das Jodeln in der Schweiz aber schon zuvor, als Kuhreihen, mit dem man die Kühe eintrieb, oder als Naturjutz, mit dem man sich in den Bergen bemerkbar machte.

Wann wurde das Jodeln hierzulande populär?

Dokumentiert ist es ab dem 19. Jahrhundert. Da gibt es eine wunderbare Geschichte von Mark Twain. Er steigt auf die Rigi und trifft an jeder Ecke einen Jodlerbuben an. Dem ersten gibt er einen Franken, dem zweiten noch 50 Rappen, dem dritten nur noch 10 Rappen, die folgenden bezahlt er, damit sie nicht jodeln – und findet: «There is somewhat too much jodeling in the Alps.»

Aber wie kam das Jodeln auf die Rigi?

Sicher wurde es durch den Tourismus gefördert. Ab 1850 kamen Ausländer in die Schweiz, um die Bergwelt und ihre Traditionen kennenzulernen. Die Buben waren clever und merkten, dass sie mit dem Jodeln Geld verdienen konnten.

Gilt das Jodeln heute darum als typisch schweizerisch?

Nein, das liegt schon am Eidgenössischen Jodlerverband, der sich dafür starkgemacht hat – und der ist ja ein Laienverband, das mit dem Geldverdienen ist längst vorbei.

Woher kommt die politische Ausrichtung?

Nationalismus war zur Gründerzeit des Jodlerverbands in Europa und bei uns ein grosses Thema. 1891 feierte man zum ersten Mal den Nationalfeiertag. 1895 formierten sich die Schwinger zu einem eidgenössischen Verband und schufen eine typisch schweizerische Sportart nach altem Vorbild neu. Die Heimatschutzbewegung, die das Trachtenwesen hochhielt, entstand kurz darauf.

Wann schlossen sich die Jodler zusammen?

In diesem nationalkonservativen Umfeld wurde 1910 der Eidgenössische Jodlerverband gegründet – mit dem Ziel, das Schweizer Brauchtum, wie Jodeln, Alphornblasen und Fahnenschwingen, zu erhalten, zu pflegen und zu fördern. Man weiss allerdings nicht genau, was die damals gesungen haben. Denn die ersten Lieder sind erst ab 1913 dokumentiert, als der Berner Beamte Oskar Friedrich Schmalz, einer der Mitbegründer des Verbands, den ersten Band seiner Jodelchorlieder herausgab.

Seither scheint sich nicht viel verändert zu haben. Warum hat sich das Jodellied nicht weiterentwickelt?

Einerseits setzte nach dem Zweiten Weltkrieg das grosse Bewahren ein. Man wollte sich abgrenzen gegen die vielen Einflüsse von aussen, die da mit dem Radio und später dem Fernsehen kamen. Andererseits muss man wissen, dass die Jodelchöre alles Laienchöre sind. Sie stossen schnell an Grenzen, wenn sie mit etwas Ungewohntem konfrontiert sind.

Warum jodelt man eigentlich auf «jo» und «ju» und nicht auf anderen Silben?

Das kommt vom Jodlerverband, der über lange Zeit versucht hat, über die Silben den Schweizer Jodel zu definieren. «Holdiredio» zum Beispiel ist aus Verbandssicht des Teufels – vor allem Verschluss- und Reiblaute wie «d» oder «r» und Vokale wie «i» oder «e» sind verpönt. Das rührt natürlich auch daher, dass der Jodlerverband ursprünglich gegründet wurde, um die Tirolerei zurückzudrängen – den Feind aus dem Osten.

Was macht das typische Jodellied aus?

Es ist ein im Jodlerklub gesungenes vierstimmiges Lied, das aus drei Strophen mit Text und einem Jodelrefrain besteht.

Und was wird besungen?

Die Zufriedenheit. Ähnlich wie der Blues immer traurig ist, ist das Jodellied immer zufrieden. Inhaltlich dreht es sich meist um Landschaft, Heimat und Freundschaft – was schön ist, aber schnell zum Nostalgiekitsch werden kann.

Mit Oesch’s die Dritten oder Nadja Räss gibt es moderne Interpreten, die frischen Wind in die Szene bringen könnten. Warum sucht man solche Stile am Jodlerfest vergebens?

Das Eidgenössische ist ein Wettbewerb. Will man eine gute Bewertung, geht man lieber kein Risiko ein und hält am Altbewährten fest.

Was machen Oesch und Räss anders als ihre Kollegen aus den Jodlerverbänden?

Man kann die beiden eigentlich nicht im selben Atemzug nennen, obwohl beide hervorragende Jodlerinnen sind. Melanie Oesch ist im volkstümlichen Schlager zu Hause und kommerziell erfolgreich. Nadja Räss hingegen erscheint nicht in der Hitparade, macht aber sehr interessante Projekte. So ging sie zum Beispiel auf Spurensuche in die Berge, zu den alten Leuten, sammelte Liedgut und arrangierte die Stücke neu mit Klarinette, E-Gitarre und E-Bass.

Wie steht es mit dem Nachwuchs: Zeigen Ihre Studenten Interesse am Jodeln?

Nicht so sehr am Jodeln, aber Volksmusik ist definitiv wieder ein Thema. Für die Studierenden ist das vielfach eine neue Welt – und damit eine Inspirationsquelle.

Autor:Andrea Freiermuth