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26. Mai 2014

Vom Cockpit in den Showroom

Bis zum Grounding flog Esther Zwygart Swissair-Jets. Jetzt ist sie Model und mehr. Doch sie will wieder fliegen. «Wenn man aus den Wolken kommt und die Sonne scheint oder wenn man dem Sonnenuntergang entgegenfliegt – das ist ein unvergleichliches Gefühl.»

Esther Zwygart
Mode präsentieren statt Jets pilotieren: Esther Zwygart nach dem Grounding der Swissair.

Der 2. Oktober 2001 war für Esther Zwygart (33) aus Stäfa ZH und ihre Berufskolleginnen und -kollegen ein schwarzer Tag: Mit dem Swissair-Grounding war die Karriere der begeisterten Pilotin – zumindest vorerst – zu Ende. «Das war schon hart, denn um meinen Traumberuf lernen zu können, habe ich einiges an Energie, Zeit und Geld investiert.» Wollte sie denn schon immer Berufspilotin werden? Esther Zwygart verneint: «Fasziniert war ich vom Fliegen schon immer, ich bin ja auch neben einem kleinen Flugplatz aufgewachsen. Aber als Beruf war die Fliegerei für mich lange kein Thema. Eher dachte ich an eine Bankkarriere.» Mit 17 Jahren hat sie das Privatpiloten- Brevet gemacht. Und an den Wochenenden war sie oft auf dem Flugplatz anzutreffen, von wo aus sie Rundflüge machte.

«Klick» gemacht hat es in den USA: «Während eines Sprachaufenthalts in Arizona bin ich jeden Tag geflogen, und von da an war ich sicher, dass das für mich der richtige Beruf ist.» Zurück in der Schweiz lernte sie statt für die HWV dann auf das Berufspiloten- und Instrumentenflugbrevet. Zur Finanzierung ihrer Ausbildung arbeitete sie als Hostess bei der Crossair und als Model für eine Agentur. Endlich war es dann so weit: Als Berufspilotin wechselte sie erst von der Kabine ins Cockpit, dann von der Crossair zur Swissair. Und da flog sie grosse Maschinen. «Als ich das erste Mal selber einen Airbus steuern durfte, war ich total nervös – obwohl ich ja alle möglichen Situationen auf dem Flugsimulator geübt hatte und mit kleineren Flugzeugen schon unzählige Meilen geflogen war», erinnert sich Esther Zwygart. Aber sie hat die Herausforderung angenommen, und es gab keinen Tag, an dem sie sich nicht auf ihre Arbeit freute – vor allem auch wegen des guten Arbeitsklimas. «Vom ‹Brötchenstreicher› über den Mechaniker bis zum Boden- und Kabinenpersonal: Jeder im Swissair-Betrieb hat seine Aufgabe ernst genommen und wurde vom anderen respektiert», erinnert sie sich.

Für die Pilotin gab es auch schwierige Situationen zu meistern. «Einmal während eines Fluges nach Birmingham fiel über dem Kanal ein Triebwerk aus», erzählt sie. «Wir mussten eine Notlandung nach London-Stansted einleiten. Anfänglich bestand das Problem darin, eine Sinkflugbewilligung zu bekommen, denn es hatte sehr viel Flugverkehr über dem Kanal. Als wir dann endlich in der Nähe des Flughafens waren, kam plötzlich starker Südwind auf. Der Anflug war dadurch zusätzlich sehr anspruchsvoll. Aber wir haben die kritische Situation gut gemeistert.»

Modebranche ist spannend

Vor zweieinhalb Jahren war der Traum vom Fliegen vorerst mal ausgeträumt. Je rund 180 der nach Dienstalter ältesten und jüngsten Pilotinnen und Piloten wurden nach dem Swissair-Grounding entlassen. Esther Zwygart gehörte dazu – ihr Mann, auch Linienpilot bei Swissair, konnte seine Stelle behalten. Der Verlust der Arbeit hat sie nicht nur wegen der Fliegerei getroffen, er stellte auch ihre Familienplanung in Frage. «Unser Beruf bringt es mit sich, dass man immer wieder einige Tage frei hat – eigentlich ideale Bedingungen, um sich gemeinsam um ein Kind zu kümmern.»
Der Kinderwunsch blieb, und auf ihrem letzten Flug erfuhr Esther Zwygart, dass sie schwanger war. «Die eine Tür geht zu, eine andere öffnet sich», beschreibt sie es heute. Ganz aus dem Berufsleben zurückziehen wollte sie sich aber nicht, und durch ihre Beziehungen in der Modebranche fand sie schnell eine Stelle im Textil- und Modecenter TMC in Glattbrugg bei Zürich. In so genannten Showrooms präsentieren sich hier zahlreiche Marken mit ihren neuesten Kollektionen und aktuellsten Trends.
Esther Zwygart hat beim Aufbau einer Modeagentur mitgeholfen, empfängt Kunden, verkauft Kollektionen und führt als Mannequin Kleider vor. «Je nach Saison arbeite ich hier mal mehr, mal weniger. Hauptsache, ich habe für meinen Sohn Nick genügend Zeit.» Während ihrer Abwesenheit übernimmt wenn möglich ihr Mann die Kinderbetreuung. «Das klappt bestens, und Nick ist noch so gerne dabei, wenn es beispielsweise darum geht, dem Papi beim Veloflicken oder Autowaschen zu helfen.»

Sie will wieder abheben

Der ungewöhnliche Berufswechsel brachte Esther Zwygart auch spannende Erfahrungen. «Die Mode ist zwar eine ganz andere Welt als die des Fliegens, aber weil Mode eine schnelllebige und kreative Branche ist, wird es auch hier nie langweilig», sagt die junge Mutter, die in ihrer Freizeit am liebsten Sport treibt. «Bei der Präsentation der Kollektionen weiss man nämlich nie im Voraus, was bei den Kundinnen wirklich ankommt, denn erst die Verkaufszahlen zeigen, welche Teile zum Renner geworden sind.»
Doch es zieht Esther Zwygart zurück ins Cockpit. Sie hat nie aufgehört, sich nach einer Stelle umzusehen. Falls alles klappt, wird sie ab Herbst wieder fliegen. Und darauf freut sie sich: «Wenn man aus den Wolken kommt und die Sonne scheint, dem Sonnenuntergang entgegenfliegt oder nachts einen Sternschnuppenregen sieht, dann ist das einfach ein unvergleichliches Gefühl.»


Dieser Artikel wurde erstmals am 24. Mai 2004 publiziert.

Autor: Marianne Siegenthaler

Fotograf: Lena Amuat